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Kultur

11. Dezember 2016 | 11:02 Uhr

Maria Schneider aus Husum : 18 Jahre lang der kreative Kopf der Autostadt Wolfsburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Maria Schneider aus Husum war mehr als ein Vierteljahrhundert Kreativdirektorin des VW-Vorzeigeprojekts – eine Bilanz.

Husum/Wolfsburg | Natürlich sieht sie diesen Zusammenhang. Das ist schließlich der Job von Maria Schneider: Zusammenhänge sehen. Und deshalb ist ihr ein Satz besonders wichtig: „Meine Entscheidung, die Autostadt zu verlassen, hängt nicht mit der VW-Abgas-Affäre zusammen.“

Die Autostadt, das war mehr als 18 Jahre lang ihre Welt – in jeder Hinsicht. Die schlanke 62-Jährige, die aus Husum stammt, hat die Wolfsburger Autostadt mit aufgebaut, es ist nicht übertrieben, wenn man sagt: Vieles von dem, was dieses Vorzeigeprojekt von Volkswagen ausmacht, basiert auf ihren Ideen, sie war als Kreativdirektorin für die große Richtung, aber auch für viele kleine Projekte zuständig. „Mein Job war das Sehen und das Denken“, sagt sie. Und sie hat für diesen Job nicht nur gedacht – sondern auch gelebt.

Dann, im vergangenen Sommer, fasste Maria Schneider die Entschluss, ihr Engagement zu beenden, die Leitung abzugeben. „Es war eine Entscheidung, die über längere Zeit gereift war.“ Ein paar Wochen später kam die Sache mit den manipulierten Dieselwerten in den USA ans Licht. Der ungewollte Zusammenhang war da. Die Frau, die das Thema Nachhaltigkeit und Ökologie für die Autostadt mit Inhalten besetzt hat, geht also just in dem Moment, in dem der Konzern als skrupelloser Umweltverschmutzer dargestellt wird.

So ein Skandal ist nicht gut für die Glaubwürdigkeit – nicht für die der Marke und gewiss auch nicht für die der Kreativdirektorin der Autostadt: „Ich finde den zeitlichen Zusammenhang schrecklich“, sagt sie. Aber nicht immer lassen sich Zusammenhänge steuern.

Maria Schneider sitzt in der großen Küche ihrer Wohnung in Hamburg-Winterhude und erzählt – bei Tee der Sorte „Sylter Sommer“ und organischer Schokolade – von ihrer Zeit in der Autostadt, aber auch von ihren Husumer Wurzeln. Dort ist sie 1953 als älteste von drei Schwestern geboren worden, von dort aus hat sie ihre berufliche Karriere gestartet. Eine Karriere mit vielen Umwegen: Sie hat gemodelt, erst Kommunikationsdesign, dann Germanistik und Kunstgeschichte studiert und kam schließlich 1998 über die Abzweigung Wolfsburger Kunstmuseum zur Autostadt, die damals noch gebaut wurde.

Seitdem ist Maria Schneider eine Pendlerin zwischen den Welten, von Hamburg aus fährt sie alle zwei Wochen in ihre vertraute nordfriesische Umgebung, in der ihre Mutter und ihre Schwester immer noch wohnen; außerdem mehrmals die Woche nach Wolfsburg, wo die Autostadt ja bis vor kurzem noch als Werkstatt für eine Welt von morgen galt: Ein Erlebnis-Ort für Kunden, die ihren Wagen abholen, ein Kultur-Ort mit überregionaler Ausstrahlung und ein Denk-Ort für ein bewussteres Leben. 33 Millionen Besucher haben die Autostadt seit ihrer Eröffnung im Expo-Jahr 2000 besucht. „Es ging von Anfang darum, den Besuchern nicht nur Shows oder kurzfristige Erlebnisse zu bieten, sondern Erfahrungen zu vermitteln, die bleiben“, sagt Schneider. Etwa zum Thema Ernährung.

2003 begann sie damit, die Gastronomie in der Autostadt auf ökologische Lebensmittel umzustellen, nicht in Teilen, sondern komplett. Der Bauernverband war nicht begeistert, weil Schneider ihnen Bedingungen diktierte: „Wer keine Bioland-Standards garantieren konnte, war nicht dabei“, sagt sie. Es folgten laute Proteste und die Drohung großer Lieferanten, künftig VW-Fahrzeuge zu boykottieren. „Das war nicht immer leicht“, sagt Schneider: „Aber am Ende hatten wir vielen Bauern zwischen Wolfsburg und Magdeburg durch Abnahmegarantien geholfen, auf Bioland umzustellen.“

Solche Geschichten, aus denen neue Zusammenhänge erwachsen, erzählt sie gern, auch von den Veränderungen in den Ausstellungen der Autostadt: „Dort entstehen immer wieder neue Themen und Präsentationen, die Autostadt hat sich schon mehrfach gehäutet.“

Und jetzt, nach der Abgas-Affäre? „Natürlich werden wir viel darauf angesprochen, und ich glaube, dass dieses Thema, wenn VW die Krise aufgearbeitet hat, auch in den Ausstellungen berücksichtigt werden sollte“, sagt sie. Selbst wird sie diese Umsetzung nicht mehr gestalten.

Ende Mai verlässt Maria Schneider Wolfsburg, zurück bleibt ihr Team aus 70 Mitarbeitern, das künftig ohne sie das Konzept Autostadt mit Inhalten füllen wird. „Es wird sich sicherlich einiges verändern nach mir“, sagt Schneider. So wie sich für sie auch einiges verändern wird. Sie will künftig frei arbeiten, gesellschaftliche Themen, Kunst, Kultur und auch die Ökologie werden dabei im Mittelpunkt stehen. Themen und Zusammenhänge also, die ihr wichtig sind.

www.autostadt.de

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erstellt am 19.Mai.2016 | 18:52 Uhr

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