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Boulevard

10. Dezember 2016 | 02:17 Uhr

US-Wahl : Trump aus der Ferne: Was denken Amerikaner in Deutschland?

vom

Auch in Deutschland fiebern viele Amerikaner derzeit mit: Clinton oder Trump? In der Kulturszene ist die Richtung ziemlich klar.

Als George W. Bush 2004 ins Rennen ums Weiße Haus ging, gab es in Berlin Leute, die den Läufern beim Marathon Protest-Aufkleber mit «Running against Bush» verpasst haben. So erzählt es die Amerikanerin Anna Winger (46), die damals beim «Rennen gegen Bush» in Deutschland dabei war.

Die Autorin der Fernsehserie «Deutschland 83» hat bereits einige Wahlkämpfe fern der Heimat verfolgt. Diesmal sorgt sie sich wegen des republikanischen Kandidaten Donald Trump. «Wie sind wir da bloß hineingeraten?», fragt Winger. Das Rennen sollte eigentlich nicht so knapp sein, findet sie. Wie viele der amerikanischen Künstler und Intellektuellen, die in Deutschland leben, ist sie für die Demokratin Hillary Clinton.

Trump kommt nicht gut weg. «Eine Mischung aus Dieter Bohlen, Dagobert Duck und einem Pegida-Anhänger»: So beschreibt ihn die in Berlin lebende Kabarettistin Gayle Tufts (56). Sie denkt, dass sich Clinton durchsetzen wird. «Ich glaube immer noch an die Intelligenz und die Vernunft meiner Landesbrüder und -schwestern.» Amerika sei schließlich nicht nur das Land von Trump - sondern auch ihr Land und das von «Walt Whitman, Martin Luther King, Michelle Obama, Patti Smith und Chocolat Chip Cookies».

Auslands-Amerikaner gelten grundsätzlich als linker als der Durchschnitt in ihrer Heimat. Ob bei Verlagen oder US-Einrichtungen in Deutschland: Ein Trump-Befürworter ist in der Kulturszene kaum zu finden. Auch die Organisation Republicans Overseas oder die Berliner Denkfabrik Aspen Institut, die einen konservativen Ruf hat, können nicht helfen.

Mehr als 110 000 US-Amerikaner leben in Deutschland, etwa 17 000 in Berlin. Englisch ist in Szene-Kneipen längst Zweitsprache. Wie bei den letzten Wahlen gibt es wieder Events, bei denen man am 8. November die Entscheidungen in den US-Bundesstaaten live verfolgen kann. Diesmal ist das von den Amerikanerinnen Jillian May and Michelle Casciolo mitgeführte Café «Hallesches Haus» in Berlin-Kreuzberg neu dabei, das die ganze Nacht öffnet.

Die Unterlagen für die Briefwahl zu bekommen und im Ausland abzustimmen, ist für Amerikaner deutlich mühsamer als für Deutsche, wie Anna Winger erklärt. «Es ist hier viel besser organisiert.» Im «Halleschen Haus» unterstützt sie mit weiteren Mitstreitern Amerikaner, sich zu registrieren.

Ihre junge Kollegin Naomi Marne (23) hatte sie auf ein typisches Problem der Millennial-Generation aufmerksam gemacht: Viele junge Amerikaner haben gar keinen Drucker, um die Unterlagen zu verschicken. Also werden Drucker, Umschlag und Briefmarken bereitgestellt. Die Aktion soll helfen, so viele Leute wie möglich zum Wählen zu bringen.

Daniel Brunet (37), Schauspieler und einer der künstlerischen Leiter des English Theatres in Berlin, wird den Wahlabend in Begleitung eines Kamerateams verbringen. Es wird ein Kurzfilm darüber, wie ein Amerikaner die Wahl erlebt. Ihn bewegt das Thema Rechtspopulismus. «Es scheint mir so, als ob die westlichen Gesellschaften sehr gespalten sind und viele Angst haben.»

Trump kommt für ihn grundsätzlich nicht infrage, «aus Respekt für die menschliche Würde und Selbstbestimmung». Bei seinen Landsleuten in Berlin hat Brunet eine ganze Bandbreite an Gefühlen beobachtet, von Unglauben bis Verzweiflung. Den Ausgang der Wahl könne er nicht vorhersagen: «Zum Glück bin ich keine Kassandra.»

Auch die aus Chicago stammende Musikerin Kim Sanders (47), bekannt aus der Sendung «Voice of Germany», ist Clinton-Wählerin. Sanders lebt seit 27 Jahren in Deutschland und seit kurzem in Hannover. «Obwohl ich von Beruf Künstlerin bin und keine politische Analystin, denke ich, dass diese Wahl eine der kritischsten Wahlen überhaupt ist», sagt sie. Clinton als Präsidentin sei die einzige Hoffnung, dass Amerika nicht wieder in die Mentalität der 50er und 60er Jahre zurückfalle. Das sei nach dem Fernsehduell Trump gegen Clinton deutlich geworden.

Der Geschichtsprofessor Alex Novikoff (37, Fordham University, New York) ist gerade Stipendiat an der renommierten American Academy in Berlin. Wie viele Kommentatoren denkt auch er an die Parallelen, die es zwischen den nationalistischen und populistischen Strömungen in den USA, England, Frankreich und anderorts gibt.

Auf viele Arten sei Deutschland der ideale Ort, den Aufstieg des Trump-Phänomens zu beobachten, meint Novikoff. «Sicher hat kein Land schmerzhafter die Folgen erfahren, wenn man es zulässt, dass Fanatismus und Demagogie ein demokratisches System überrollen, um Fremde zu vertreiben und das Land "wieder großartig» zu machen».

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erstellt am 04.Okt.2016 | 08:50 Uhr

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