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Boulevard

09. Dezember 2016 | 05:03 Uhr

Theater : Promi-Geburtstag vom 17. Juli 2016: Frank Castorf

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Noch ist er da. Doch schon seit Monaten kennt die Berliner Kulturszene fast kein anderes Thema mehr als das nahende Ende der Ära Frank Castorf.

Nach einem Vierteljahrhundert legt der Theatermacher im Sommer 2017 sein Amt als Intendant der Berliner Volksbühne nieder - um Castorfs künstlerisches Erbe und seinen umstrittenen Nachfolger Chris Dercon ist ein wahrer Kulturkampf entbrannt. Castorf selbst blickt scheinbar mit abgeklärtem Amüsement auf die Querelen. Am heutigen Sonntag (17. Juli) feiert der Regisseur seinen 65. Geburtstag.

Zur Not könne man aus der Volksbühne ja immer noch eine Badeanstalt machen, meinte Castorf kürzlich in der «Süddeutschen Zeitung» süffisant zur Zukunft «seines» Theaters. Zum Abschied 2017 will er Goethes «Faust II» inszenieren. «Ich dachte, bevor alle sagen: Goethe? Kenn ich doch aus dem Film «Fack ju Göhte», möchte ich den Berlinern gerne zeigen, dass das doch ein relativ bedeutender deutscher Denker und Literat war.»

Unter Castorf erlangte die Volksbühne Kultstatus und Weltruhm - mit Inszenierungen, die alle traditionellen Theaterregeln sprengen. Als Bühnenwüterich, Stücke-Zertrümmerer und Provokationsmaschine wird der Regisseur bezeichnet. Statt werktreuer Stück-Interpretation bietet Castorf anarchische, assoziative Happenings mit intellektuellen Abschweifungen und Seitenhieben auf die aktuelle politische Weltlage.

Legendär und berüchtigt ist auch die Länge der Castorf-Abende: Unter fünf, sechs, sieben Stunden fängt Castorf gar nicht erst an. Auch wer den jeweils auf die Bühne gebrachten Stoff kennt, hat oft Schwierigkeiten, Personen und etwaige Handlung wiederzuerkennen. Das macht im günstigen Fall aber nichts. Wichtig sind bei Castorf die abseitigen und ausufernden Abschweifungen und Anspielungen, die mit historischen, literarischen und zeitgenössischen Texten versetzten Monologe und die tragikomischen Slapsticks. Heiner Müller, Shakespeare, Brecht, Ibsen, Bulgakow, Tennessee Williams und immer wieder Tschechow und Dostojewski inszeniert Castorf so.

Als Außenseiter in der DDR-Theaterprovinz machte der am 17. Juli 1951 als Sohn eines Eisenwarenhändlers in Ost-Berlin geborene Castorf schon früh auf sich aufmerksam. Nach einem Studium der Theaterwissenschaften ging er als Dramaturg zum Theater der Bergarbeiter in Senftenberg. Anfang der 80er Jahre sorgte er mit frechem, oppositionellem Theater in Anklam für Aufsehen. Seit 1989 inszenierte Castorf auch in Westdeutschland. 1992 wurde er Intendant der Berliner Volksbühne. Schon ein Jahr später wurde das Haus zum Theater des Jahres gekürt.

Als einer der ersten arbeitete Castorf mit Videokameras. Deren auf Leinwände projizierte Bilder lassen die Zuschauer das Geschehen aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln erleben. Nachahmer dieses Theatertricks gab es schnell weltweit. Castorf band Regisseure wie Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler und René Pollesch an das Theater.

Viele Volksbühnen-Schauspieler - darunter Stars wie Sophie Rois, Matthias Wuttke und Birgit Minichmayr - sehen dem Intendantenwechsel mit Sorge entgegen. Sie befürchten für die Volksbühne eine «historische Nivellierung und Schleifung von Identität». Dabei hat der polyglotte Belgier Chris Dercon - bislang Museums- und kein Theatermann - sein Konzept erst in Ansätzen vorgestellt.

Derzeit pendelt Castorf nach Angaben der Volksbühne zwischen Berlin und Bayreuth. Bei den Bayreuther Festspielen läuft seit 2013 Castorfs eigenwillige Interpretation von Richard Wagners Tetralogie «Der Ring des Nibelungen». Die Aufregung um seinen halbstarken, mit der Kalaschnikow um sich ballernden Siegfried und andere Regie-Einfälle hat sich inzwischen gelegt. Auch das Opernpublikum scheint sich an den Castorf-Style gewöhnt zu haben.

Volksbühne Berlin

Vita von Castorf

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erstellt am 17.Jul.2016 | 00:01 Uhr

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