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Boulevard

05. Dezember 2016 | 09:40 Uhr

Literatur : Promi-Geburtstag vom 10. Juli 2016: Alice Munro

vom

Jahrzehntelang war Alice Munro nur echten Fans ein Begriff. Ihr Schriftstellerkollege Jonathan Franzen wunderte sich öffentlich darüber, «warum sie so schockierend weniger bekannt ist, als ihre hervorragenden Leistungen es verdienen würden». Dann bekam die kanadische Autorin 2013 den Literaturnobelpreis.

Ihre Fans sahen sich bestätigt, alle anderen waren überrascht und Munro überwältigt. «Ich bin so dankbar für diese wunderbare Ehre, nichts auf der Welt könnte mich so glücklich machen», sagte sie in einem während der Preisverleihung gezeigten Video.

Die Ehre kam pünktlich zu einem Wendepunkt in Munros Leben. Wenige Monate zuvor hatte die Autorin, die am heutigen Sonntag (10. Juli) 85 Jahre alt wird, ihren Ruhestand verkündet. «Ich werde wahrscheinlich nicht mehr schreiben», hatte sie der kanadischen Zeitung «National Post» gesagt. «Es ist nicht so, dass ich das Schreiben nicht geliebt habe, aber man kommt in eine Phase, wo man über sein Leben irgendwie anders denkt.» Möglicherweise enttäuschten Fans riet Munro, ihre alten Bücher noch einmal zu lesen. «Es gibt so viele davon.» Der Kurzgeschichtenband «Dear Life», in Deutschland 2013 unter dem Titel «Liebes Leben» erschienen, werde ihr letzter sein - und bislang hat Munro ihre Ankündigung eingehalten.

Die zierliche Schriftstellerin gilt spätestens seit dem Literaturnobelpreis als Königin der Kurzgeschichte. Munro hat das Genre neu belebt, revolutioniert und perfektioniert und den Literaturnobelpreis als erste reine Kurzgeschichtenautorin bekommen. «Über Jahre und Jahre dachte ich, dass die Geschichten nur Übung wären, bis ich endlich Zeit hätte, einen Roman zu schrieben», sagte Munro dem «New Yorker». «Dann habe ich herausgefunden, dass sie alles waren, was ich konnte, also habe ich mich damit abgefunden.» Selbst ihr einziges als Roman vermarktetes Werk «Kleine Aussichten» (1971) sieht Munro «eigentlich als Sammlung zusammenhängender Geschichten».

Schon immer habe sie Geschichten erfunden, sagt die 1931 als älteste von drei Geschwistern auf einer Silberfuchsfarm in dem kleinen Ort Wingham in der kanadischen Provinz Ontario geborene Schriftstellerin. «Ich hatte einen langen Schulweg und währenddessen habe ich mir Geschichten ausgedacht». Inzwischen meistert Munro das Genre nach Ansicht des Nobelpreis-Komitees sowie vieler Kritiker und Kollegen wie kein anderer Autor. Für Franzen ist sie schlicht «die Beste», für ihre kanadische Kollegin und Freundin Margaret Atwood «eine Heilige der internationalen Literatur».

Munro war Spätstarterin. Ihren ersten Erzählband (deutscher Titel: «Tanz der seligen Geister») veröffentlichte sie 1968 mit fast 40 Jahren. Die Zeit zum Schreiben rang die damalige Hausfrau und Mutter dem Alltag ab, setzte sich während des Kochens und während die Kinder schliefen oder in der Schule waren immer wieder an ihren kleinen Sekretär. «Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen.»

Ihre Geschichten, selten länger als 30 Seiten, gleichen sich alle. Und immer sind sie nahe an Munros eigenem Leben, gespeist aus den Erfahrungen mit dem strengen, aber bücherverliebten Vater und der schwierigen Beziehung zur Parkinson-kranken Mutter. Es geht um Frauen, um Mütter und Töchter, im ostkanadischen Ontario, die erwachsen werden, sich verlieben und die schönen und tragischen Seiten des Lebens kennenlernen. «Aus diesem kleinen Strom füllt Munro seit 50 Jahren ihre Arbeit», schreibt der Schriftsteller Franzen. «Und genau diese Vertrautheit macht ihr Reifen als Künstlerin so atemberaubend sichtbar: Schaut, was sie mit nicht mehr als ihrer kleinen Geschichte ausrichten kann, je öfter sie zu ihrem Thema zurückkehrt, desto mehr findet sie dort.»

Neben Munros mehr als zehn Bänden mit Kurzgeschichten füllen inzwischen Analysen von Literaturwissenschaftlern über ihr Werk Regale. So wühlte sich der Professor Robert Thacker von der Universität im kanadischen Calgary für sein neues Buch «Reading Alice Munro 1973-2013» gerade durch unendliche Papierstapel ihrer Archive. «Sie hat ein Bild im Kopf und arbeitet darauf hin», folgert er. «Das Ergebnis ist Entwurf auf Entwurf auf Entwurf. Es gibt eine Kiste nur mit Anfängen und blätterweise Papier nur mit einem, manchmal zwei oder drei Sätzen.» Munro ist Perfektionistin. «Ich will, dass meine Geschichten die Menschen bewegen.»

Die Autorin, die als scheu gilt und den Literaturbetrieb so gut es geht meidet, hat bis auf einen mehrjährigen Ausflug an die Westküste Kanadas ihr Leben in Ontario verbracht. Heute wohnt sie in dem 3000-Einwohner-Städtchen Clinton. Munro hat drei Töchter, ihr zweiter Ehemann starb im April 2013 - wenige Monate vor der Nachricht vom Literaturnobelpreis. Den hatte ihr Verleger ihr schon Jahre zuvor vorhergesagt. «Und ich wusste, wenn ich gewinne, wäre ich für eine halbe Stunde wahnsinnig glücklich, und danach würde ich denken: Was für eine Qual.» Denn Glück ist kein Preis, ist die überzeugte Calvinistin sicher - «Glück ist harte Arbeit».

Mitteilung der Universität von Calgary

Interview des Guardian

Infos des Nobelpreis-Komitees zu Munro

Interview des New Yorker

Franzen über Munro in der New York Times

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erstellt am 10.Jul.2016 | 00:01 Uhr

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