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Boulevard

23. Januar 2017 | 13:50 Uhr

TV-Ausblick : Mythos Wolfskind: Mogli und die wilden Kinder

vom

Kindheit unter Wölfen - den meisten dürfte bei diesem Bild das Dschungelbuch in den Sinn kommen. Doch gibt es so etwas wirklich: Ziehen Tiere Findelkinder groß? Arte geht der Frage auf den Grund.

Ein Menschenkind, das von Tieren aufgezogen wird. Der Mythos des «Wolfskindes» beschäftigt seit Jahrhunderten die Forschung, füllt Kinderbücher und nährt Erzählungen.

Die wohl berühmteste Geschichte dieser Art ist J. R. Kiplings Dschungelbuch. Doch kommt so etwas in der Wirklichkeit tatsächlich vor? Nehmen Tiere sich eines ausgesetzten Menschenkindes an? Arte widmet diesen Fragen die Dokumentation «Mythos Wolfskind: Mogli und die wilden Kinder», die der deutsch-französische Sender an diesem Samstag ausstrahlt (20.15 Uhr).

John Seebunya lebte in seiner Kindheit einige Jahre unter Affen. «Sie teilten ihr Essen mit mir», sagt der junge Mann, der mittlerweile ungefähr 30 Jahre alt ist. Sein genaues Alter ist nicht bekannt. Seebunya musste als Vier- bis Fünfjähriger mit ansehen, wie seine Eltern ermordet wurden. Er floh in den Dschungel. Dort wurde er von Primaten aufgenommen. Wie lange er mit ihnen zusammenlebte, weiß niemand genau.

1991 wurde Seebunya zufällig von einer Frau beim Holzsammeln entdeckt. «Seine Nägel waren lang und gebogen. Auch das Aussehen seiner Haare deutete darauf hin, dass er lange nicht unter Menschen gelebt hatte», beschreibt Paul M. Wassa von der «Molly & Paul-Stiftung» für Kinder den Jungen, kurz nachdem er gefunden wurde. Einigen Menschen gegenüber sei er sehr feindselig gewesen. «Der John von heute ist viel umgänglicher als damals», beschreibt Johns Ziehmutter den heutigen jungen Mann. Der «Affenjunge» trat 1999 bei den Paralympics für Uganda an und zählt zu den bekanntesten Fällen eines «Wolfskindes».

«Die gängige Meinung ist eigentlich, dass Affen nicht aktiv teilen. Wenn, dann überwiegt eher das passive Teilen», sagt Katja Liebal, Professorin am Institut für Vergleichende Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Berlin. Die Psychologin ist der Meinung, dass John Seebunya das Einverständnis der Affen, ihn am Essen teilhaben zu lassen, als Teilen erlebt hat.

Lebte ein Kind wirklich unter wilden Tieren, hat es anders als in Erzählungen, wie etwa dem Dschungelbuch, große Probleme, sich in die Gesellschaft wieder einzufinden. Erlernen Kinder Sprache nicht im entscheidenden Alter, können sie diese oft nicht mehr korrekt erlernen: «Wolfskinder sind nur teilweise integrierbar. Es hängt davon ab, wie lange sie in der Wildnis gelebt haben», erklärt der Neurophysiker Werner Gruber. John Seebunya hatte schon Sprechen gelernt, bevor er unter Affen lebte. Er konnte sich daher unter Menschen wieder zurecht finden. «Tatsächlich denken Wolfskinder genauso, wie sie sozialisiert worden sind. Wenn ich in einem Wolfsrudel aufwachse, denke ich nachher wie ein Wolf. Wachse ich in einem Bärenrudel auf, denke ich wie ein Bär», sagt Gruber.

Das wohl berühmteste «Wolfskind» ist der kleine indische Junge Mogli. Joseph Rudyard Kiplings hat mit seinen «Dschungelbuch»-Erzählungen den Mythos des «Wolfskindes» in beinahe jedes Kinderzimmer gebracht. Der Autor widmete die gesammelten Werke seiner Tochter, die im Alter von sechs Jahren an einer Lungenentzündung starb. Arte beleuchtet in dem 56-minütigen Film auch Ausschnitte der Biografie des Literaturnobelpreisträgers in nachgestellten Szenen.

Im Dschungelbuch lebt Mogli ebenfalls in einem beinahe idealen Zustand im Einklang mit Tier und Natur. «Wir alle suchen doch so etwas wie das Paradies. Doch es ist schwer, auf Erden so etwas zu finden. Wenn wir dann ein Kind sehen, das offenbar glücklich ist, mit seiner Art zu leben, dann sehnen wir uns nach diesem Paradies», erklärt der amerikanische Philologe P.J. Blumenthal. Und so dreht sich die Faszination um den Mythos «Wolfskind» wohl um die Frage, ob es eine friedlichere Art zu leben gibt als die unsere.

Mythos Wolfskind

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erstellt am 24.Sep.2016 | 00:01 Uhr

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