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Deutschland & Welt

11. Dezember 2016 | 10:55 Uhr

Konflikte : Erdogan und die Verschwörungstheorien um den Putschversuch

vom

Istanbul (dpa) - War der Putschversuch in der Türkei von Präsident Recep Tayyip Erdogan inszeniert? Seit der Niederschlagung des Putsches kursiert diese Verschwörungstheorie bei Erdogan-Kritikern in der Türkei, aber auch im Westen. Fragen und Antworten dazu.

Wurde der Putsch nicht verdächtig schnell niedergeschlagen?

Er wurde zwar schnell niedergeschlagen, kostete aber einen hohen Blutzoll. Der prominente türkische Autor und Journalist Ahmet Sik bringt die Möglichkeit ins Spiel, dass die Regierung von dem Plan Wind bekam und die Umstürzler sich zum Handeln gezwungen sahen, bevor ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren. Dafür spricht, dass Sicherheitsvorkehrungen durch regierungstreue Polizeikräfte zuvor sichtbar erhöht wurden. Schon kurz vor Beginn des Putschversuches rief die Polizei in Ankara alle Beamten in den Dienst zurück.

Hätte Erdogan den Putschversuch inszenieren können?

Angesichts von Erdogans Einfluss wäre das vermutlich nicht undenkbar, aber doch sehr schwierig. Unter den mutmaßlichen Rädelsführern sollen zahlreiche Generäle sein, die mit Erdogan unter einer Decke hätten stecken müssen. Erdogan hat angekündigt, dass die Putschisten «einen sehr hohen Preis» bezahlen werden, vermutlich werden sie viele Jahre im Gefängnis sitzen müssen. Welchen Vorteil die Offiziere von einer solchen Verschwörung hätten, erschließt sich nicht.

Was hätte Erdogan von einem inszenierten Putsch? 

Die Aussicht auf mehr Macht und einen hervorragenden Grund, gegen seine Gegner vorzugehen. Der Putschversuch dürfte Erdogan als Argument für sein wichtigstes und umstrittenstes Ziel dienen: Die Einführung eines Präsidialsystems, das nach seinen Worten für mehr Stabilität in der Türkei sorgen soll. Allerdings: Erdogan ist bereits jetzt unangefochten der mächtigste Politiker der Türkei. Die Chancen, dass er sein Präsidialsystem bekommt, standen schon vor dem Putschversuch nicht schlecht. Es erscheint ein sehr hohes Risiko, einen Umsturzversuch zu inszenieren, um diese Chancen zu erhöhen. Und gegen seine Gegner geht Erdogan seit Jahren vor - auch ohne Putsch.

Ist Erdogan nicht bekannt für seine Risikofreude? 

Doch. Aber ein inszenierter Putsch wäre wohl auch für seine Verhältnisse extrem hoch gepokert. Ein westlicher Sicherheitsexperte, der an eine Inszenierung nicht glauben mag, drückt das so aus: «Das ist, als würdest du dein Haus anzünden und hoffen, dass es nicht abbrennt. Aber am Ende brennt es vielleicht doch ab.»

Wirkte Erdogan beim Putschversuch, als habe er alles unter Kontrolle?

Nein. Er und auch Ministerpräsident Binali Yildirim wirkten nervös. Mitarbeiter aus Erdogans Umfeld schienen verunsichert.

War es nicht verdächtig still um Erdogan in den Tagen davor?

Das stimmt. Regierungskreise liefern dafür aber eine plausible Erklärung: Erdogan habe den Bayram-Urlaub nachgeholt, den er während des Festes zum Ende des Fastenmonats Ramadan nicht mit seiner Familie verbringen konnte - weil er beim Nato-Gipfel in Warschau war.

Warum haben die Putschisten Medien nicht unter Kontrolle gebracht?

Die Umstürzler haben das versucht. Sie kaperten den Staatssender TRT, wo sie ihre Erklärung verlesen ließen. Ein Putschisten-Hubschrauber griff den wichtigsten Satelliten- und Kabelfernsehanbieter Türksat in Ankara an, wurde aber abgeschossen. Putschisten drangen auch in die Zentrale der Mediengruppe Dogan in Istanbul ein, zu der unter anderem der Sender CNN Türk gehört. Zuvor hatte Erdogan per Facetime-Anruf bei CNN Türk das Volk dazu aufgerufen, gegen die Umstürzler auf die Straßen zu gehen - mit Erfolg. Das Internet in der Putschnacht funktionierte nur schleppend, soziale Medien teils gar nicht.

Waren die Erdogan-Anhänger nicht verdächtig schnell einsatzbereit?

Nicht wirklich. Zunächst flüchteten zahlreiche Menschen nach Hause. Nach Erdogans Aufruf drangen dessen Anhänger dann massenhaft auf die Straßen und Plätze, was aber spontan und nicht organisiert wirkte. Glühende Gefolgsleute Erdogans sind durchaus bereit dazu, ihr Leben zu riskieren, um ihr Idol zu schützen - Politik ist in der Türkei eine emotionalere Sache als in Deutschland. Und schließlich war es in der Putschnacht nicht so, als hätten die Menschen Wichtigeres zu tun gehabt: Das Schicksal der Nation stand auf dem Spiel.

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erstellt am 17.Jul.2016 | 14:58 Uhr

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