zur Navigation springen

Boulevard

10. Dezember 2016 | 00:08 Uhr

Medien : Leben am Limit

vom

Sie holen alles aus sich heraus, sie übertreffen sich immer wieder selbst. Sie nehmen keine Rücksicht darauf, wenn sie sich quälen müssen. Extremsportler faszinieren. Zu verstehen sind sie nicht.

Extremsportler tun manchmal Dinge, die die Grenzen der Vorstellungskraft von Normalsterblichen überschreiten: Der eine stürzt sich ohne Gleit- oder Fallschirm von einer Bergspitze in die Tiefe, der andere fährt Tausende von Kilometern so gut wie ohne Schlaf auf dem Fahrrad, der dritte taucht ohne alle Hilfsmittel minutenlang im Meer in die Tiefe.

Für ihre Leistungen müssen sie sich monate- oder sogar jahrelang anstrengen, manchmal quälen. Der österreichische Regisseur Sascha Köllnreitner hat für den SWR einen 90-minütigen Dokumentarfilm mit dem Titel «Leben am Limit» über sie gedreht. Am Mittwoch, 7. September, ist er im Ersten zu sehen (22.45 Uhr).

Guillaume Néry ist Weltmeister im Apnoetauchen. Der Film zeigt verblüffende Aufnahmen von ihm unter Wasser: Er lässt sich mit erstaunlicher Eleganz ohne Pressluft in die Tiefe gleiten, sinkt immer weiter, 35, 50, 90 Meter. Und wenn Zuschauer denken «Wahnsinn», gleitet er noch tiefer, problemlos auf 120 Meter und mehr. Mit geschmeidigen Bewegungen der Flosse an seinen Füßen taucht er anschließend nach sechs, sieben Minuten wieder auf. «Wenn sich das Blut mit Stickstoff anreichert, ist es wie auf Droge», erzählt er. «Die Gedanken beginnen zu rasen, die Wahrnehmung verändert sich.» Es sind extreme Zustände, die er beim Freediving erlebt.

Das kann der Österreicher Gerhard Gulewicz auch von sich behaupten. Er fährt Fahrrad, allerdings anders als die meisten. Er nimmt an extremen Rennen teil wie dem Race Across America vom Pazifik bis an die amerikanische Ostküste, 4810 Kilometer. Die schnellsten Fahrer brauchen dafür nicht einmal acht Tage. Aber das geht nur durch fast unvorstellbare Selbstdisziplin: «Ich fahr' die ersten 40 Stunden durch, dann eine Stunde Pause, dann 24 Stunden durch», sagt Gulewicz. Rund 550 Kilometer will er jeden Tag schaffen, schlafen ist so gut wie nicht drin. Er fährt nachts im Stockdunkeln genauso wie tagsüber bei flirrender Hitze.

Ein Jahr lang hat er sich intensiv vorbereitet. Man sieht ihn beim Start, beim Boxenstopp, wenn er in Sekunden das Rad und den Helm wechselt und auf der Strecke, wenn er unermüdlich in die Pedalen tritt, scheinbar ohne Ende. Man sieht ihn im Sattel, als er 19 Stunden ohne Schlaf hinter sich hat. Und man sieht ihn völlig fertig neben der Straße im Gras liegen. «Dann ist man wieder so down, dass man nach Mama schreit», sagt er. Ein Team von Freunden begleitet ihn, fährt im Van hinter ihm her. Sein Vater steuert das Wohnmobil, in das er in den Pausen klettert. Seine Freunde füttern ihn dann, massieren ihm die Waden. Er stöhnt und schreit vor Schmerz.

Halvor Angvik wirkt viel abgeklärter. Aber auch er braucht das Extreme. Er ist Wingsuit-Flyer, liebt die Einsamkeit der Berge. Er steht am Abgrund, guckt nach unten, wo Häuser, Straßen und Bäume winzig klein erscheinen. Dann springt er, fällt in die Tiefe, nimmt eine unglaubliche Geschwindigkeit auf, schon bald 200 Stundenkilometer und Sekunden später noch deutlich mehr. Halvor Angvik erlebt diese Momente als Glückszustand.

Wenn der Norweger mal in die Großstadt muss, kommen die Menschen ihm dort vor wie Zombies und die Gesellschaft wie eine Maschine. Das Springen ohne Schirm ist für ihn wie eine Droge: «Ich brauche das in meinem Leben, ich kann sonst diese Routine nicht ertragen», sagt er. Dabei sind solche Sprünge nicht ungefährlich: Sascha Köllnreitner zeigt in seiner Doku auch Inschriften und Gedenksteine an Stellen, an denen Wingsuit-Flyer ums Leben gekommen sind. Und lässt Augenzeugen erzählen, wie es ist, wenn die Springer aufschlagen und den Unfall nicht überleben.

Auf ihre Weise extrem sind sie alle drei: Guillaume Néry wird schließlich ein weiteres Mal Weltmeister. Ein Kind bekommen hat er auch, seitdem taucht er noch tiefer. Halvor Angvik springt und springt. Und Gerhard Gulewicz? Er quält sich. Man sieht ihn aufs Rad steigen und hat Angst, er könne runterfallen. Er hustet, er sieht kaputt aus. Nach 8 Tagen und 3 Stunden starrt er nur noch ins Leere, ihm kommen die Tränen. «Danke, dass ihr meine Freunde seid», sagt er zu seinem Team. Er steigt in den Van. Nicht mehr in den Sattel.

"Leben am Limit"

zur Startseite

von
erstellt am 07.Sep.2016 | 00:01 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert