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Deutschland & Welt

05. Dezember 2016 | 17:41 Uhr

20 Jahre geklonte Säugetiere : Ich und Dolly: Mein Leben mit dem Klonschaf

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine tabulose Tüftelei mit dem Leben und ein ethisches Erdbeben: Vor 20 Jahren wurde Dolly geboren. Ein persönlicher Rückblick.

Dolly, das Schaf. Wie gern hätte ich sie einmal lächeln sehen, nur um zu schauen, ob ihr Strahlen sich von ihrer genetischen Schablone nicht doch irgendwie unterscheidet. Aber aus einer erwachsenen (!), somatischen Zelle geklonte walisische Bergschafe lächeln ja aus Prinzip nicht, zu viel Science Fiction.

Wenigstens kann ich mich noch genau erinnern an die Zeit nach ihrer erdbebenerzeugenden Bekanntgabe. Die Wissenschaftler hatten ihr Zeit gelassen, ins Leben zu finden, bis sie die Bombe platzen ließen. Die Bio-Lehrerin trabte mit ernster Mine durchs Klassenzimmer und platzierte eine Kopie der Zeitungs-Kunde von ihrer Geburt auf die Tische aller Zehntklässler. Ein Clown war witzig, doch was war ein Klon? Eine ausgehungerte Euterzelle war von einem Team um die Biologen Wilmot und Campbell in die entkernte Eizelle eines Schafs eingesetzt worden, erfuhr man. Beide Zellen wurden durch einen elektrischen Impuls miteinander verschmolzen. 277 Embryonen hatten die Forscher im schottischen Roslin produziert, nur einer reifte in einer Leihmutter heran. Das Ergebnis war ein lebendiges Schaf – das schon seit sieben Monaten mit uns den Planeten teilte. Aus dem Klassenzimmer nebenan hallte es schräg: „Wie schön, dass du geboren bist“. Niemand lachte.

Die Geschichte passte einigermaßen verspätet in den Lehrplan, aber überhaupt nicht in den Kram. Auch die Deutschlehrerin sah am selben Tag stirnrunzelnd Redebedarf. Die doppelte Dolly – benannt nach der vollbusigen Country-Sängerin Dolly Parton („die da pikanterweise viermal den Namen singt Jolene, Jolene, Jolene, Jolene“) – war interdisziplinär.

Es ist „der Aufbruch ins biotechnische Zeitalter“, wie es später ein Buchtitel nennt. Eine Mondlandung auf einem Hof in Schottland und im Labor. Dass es ein Klon-Schaf aus dem Reagenzglas geben könne, hatte man vorher genauso für Dystopie gehalten wie Arbeitslosenzahlen über vier Millionen. Nun gab es gleich beides auf einmal. Erstens Technologie, die die menschliche Arbeitskraft wegrationalisierte und nun Technologie, die die Schöpfung rationalisierte. Wie sollte die Lehrerin das nur diesem spätpubertierenden Haufen erklären? Jobmotor Klon-Industrie? Gütiger Himmel, nein! Zimmermann sei ein guter Beruf, goldenes Handwerk, war das Fazit der Verwirrung dieser Deutsch-Stunde. Die Briten mitsamt Dolly und BSE wünschte man sich weg.

Ich sah mich im Klassenzimmer um: Von diesen Leute brauchte es doch keine Dublette, von mir schon gar nicht. Was mich seinerzeit auch innerhalb des Klassenzimmers  am meisten interessierte: Gab es ein Mittel gegen Vergänglichkeit? War Dolly vielleicht ein Zeichen für den Beginn eines menschlichen Siegeszuges gegen die christliche Vanitas? Sie war es subjektiv nicht. Alles erschien mir durch die Reproduzierbarkeit des eigenen Ichs und die Auflösung der Einzigartigkeit noch ein Stück vergänglicher. „Dich kann es zweimal geben, dich kann es dreimal geben, du wirst immer sterben und nur einmal leben“, reimte ich, so, als wollte ich es in ein Mikro gröhlen. Später fand man ja auch heraus, dass Klonen zu vorschneller Alterung führt.

Nach diesem Erfolg mit Dolly wurde noch schneller geklont, als in der ethischen Debatte Sätze fielen, darunter Pferde, Ziegen und Schweine, Kaninchen, Hunde und Katzen. Die Prozedur wurde dabei bis heute kaum verändert. 2013 gelingt es US-Forschern – wir wussten es ja damals schon – menschliche embryonale Stammzellen nach dem Dolly-Verfahren zu produzieren.

Dass Dolly mit nur sieben Jahren als dreifache Mutter an einer Lungenkrankheit starb, ist wohl darauf zurückzuführen, dass man Zellkerne aus einem erwachsenen Tier verwendete. Darauf deuten ihre frühen Alterserscheinungen hin. Im Royal Museum in Edinburgh steht ihr Balg seit 2003 ausgestopft herum, darunter liegen zwei präparierte Ködel.

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erstellt am 03.Jul.2016 | 20:24 Uhr

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