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Boulevard

03. Dezember 2016 | 16:36 Uhr

Fernsehen : Tratsch und Totschlag

vom

«Leiche ohne Kopf in Oben-Ohne-Bar». Mit solchen bizarren, nicht selten frei erfundenen Schlagzeilen köderten Rupert Murdochs Massenblätter wie die «New York Post» oder «The Sun» seit den 1970er Jahren ihre Leser.

Dazu gesellte sich bei der britischen «Sun» das spärlich bekleidete Mädchen von nebenan auf Seite drei, viel Sport und Entertainment sowie ein chauvinistischer Grundtenor, der sich gegen alles richtete, was aus Richtung Europa und speziell von der EU kam. Noch beim Brexit-Referendum vor wenigen Wochen empfahl die «Sun» ihren Lesern folgerichtig, für den Austritt Großbritanniens aus der EU zu stimmen.

Jean-Baptiste Péretiés Dokumentation «Tratsch und Totschlag», die am Sonntag (24. Juli) um 21.40 Uhr bei Arte läuft, beleuchtet den Aufstieg und Niedergang der britischen Boulevardpresse und wirft kurze Seitenblicke auf Deutschland und Frankreich. Es kommen ehemalige Chefredakteure, Reporter, Verlagsmanager und Paparazzi zu Wort - ein wenig kritischer hätte man sich dieses bunte Presse-Potpourri aus den Hochzeiten des Boulevard-Journalismus allerdings schon vorstellen können. Der Rückblick der Beteiligten fällt schon sehr versöhnlich aus. Die Opfer der oft skrupellosen Kampagnen kommen nur am Rande vor.

«Boulevard ist Bauchgefühl», sagt einer der Gesprächspartner zu Beginn des Films. Das hatte der australische Unternehmer Rupert Murdoch auf jeden Fall, als er 1969 das angeschlagene Revolverblättchen «The Sun» kaufte und mit wenig zimperlichen Methoden zum Flaggschiff seines stetig expandierenden Medienimperiums machte. Der Zweck der Auflagensteigerung heiligte alle Mittel - je reißerischer die Storys, umso besser.

Die Skandale und Fehltritte von Prominenten wie Bill Clinton, O. J. Simpson oder Prinzessin Diana waren gefundenes Fressen für die Bluthunde von Boulevard, die kein Pardon kannten. Der Unfalltod von Prinzessin Diana am 31. August 1997, deren Limousine von Paparazzi verfolgt wurde, markierte für viele Interviewpartner einen Wendepunkt in der Geschichte der Boulevardpresse. Zum ersten Mal zeigt sich in den Gesichtern der ehemaligen Starreporter, die ansonsten mit Stolz auf ihre Karrieren zurückblicken, so etwas wie Nachdenklichkeit und vielleicht sogar Reue.

Dianas Tod war die Zäsur. Parallel dazu gewann in den 1990er Jahren das Internet ständig an Bedeutung, das heute rund um die Uhr das Bedürfnis nach Klatsch und Tratsch zu stillen vermag. Nach den echten Royals folgten die «Trash-Prinzessinen» wie Paris Hilton und Lindsay Lohan, und heute kann dank der sozialen Medien jeder seine eigene Klatschpresse nutzen.

Die Arte-Dokumentation beleuchtet kurz auch die Situation in Frankreich und Deutschland. Ex-«Bild»-Chefredakteur Udo Röbel kommt zu Wort sowie Axel-Springer-Biograf Tilman Jens. Merkwürdigerweise war der Boulevardjournalismus in Frankreich deutlich zahmer. Eine harmlose Promi-Postille wie «Paris Match» wirkt im Vergleich zu den angelsächsischen Revolverblättern wie ein Poesiealbum.

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erstellt am 24.Jul.2016 | 00:01 Uhr

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