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Deutschland & Welt

09. Dezember 2016 | 03:01 Uhr

Ex-Musterschüler bei der Energiewende : Die liebe Kohle: Darum rutscht Deutschland im Klimaschutz-Index hinter Indien

vom

Deutschland wird von Klimaschützern gerüffelt. Die Emissionsziele für 2020 werden wohl nicht erreicht werden können.

Marrakesch | Deutschland wähnt sich als sauberste Lokomotive beim Klimaschutz. Doch der ehemalige Musterschüler hat Federn gelassen und Prestige verspielt. Umweltorganisationen sehen die Bundesrepublik hinter Ländern wie Indien, Indonesien oder Ägypten. Die besten Noten bekommen im diesjährigen Klimaschutz-Index Frankreich, Schweden und Großbritannien.

Vom 7. bis 18. November 2016 treffen sich Delegierte aus mehr als 190 Ländern in Marrakesch, um über die Umsetzung des Pariser Klimavertrags zu beraten. Der gilt zwar als ein großer diplomatischer Erfolg, doch die globalen Treibhausgasemissionen steigen weiter an.

Auch auf der diesjährigen Weltklimakonferenz gab es allerdings Lob - etwa für ein Beratungsprogramm für Länder, die erstmal lernen müssen, wie man Klimaschutz plant. „Wir sind vorn“, sagt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Brustton der Überzeugung. Sehen das alle so? Für das Endlos-Gezanke um den deutschen Klimaschutzplan verliehen die Klimaschützer in Marrakesch der Bundesrepublik vergangene Woche die zweifelhafte Auszeichnung „Fossil des Tages“. Und jetzt geben die Organisationen Germanwatch und CAN Europe auch noch bekannt, dass „Weltmeister “ Deutschland in Sachen Klimaschutz auf Platz 29 Landet.

Die Umweltschützer stören sich vor allem an Deutschlands Kohle. „Das ist das Hauptproblem“, sagt Jan Burck, der den diesjährigen Klimaschutz-Index mitverfasst hat. Deutschland habe keinen Ausstiegsplan, die Emissionen gingen in den letzten Jahren kaum bis gar nicht zurück, und die Klimaziele 2020 werde Deutschland voraussichtlich auch reißen.

Die deutschen Offiziellen nehmen die Watsche halbwegs gelassen. Der Pressechef von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), Michael Schroeren, schimpft auf Twitter: Der Index sei „höchst subjektiv und willkürlich“. Er meint damit unter anderem den Blick der Organisationen auf die Atomkraft. Unter den Top drei der 59 Länder in der Rangliste sind Frankreich und Großbritannien, die auch in Zukunft auf Atomkraft setzen wollen. „Das ist ein Klimaschutzindex, kein Nachhaltigkeitsindex“, entgegnet Burck. Natürlich seien Atomkraftwerke keine gute Lösung, weil sie andere Gefahren mit sich brächten.

Auch wenn man über die Rangliste selbst diskutieren kann: Dass Deutschland bisher trotz Energiewende an seinem klimaschädlichen Kohlestrom hängt, ist kaum zu bestreiten. Zwar steigt der Anteil der erneuerbaren Energien, aber die Kohlekraftwerke exportieren emsig ins Ausland. Deutschland sei bei der Kohleverstromung „dominierend“ in Europa, bilanziert etwa die Denkfabrik Agora Energiewende.

Gerade erst hat Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Kommission, die den Kohleausstieg als „Vollendung der Energiewende“ vorbereiten sollte, aus dem Klimaschutzplan gekegelt. Der SPD-Chef muss sich vorwerfen lassen, der Kohlelobby das Wort zu reden. Kleiner Trost für Deutschland: Der Klimaschutzplan ist seit Montag verabschiedet, wurde aber für den Index noch nicht berücksichtigt. „Wenn die Emissionen so sinken, wie es der Plan vorsieht, dann kann Deutschland wieder oben mit dabei sein“, sagt Burck.

Der Klimaschutz-Index schaut aber nicht nur auf Deutschland, sondern auf fast die ganze Welt - auf 58 Länder, die zusammen 90 Prozent der Treibhausgase in die Atmosphäre blasen. Und da gibt es verhalten gute Nachrichten: „Das Klimaabkommen von Paris hat Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz weltweit Rückenwind gegeben“, schreiben die Autoren. Fortschritte bei Wind- und Sonnenstrom machten etwa China, Indien und Klimakonferenz-Gastgeber Marokko.

Bereits am Wochenende hatte der Forschungsverband „Global Carbon Project“ mit der guten Nachricht aufgewartet, dass die weltweiten CO2-Emissionen trotz wachsender Weltwirtschaft kaum gestiegen seien - das dritte Jahr in Folge. Trotzdem steigen sie, und die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ist nach UN-Anhaben hoch wie nie.

Für das Ziel des Klimaabkommens von Paris, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, reiche es in keinem Land, heißt es denn auch im Klimaschutz-Index. Wie in den letzten Jahren schon bleiben die ersten drei Plätze des Rankings deswegen leer. Das Fazit passt zu dem der gesamten Klimakonferenz in Marrakesch: Die Welt kennt das Ziel, sie kennt den Weg dahin und ist schon ein Stück weit gegangen - aber sie muss sich beeilen.

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erstellt am 16.Nov.2016 | 15:54 Uhr

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