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Kultur

06. Dezember 2016 | 19:00 Uhr

Bestseller in den USA : Alexander von Humboldt und unser Verständnis von Natur

vom

Alexander von Humboldt hat den modernen Begriff der Natur geprägt wie kein anderer. Mit dieser These hat Andrea Wulf in den USA und Großbritannien einen Bestseller gelandet. Nun will sie die Leistung des weltgewandten Forschers auch in Deutschland in Erinnerung rufen.

Dass der Forschungsreisende und Universalgelehrte Alexander von Humboldt (1769–1859) in seiner Heimat Deutschland bekannter ist als in der angelsächsischen Welt, ist kein Wunder.

Doch dass eine deutsche Historikerin mit einem zuerst auf Englisch erschienenen Sachbuch über Humboldt einen Siegeszug durch die Bestsellerlisten der USA und Großbritanniens macht, ist bemerkenswert. Jetzt ist das Buch «Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur» von Andrea Wulf im C.Bertelsmann Verlag auch auf Deutsch erschienen.

Die Kulturhistorikerin legt darin detailreich dar, wie Humboldt unser modernes Verständnis der Natur geprägt hat. «Er hat unser Naturverständnis revolutioniert», sagt die Wahl-Londonerin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Um das nachvollziehen zu können, reiste sie nach Venezuela und Ecuador und bestieg, wie Humboldt, den Andengipfel Chimborazo. Einen Berg, von dem man zu Lebzeiten des Forschers meinte, er sei der höchste der Welt.

Aus der Höhe erkannte Humboldt, «dass die Welt ein riesiger Organismus» ist, «in dem alles mit allem in Verbindung» steht, schreibt Wulf. Eine Sicht auf die Natur, die uns heute selbstverständlich scheint, aber zur Zeit Humboldts mutig und neu gewesen sei. Humboldt habe schon damals vor den Folgen des von Menschen verursachten Klimawandels gewarnt, schreibt Wulf.

Kurzweilig erzählt sie von dem unermüdlichen Schaffen, den Reisen und Kontakten des preußischen Adligen. Dazu gehören die großen Expeditionen nach Südamerika und Russland und das ständige Pendeln zwischen Paris, London und Berlin. Wulf zeichnet das Bild eines Weltbürgers, der immer neugierig, immer offen und von Grund auf liberal war.

Seine Beobachtungen veröffentlichte Humboldt in monumentalen und bebilderten Werken, die Künstler, Wissenschaftler und Politiker anregten. Er legte damit den Grundstein für zahlreiche weitere Forschungen in Disziplinen wie Geologie, Mineralogie, Zoologie, Botanik, Astronomie und Klimatologie.

Humboldt stand im Kontakt mit Goethe, US-Präsident Thomas Jefferson und dem südamerikanischen Revolutionär Simón Bolívar. Charles Darwin verschlang seine Werke und bekannte, er hätte seine bahnbrechenden Entdeckungen nie gemacht, wäre nicht die Inspiration durch Humboldts Bücher gewesen. Dass Darwin sein Vorbild später weit an Ruhm übertreffen sollte, liege daran, dass Humboldt nicht mit einer einzelnen Entdeckung in Verbindung gebracht werden könne, erklärt Wulf. Zudem sei der ganzheitliche Ansatz des Forschers mit der zunehmenden Spezialisierung der Wissenschaften immer mehr in Verruf geraten - zu Unrecht, wie Wulf glaubt.

Wie angesteckt von der umtriebigen Geschäftigkeit Humboldts wertete sie unzählige Briefe und Dokumente aus. Sie kommt dabei auch dem Menschen Humboldt nahe. Zutage tritt ein Mann, der zuweilen kühl und abweisend erscheint, aber im Inneren verletzlich ist und sich nach Anerkennung sehnt. Gleichzeitig ist Humboldt ein Humanist, der um die Gesundheit von Bergleuten in Deutschland genauso besorgt ist wie um das Schicksal der Sklaven in Südamerika und den USA. Seine entschiedene Kritik am Kolonialismus sorgt wohl dafür, dass er die Genehmigung für eine lang ersehnte Indienreise niemals bekommt. Zu einflussreich ist Humboldt zu seinen Lebzeiten. Noch heute ist Humboldt in Südamerika vor allem als Vordenker der Unabhängigkeitsbewegungen auf dem Kontinent bekannt.

Auch in den USA und Großbritannien war Humboldt im 19. Jahrhundert hoch geschätzt, bevor er in Vergessenheit geriet. Stille Zeugen sind noch Städte, Flüsse und Berge, die nach ihm benannt sind. Vielleicht erklärt das teilweise den enormen Erfolg, den Wulf mit ihrem Buch dort gelandet hat, das im September 2015 auf Englisch erschien. Die «New York Times» kürte das Buch zum «New York Times Bestseller» und unter die «10 Best Books of the Year 2015». Von der «Los Angeles Times» wurde sie mit dem Book Prize 2016 ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Science Book Prize 2016 der britischen «Royal Society». Gut zehn Jahre nach dem Erfolgsroman «Vermessung der Welt» von Daniel Kehlmann könnte Humboldt nun auch in Deutschland wieder die Bestsellerlisten stürmen.

- Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Verlag C.Bertelsmann, München, 555 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-570-10206-0.

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

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erstellt am 01.Nov.2016 | 13:03 Uhr

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