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Kultur

09. Dezember 2016 | 10:52 Uhr

Abschied vom Mythos : Abrechnung mit der kubanischen Revolution

vom

Kuba ist wieder groß in Mode. Das Tauwetter zwischen Washington und Havanna hat das Interesse an dem sozialistischen Eiland neu entfacht. Der Journalist Hannes Bahrmann zieht eine sehr kritische Bilanz der kubanischen Revolution. Auch nach Castros Tod noch lesbar.

Es gehört zum Vermächtnis des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama, die Aussöhnung mit Kuba gewagt zu haben.

Nach einem halben Jahrhundert Konfrontation nahm die kapitalistische Supermacht mit dem kommunistischen Karibiknachbarn 2015 die diplomatischen Beziehungen wieder auf, im März 2016 besuchte Obama Havanna.

Erwartungen, dass eine politische Öffnung folgen würde, haben sich aber nicht erfüllt, und wirtschaftlich kommt die Insel nicht aus der Misere. Zumindest der Kubatourismus boomt.

Der Sozialismus auf Kuba hat die Wende in Osteuropa schon um eine Generation überdauert, der am 25. November mit 90 Jahren verstorbene Revolutionsführer Fidel Castro hatte schon lange die Macht an seinen Bruder Raúl (85) abgeben. Wie Castro an die Macht kam und sein Bruder sein Erbe weiterführt, beschreibt Hannes Bahrmann in «Abschied vom Mythos». Der Journalist und Buchautor zieht eine sehr kritische Bilanz von sechs Jahrzehnten kubanischer Revolution: Das einst reiche Kuba ist verarmt, 80 Prozent der Grundnahrungsmittel müssen importiert werden. Es gibt keine Meinungsfreiheit, keine freien Wahlen, dafür einen übermächtigen Staatssicherheitsapparat.

In seiner kompakten Darstellung der kubanischen Geschichte erinnert Bahrmann daran, dass Kuba trotz krasser sozialer Gegensätze vor der Revolution eines der reichsten Länder Lateinamerikas war. Die Benachteiligung der Landbevölkerung und die Brutalität der Diktators Fulgencio Batista, der mit der Mafia kungelte, verschafften den Revolutionären großen Zulauf. Schon kurz nach dem siegreichen Einzug in Havanna 1959 machte sich Castro an die sozialistische Umgestaltung des Landes. Mit verheerenden Folgen, wie Bahrmann schreibt.

Besonders hart geht der Autor mit dem heute oft als Kultfigur verklärten Argentinier Ernesto «Che» Guevara (1928-1967) ins Gericht. Ohne ökonomische Vorkenntnisse zum Industrieminister ernannt, sei dieser maßgeblich verantwortlich für die Zerschlagung einer funktionierenden Wirtschaft gewesen und habe die ersten Arbeitslager eingerichtet. Von Castro kaltgestellt, wurde Guevara in Bolivien erschossen, als er die Revolution nach Südamerika exportieren wollte.

Als ähnlich desaströs bewertet Bahrmann Castros Obsession, die Zuckerproduktion 1970 auf Kosten der ganzen übrigen Wirtschaft unbedingt auf zehn Millionen Tonnen zu steigern - was daneben ging. Die Frage, wie stark das US-Embargo zum wirtschaftlichen Ruin Kubas beitrug, streift der Autor dagegen nur am Rande. Bis zur Wende wurde Havanna von Moskau mit Milliardenbeträgen subventioniert. Ab 1990 ging es steil bergab. Die sozialen Errungenschaften der Revolution wie kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung für alle zu verteidigen, wurde angesichts leerer Kassen immer schwerer.

2006 gab Fidel Castro wegen einer schweren Erkrankung seine Regierungsämter an seinen Bruder Rául ab. Dieser verfolgt eine Linie vorsichtiger wirtschaftlicher Reformen - Marktelemente, aber keine Marktwirtschaft. Einige enge Gefolgsleute Fidels habe Raúl ausgewechselt. Am Machtmonopol der Kommunistischen Partei wird nicht gerüttelt. Bahrmann hegt Zweifel, dass eine Aufhebung des US-Embargos, die nur der Kongress in Washington beschließen kann, eine Demokratisierung Kubas befördern würde.

Bahrmanns Buch ist hochaktuell, es reicht bis in den US-Wahlkampf 2016. Es solle keine wissenschaftliche Arbeit sein, schreibt der Autor im Vorwort, doch hätte es dem Werk gutgetan, die verwendeten Quellen genauer zu kennzeichnen. Diverse historische Fakten, so bei der kubanischen Militärintervention in Angola 1975 und der Flüchtlingskrise 1994 sind falsch dargestellt.

Außerdem zitiert Bahrmann Fidel Castro aus einer «Autobiografie», die der regimekritische kubanische Journalist Norberto Fuentes im Exil verfasste. Doch dabei handelt es sich um eine fiktive Autobiografie, das heißt, was Fuentes Castro in den Mund legt, hat dieser gar nicht wirklich gesagt. Obendrein machte Bahrmann Castro vorzeitig zum Witwer. Er schreibt vom «Tod» seiner Ehefrau Dalia Soto del Valle 2010. Sie hat ihren Mann üerlebt.

- Hannes Bahrmann, Abschied vom Mythos - Sechs Jahrzehnte kubanische Revolution - Eine kritische Bilanz, Ch. Links Verlag, 248 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-86153-912-4.

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erstellt am 29.Nov.2016 | 14:07 Uhr

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