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Boulevard

03. Dezember 2016 | 16:44 Uhr

Medien : Vergiss mein Ich

vom

Wie die Hauptstadt von Frankreich oder unsere Bundeskanzlerin heißen, kann fast jeder beantworten. Auch Lena tut das im Krankenhaus ganz brav nach Wiedererwachen. Was sie bloß nicht mehr erinnert: Wie ihr eigener Name lautet, wie ihr Mann heißt, ob sie überhaupt einen hat und wo sie wohnt.

Retrograde Amnestie lautet die Diagnose, eine Gehirnhautentzündung hat ihr biografisches Gedächtnis zerstört. Der Film «Vergiss mein Ich» ist an diesem Dienstag (22.45 Uhr) im Ersten zu sehen.

Einfühlsame, lange und langsame Kamerafahrten verfolgen Lena (Maria Schrader), wie sie wie ein verwundetes Tier durch ihre Wohnung streift. Gemeinsam mit ihrem Mann Tore (Johannes Krisch) sieht sie sich Fotos an: «Wer ist das?» - «Deine Mutter. Aber euer Verhältnis ist nicht so gut.» - «Warum?» - «Weiß ich nicht.» Zusammen mit ihrem Arzt muss die intellektuelle Wissenschaftlerin, die Bücher über das Verhältnis der Geschlechter schreibt, Gesichtsausdrücke lernen, sie kennt zwar Worte, aber nicht ihre Bedeutung.

Anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Filmen und dem Besuch gemeinsamer Orte versucht sie sich an ihr früheres Leben zu erinnern und herauszufinden, wer diese Lena eigentlich war und welche Beziehung sie zu Tore hatte. Doch je mehr sie von der «alten Lena» kennenlernt und je mehr ihre Umwelt versucht, sie in die alte Rolle zu drängen, desto mehr fragt sich die «neue Lena», ob sie das überhaupt will. Wie ein neugieriges Mädchen entdeckt sie die Welt neu, hat plötzlich keine Höhenangst mehr und will das Leben einfach ausprobieren - inklusive Affäre mit einem anderen Mann (Ronald Zehrfeld).

Maria Schrader («Aimée und Jaguar») spielt die Rolle der Lena mit einer unglaublichen Zerbrechlichkeit und entwaffnenden Naivität. Aber auch Johannes Krisch überzeugt als ihr aufopfernder Mann, der am Ende der Verzweiflung nahe ist: «Ich habe Lena geliebt. Du kannst sie nicht einfach spielen.» Doch Lenas Wahrheit sieht anders aus: «Ich will einfach nur ich selbst sein!» - «Wo hast Du das denn her?» - «Das habe ich von mir.»

Als der Kinofilm im Frühjahr 2014 auf dem Markt kam, war die Kritik überwiegend positiv: «Maria Schrader spielt diese Selbst-Findung so mitreißend, dass man neidisch auf ihre neu gewonnene Freiheit wird.», schrieb «Spiegel Online». Sie spiele mit ernster Neugier, ungehemmter Präsenz und kindlichem Schalk. «Sie findet jeden Fettnapf und bringt ihre Umwelt durcheinander wie ein junger Hund eine Fleischerei.»

In einem Interview mit dem «Münchner Merkur» berichtete die heute 50 Jahre alte Schauspielerin von den langen Vorbereitungen zu dem Film: «Wir haben uns mit verschiedenen Spezialisten und Ärzten getroffen, ich hatte die Möglichkeit, Interviews mit Amnesiepatienten zu sehen, natürlich gibt es auch viel Literatur, das ganze Programm eben. Ich habe erfahren, dass sich Menschen in einer solchen Lage völlig unterschiedlich verhalten. Es gibt kein Regelwerk. Das hat mich schauspielerisch beruhigt und auch befreit.»

Schon am Anfang werde ihr von ihrem ganzen Umfeld gespiegelt: Du hast dein Gedächtnis verloren, und das ist traurig. «Der Automatismus, dass Verlust notwendig Trauer erzeugt, oder Institutionen wie die Monogamie: Das alles ist nichts anderes als eine gesellschaftliche Verabredung», sagte Schrader weiter. «Und die hinterfragt der Film.»

Vergiss mein Ich

Spiegel Online über den Film

Maria Schrader im Münchner Merkur

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erstellt am 02.Aug.2016 | 00:01 Uhr

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