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Deutschland & Welt

05. Dezember 2016 | 15:37 Uhr

EM 2016 : Ist das Kunst oder muss das weg? Uefa sperrt Video-Memes

vom
Aus der Onlineredaktion

Menschlich, witzig, rührend oder brutal – nein danke. Die Uefa hat viele Ausschlusskriterien, und sie will bestimmen, was von der EM 2016 haften bleibt.

Nyon | Beim Fußball fängt der wirkliche Spaß bei einigen so richtig erst nach dem Abpfiff an. Wenn die merkwürdigsten Spielszenen noch einmal verballhornt werden, geht es in den sozialen Netzwerken zur Sache. Meme-Kultur nennt man den Ideen-Wettbewerb nach dem Spiel – eine neue Form der „dritten Halbzeit“. So ging es auch nach dem epischen Elfmeterschießen zwischen Deutschland und Italien darum, mit dem witzigsten Einfall populär zu werden. Videocollagen flogen durchs Netz, die das Verschuss-Spektakel nebst Zaza-Elfer noch einmal auf das kuriose Wesentliche stutzten. Das Ergebnis ging im Fluge über die Displays der Fußballaffinen. Sogar Bundesjustizminister Heiko Maas fand Gefallen und tippte lobende Worte.

Dann schritt die Uefa ein und schob dem lustigen Spiel mit dem Lösch-Reflex einen Riegel vor. Der europäische Fußball-Verband bewirkte, dass Twitter die Accounts der Macher und deren kleine Kunstwerke sperrte. „Dieses Video enthält Inhalte von Uefa. Dieser Partner hat das Video aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt“, hieß es dann. Schließlich hatten die Künstler ohne Genehmigung Uefa-Bildmaterial verhackstückt und wieder zusammengefügt. Der Ersteller Kurt Prödel – eigentlich HipHop-Videomacher durch das gesperrte Filmchen nunmehr zu Twitter-Heiligen aufgestiegen – hatte alle 18 Elferschützen ihre Versuche gleichzeitig abfeuern lassen und dies auf ein 14 Sekunden langes, bewegtes Bild (nach dem Dateiformat „Gif benannt“) gepresst.

Das Netz reagiert auf den kleinlichen Pfiff des Nyoner Oberschiedsrichters mit den Hastags #UEFABoykott und #FreeKurtProedel. Erst dürfen die Spieler keine Kinder mehr mit auf den Rasen nehmen und dann schiebt der EM-Veranstalter gleich den nächsten unpopulären Aufreger hinterher. Auch dem falschen deutschen Rekordinternationalen Lothar Matthäus schmeckt der rigorose Rotstift der Fußball-Regierung nicht.

Die Uefa hat die Übertragungrechte für viel Geld an die Fernsehender verkauft. Dabei kontrolliert sie aber nicht nur die Urheberrechte und Kamerawinkel, sondern auch die weitergegebenen Bilder und das Archiv. Es sollen zur Dämmung möglicher Nachahmungseffekte freilich keine Bilder von Fans gezeigt werden, die bei Spielen auf den Platz laufen. Als es am Anfang des Turniers zu heftigen Straßenschlachten von englischen und russischen Krawall-Fans in Marseille kam, wollte die Uefa davon keine Bilder herauszurücken. ARD und ZDF protestierten gegen Randale-Zensur.

Rechtlich stellt sich bei den nun gelöschten Video-Collagen durchaus die Frage: Ist das Kunst oder muss das weg? Der Urheberrechtsanspruch ist nur grob betrachtet eindeutig. Zwar darf ohne Genehmigung niemand einfach Bilder des Spiels verbreiten. Doch ist dies überhaupt geschehen? Sind die stark verfremdeten Clips nicht Kunst in sich? In den USA liefe dieser Ausschnitt zweifelsohne unter „Fair Use“.

Das Portal Netzpolitik.org beschäftigt sich aus aktuellem Anlass intensiv mit der rigorosen Auslegung des Urheberrechtes durch die Uefa und hegt Zweifel an der Rechtmäßigkeit. Erst im Mai 2016 hatte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) nämlich entschieden, dass im Fall von Sampling kurzer Musiksequenzen Kunstfreiheit Vorrang vor Urheber- und Leistungsschutzrechten haben kann. Auch ermögliche das bestehende Recht eine „freie Benutzung“ von Werken auch „ohne Zustimmung des Urhebers“, hieß es mit Verweis auf das § 24 Urheberrechtsgesetz (UrhG). So ließe sich sehr gut argumentieren, dass das Video von Kurt Prödel keine Urheberrechtsverletzung darstelle.

Prödels Account ist inzwischen wiederhergestellt – es gibt T-Shirts.

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erstellt am 07.Jul.2016 | 17:05 Uhr

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