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Boulevard

11. Dezember 2016 | 12:59 Uhr

Ein Leben voller Film : Promi-Geburtstag vom 8. November 2016: Paolo Taviani

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Filme machen oder sterben - das soll einst das Motto der jungen Brüder Taviani gewesen sein. Die italienischen Filmemacher sind nur im Doppelpack denkbar. Der eine feiert nun Geburtstag.

Er war ein Jugendtraum, der Film, und er wurde wahr, weil Paolo Taviani nichts anderes übrig blieb. Mit nicht einmal 20 Jahren soll er eine Absprache mit seinem Bruder Vittorio getroffen haben. «Entweder schaffen wir es, Filme zu machen, oder uns bleibt nur der Tod», sollen sie ihrem Vater erklärt haben.

Fortan arbeiteten die Brüder zusammen, sind als Filmemacher auch noch im fortgeschrittenen Alter unzertrennlich. Paolo, der Jüngere, feiert heute seinen 85. Geburtstag.

«Wir haben unterschiedliche Charaktere, aber die gleiche Natur. Unsere Entscheidungen im Leben und in der Kunst sind die gleichen», sagte der mittlerweile 87-jährige Vittorio einmal über sich und Paolo. Die beiden sind nur im Doppelpack denkbar; um den einen zu beschreiben, braucht man den anderen: Vittorio gilt als der Bedächtige, Paolo dagegen eher als mondän und etwas egozentrisch. Gegensätze, die sich offenbar perfekt ergänzen. Mitarbeiter der beiden erzählen, sie führten Regie, als seien sie eine Person. Und auch äußerlich nehmen sie sich nicht viel: graue Haare, markante Brille, Paolo nur ohne Hut und ohne Bart.

«Es gab eine Zeit während unserer Jugend, in der wir beide hofften, dass der andere bei einem Autounfall sterben würde», erzählte Vittorio einmal in einem Interview. Es sei der Zweite Weltkrieg gewesen, der die beiden näher zueinander gebracht habe.

Paolo, 1931 im toskanischen San Miniato unweit von Pisa geboren, widmete seinem Geburtsort 1954 ein erstes Dokumentarwerk, das den Tod von 60 Menschen im Dom der Stadt durch deutschen Granatenbeschuss im Jahr 1944 zeigt. Die filmkünstlerisch vom italienischen Neorealismus ausgehenden und politisch damals stark marxistisch geprägten Brüder griffen das Thema Jahrzehnte später noch einmal in ihrem Spielfilm «Die Nacht von San Lorenzo» (1982) auf, ein bewegendes Antinazi-Drama, ein politisch beschwörender Kunstfilm.

Weil sie zunächst für ihre stark ideologisch geprägten Regiekonzepte keinen Produzenten fanden, machten die Taviani ihre ersten Filme für den italienischen Fernsehsender Rai. Paolo stellte aber unlängst klar: «Wir haben nicht daran gedacht, einen Film fürs Fernsehen zu machen. Was wir machen wollten, war unser Film.» Und für diesen Taviani-Film steht etwa «Padre Padrone» («Mein Vater, mein Herr»), mit dem «i fratelli» (Italienisch für «die Brüder») 1977 die Goldene Palme von Cannes gewannen. Gedreht nach der Autobiografie des Autors Gavino Ledda erzählt er von der mühseligen Befreiung eines jungen Mannes aus der Unterdrückung seines Vaters.

Durch ihr mehr als 50-jähriges sozialkritisches Werk zieht sich eine Mischung aus Realismus und Inszenierung in ständiger Auseinandersetzung mit Kino, Literatur, Reportage und Geschichte. Die britische Tageszeitung «Guardian» bezeichnete die Brüder als «die letzten Titanen des klassischen italienischen Films».

Und ihr jüngster großer Erfolg liegt mit «Cäsar muss sterben» (2012) noch gar nicht allzu lange zurück: Sie bekamen für das Doku-Drama auf der Berlinale den Goldenen Bären - es war sogar für die Oscars nominiert. Schwerverbrecher proben und bringen in dem Film schließlich das Shakespeare-Drama «Julius Cäsar» auf die Bühne. Mitgespielt haben verurteilte Verbrecher - darunter auch Mafiosi.

«Wir haben noch nie eine so tiefgreifende Erfahrung gemacht», sagte Paolo über die Dreharbeiten. Die Grenzen zwischen dokumentarischen und inszenierten Szenen sind fließend - und der Film ist nur ein Beispiel für die außergewöhnlichen Regie-Konzepte, für die Paolo und Vittorio umstritten sind und bejubelt werden.

«Paolovittorio» fanden die Vorlagen für ihre Filme bei Goethe, Tolstoi und Pirandello und bezeichnen Shakespeare als großes Vorbild. Paolo, der verheiratet ist und einen Sohn hat, sagte über ihn: «Shakespeare ist für uns Vater, Bruder und Sohn, ein Genie. Was er über das Leben gesagt hat, hat noch heute seine Gültigkeit.»

Wie Frankreich seine Brüder Lumière hatte und die USA ihre Coens feiern, ist Italien stolz auf seine Taviani. Ihr neues Projekt «Una questione privata» («Eine Privatsache») - basierend auf dem gleichnamigen Roman des italienischen Schriftstellers Beppe Fenoglio - ist in der Mache. Noch sind die Brüder nicht müde geworden. Vielleicht halten sie sich auch einfach an eine Absprache.

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erstellt am 08.Nov.2016 | 00:01 Uhr

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