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Boulevard

02. Dezember 2016 | 23:25 Uhr

Medien : Mein Land, Dein Land

vom

Eine ganze Menge an Dokumentationen zum Thema Flüchtlinge gab und gibt es inzwischen im Fernsehen. Darin geht es meistens darum, wie es ihnen an ihren neuen Aufenthaltsorten in Europa ergeht.

Nun berichtet ein kleiner Film über das neue Alltagsleben in Deutschland, in einem sommerlichen Schwimmbad im Ruhrgebiet. Zu sehen ist die Reportage «Bikini trifft Burkini - Wo der Ruhrpott baden geht» in der Reihe «Mein Land, Dein Land» an diesem Samstag (18.00 Uhr) im ZDF.

Das Grugabad ist das größte Sommerbad in der Stadt Essen (eröffnet 1964) und darf getrost als eine Institution im Ruhrgebiet angesehen werden. Der Tag dort beginnt für die Schwimmmeister Dominik Waap und Thomas Schulte früh. Schon morgens um 5.45 Uhr warten die ersten Schwimmer vor dem Tor, am Vormittag erscheinen die Familien mit den Kleinkindern, um 15 Uhr dann stehen die Jugendlichen an den Kassen an. Die beiden Bademeister haben gut zu tun: So mancher Besucher macht Party, im Nichtschwimmerbecken ist ganz schön was los, vor dem Zehn-Meter-Turm staut es sich. Und wenn die Wellenmaschine angeworfen wird, dann müssen die zwei ganz genau hinschauen, denn ungeübte Schwimmer können bei Seegang schon mal untergehen.

In Essen leben zur Zeit mehrere tausend Flüchtlinge, und viele von ihnen gehen auch regelmäßig ins Schwimmbad - darunter sind auch junge Männer aus dem Iran, Syrien und Afghanistan. Doch viele von ihnen überschätzen ihre schwimmerischen Fähigkeiten, weshalb die Stadt Essen 6000 Schwimmflügel angeschafft hat. Eine vollverschleierte Frau darf sich nicht mit all ihren Kleidern ins Becken begeben - das ist aus hygienischen Gründen verboten. Inzwischen gibt es dafür den «Burkini», einen Ganzkörper-Badeanzug für Frauen, damit sie ordentlich bedeckt ins Wasser gehen können.

Gemeinhin geht es also friedlich zu im Gruga-Bad - was wohl auch an den zwölf Security-Männern liegt, die hier abwechselnd ihren Dienst verrichten. Als vor zwei Jahren ein Angestellter des Bades angegriffen wurde, hat die Stadt das Sicherheitspersonal aufgestockt. So wie sich die deutsche Gesellschaft verändert hat, gilt das auch für das Bad: Zunächst kamen die Kinder der Gastarbeiter, und jetzt kommen die Flüchtlinge. Die Badeanstalt ist also eine Art Brennglas für die gesellschaftliche Situation mitsamt den Reibungen, die zwischen Menschen mit ihren unterschiedlichen kulturellen Orientierungen entstehen können.

«Der Filmtitel zeigt diese Unterschiedlichkeit: Der Bikini, das Symbol für die freizügige westliche Welt; der Burkini ein muslimisches Zugeständnis an die westliche Welt, ohne ganz auf die eigene Werteorientierung verzichten zu wollen», sagte Filmemacher Enrico Demurray der Deutschen Presse-Agentur. «Gleichwohl gibt es Reibungspunkte, denn nicht alle arabischen Männer akzeptieren Frauen so, wie sie sind.»

Demurray hat aber beim Drehen ganz positive Erfahrungen gesammelt. «Die meisten Menschen aus der deutschen Bevölkerung haben gegenüber Migranten und Flüchtlingen eine wohlwollende Haltung. Die größten Widerstände zeigen sich bei manchen Nachkommen der alteingessenen Migranten. Die Aufmerksamkeit, die die Flüchtlinge bekommen, ist ihnen suspekt; gelegentlich empfinden sie sie sogar als Bedrohung für ihren Status. Die Kleinheit der nationalen Abgrenzung ist aber häufig schon durch die Lebenspraxis überwunden. Menschen werden als Menschen und nicht mehr als Etiketten wahrgenommen.»

Es ist berührend zu sehen, wie viele ältere Menschen ihre Kindheitsgeschichten mit dem Bad verbinden, als der Sommer eben im Freibad verbracht wurde und Kinder mit nackten Fußsohlen das polierte Geländer hinuntergerutscht sind. Demurray schlägt gelungen den Bogen in die heutige Zeit und zeigt, wie junge Männer aus Syrien ausgelassen ihren Spaß im Bad haben - aber nur solange sie in der Gruppe zusammen sind. Zuhause im Heim kommt dann die Traurigkeit über den Verlust von Freunden und Verwandten im Krieg. Das Schwimmbad hilft ihnen offensichtlich dabei, zumindest für eine Zeit lang zu vergessen.

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erstellt am 06.Aug.2016 | 00:01 Uhr

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