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Boulevard

29. Juli 2016 | 12:08 Uhr

Linguist Horst Simon im Interview : Sprachwandel: Sorgen um Genitiv und Apostroph

vom

Meiner Mutter ihre Dauerwelle - der Genitiv ist eines der Sorgenkinder des deutschen Bürgertums. Wie der unhandliche Kasus gerade seine Formen und seine Funktionen verändert, erklärt der Linguist Prof. Horst Simon im Interview.

Berlin | Hat mein Nachbar wegen des schlechten Maiwetters so miese Laune? Oder wegen dem schlechten Maiwetter? Für solche Fragen ist Prof. Horst Simon genau der richtige. Der Linguist leitet an der Freien Universität Berlin nächste Woche eine Tagung über ein „Sorgenkind der Sprachkritik“ - den Genitiv.

„Deppen-Apostroph“ und der Dativ, der dem Genitiv sein Tod sein soll: Ist über den Genitiv nicht schon alles gesagt? 
Oh nein, das täuscht. Unter theoretischer Perspektive ist der Dativ viel besser erforscht, der Genitiv relativ wenig. Für Linguisten ist das Thema spannend. Wie verwenden Menschen ihn heute wirklich? Sehr Adressaten-orientiert nämlich. Deshalb ist auch der Begriff „Deppen-Apostroph“ falsch, er ist viel eher ein netter Apostroph. Denn er macht es den Adressaten leichter, das Wort zu erkennen und wird in den meisten Fällen sehr bewusst gesetzt, gar nicht willkürlich. Wir Linguisten predigen keine Normen, wir untersuchen die Sprache so, wie Menschen sie gebrauchen, wie Laien schreiben und sprechen.

Wie steht es denn aus Linguisten-Sicht um den Genitiv? 
Auch wenn der Genitiv in einigen Bereichen derzeit stabil ist, muss man sagen, dass er langfristig betrachtet auf dem absteigenden Ast ist. Mit Verben wird er so gut wie gar nicht mehr verwendet. Wer sagt noch „Ich erinnere mich des letzten Sommers gerne“? Er ist zwar einerseits im Deutschen der einzige Kasus (Fall), der im Singular noch eine spezielle Endung hat, also „des Mannes“.

Aber diese Kasusendungen verschwinden langsam. Es gibt schon bestimmte Fremdwörter, Eigennamen und Abkürzungen, die verlieren das Genitiv-s, zum Beispiel „Benutzer des Internet“. Denn es gibt ja den Artikel, der sagt „Hallo, ich bin ein Genitiv“. Auch im Dativ ist das immer öfter der Fall: Wenn man liest „Eis mit frische Früchte“.

Ja, der Dativ. Ist er tatsächlich der Böse? 
Dem Vater sein Hut, ja ja. Aber solche Wendungen sind weitverbreitet, wir benutzen sie im Alltag fast alle. Niemand spricht zu jeder Zeit normiertes Deutsch so wie im Duden. Eine Kollegin von mir nennt das den „Charme des Substandards“. Und Dativ-Wendungen haben auch Vorteile - zum Beispiel beim Verschachteln. Ist es nicht viel funktionaler zu sagen: „dem Peter seinem Freund sein Hund“ als „Peters Freunds Hund“? 

Aber manchmal gibt es Knackpunkte - wegen des Wetters oder wegen dem Wetter?
In Süddeutschland und vielen Dialekten sagt man „wegen dem Wetter“. Trotzdem hört sich es sich für viele irgendwie richtiger an, wenn sie „wegen des Wetters“ sagen. Das ist die Sprache, die wir in der Schule gelernt und mehr oder weniger verinnerlicht haben. Aus diesem Grund sagen wir dann aber auch gleich: „trotz des Regens“. Und hier war eigentlich mal der Dativ üblich.
 

Sind denn auch Anglizismen schuld?
Das wäre eine zu billige Argumentationslinie. Na klar gibt es Anglizismen. Aber die sind nicht an allem schuld. Und den Genitiv-Apostroph, der da immer herhalten muss, hab ich im Deutschen auch schon in Schriften aus dem 19. Jahrhundert gefunden, etwa in „Goethe's Texten“.

Traurig über den Genitiv-Verlust? 
Als Wissenschaftler ist mir das wurscht. Aber ich freue mich natürlich immer über Buntes und Vielfalt. Leute, die glauben, die eine, „richtige“ Sprache verbreiten zu müssen, sind für Linguisten eher Witzfiguren. Ich hab da keine sprachliche Krawatte umhängen.

ZUR PERSON: Horst Simon (46) ist Professor für Historische Sprachwissenschaft am Institut für deutsche und niederländische Philologie der FU Berlin. Zuvor lehrte er am King's College in London. In seiner Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit dem Wandel von Sprache. Er ist Teil der Arbeitsgruppe, die unter dem Titel „Sorgenkind der Sprachkritik“ an der FU Berlin eine Tagung zum Genitiv veranstaltet (22. bis 24. Mai)

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erstellt am 20.Mai.2014 | 10:27 Uhr

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