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Boulevard

07. Dezember 2016 | 11:38 Uhr

Medien : «Kessler ist...»: Ein einzigartiges Interview

vom

Comedysendungen oder Talkformate gibt es eine ganze Menge im Fernsehen. Sie ähneln sich zumeist ziemlich. Ein ganz bestimmtes Format ragt jedoch heraus, weil es überhaupt nicht in dieses Genre zu passen scheint, denn es kommt sehr ernsthaft daher.

Zu sehen ist die dritte Staffel der Reihe «Kessler ist...» von diesem Donnerstag (23.15 Uhr) an im ZDF mit insgesamt vier neuen Folgen. Neben Gregor Gysi zum Start folgen dann Dunja Hayali (28.7.), Hugo Egon Balder (18.8.) und Jürgen Drews (26.8.).

«Mein Name ist Michael Kessler. Ich werde eintauchen in das Leben eines Prominenten und ein Interview führen, das es so noch nie gegeben hat.» So fängt die Folge an, die Michael Kessler in den Deutschen Bundestag nach Berlin führt. Dort will er der Frage nachgehen, ob Politik wirklich ein schmutziges Geschäft ist und ob sie die Politiker verbiegt. Keiner von ihnen war bereit, sich auf ein ganz spezielles Interview einzulassen, bei dem der Interviewte sich selbst begegnet - außer Gregor Gysi (68), der langjährige Fraktionsvorsitzende der Linken.

Er behauptet im Film von sich, nicht zu oft in den Spiegel zu schauen und also nicht eitler zu sein als andere, sich um Gerechtigkeit zu bemühen und die Mischung von Ironie und Selbstironie hinzubekommen. «Gysi redet viel und weiß genau, was er sagt», befindet Kessler und spricht vorab erstmal mit Menschen, die ihn sehr gut kennen. Dazu gehört seine Jugendfreundin Barbara, die Gysis anständigen Humor lobt und feststellt, dass er wohl lange im Schatten seines Vaters stand. Seine ältere Schwester Gabriele fragt sich indes, warum Gysi noch immer nicht die richtige Frau fürs Leben gefunden hat.

Gysi und Kessler sitzen dann an einem idyllisch gelegenen See und philosophieren über die Arbeit und das Leben an sich. Dabei geht es darum, ob ein Charakter sich verbiegen kann, und dass die Eitelkeit (also doch!) nicht über die Person herrschen dürfe (sondern umgekehrt). Er sagt auch, dass er nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik jetzt zwar mehr und besser zuhören könne als früher, jedoch über deutlich weniger Zeit verfüge, da er so schlecht nein sagen könne. Dann wirft Gysi erstaunte Blicke auf eine Bilderwand, die voll gepostet ist mit vielen Fotos aus seinem Leben.

Bis dahin ist der kleine Film also ein fast normales Porträt wie viele andere auch - nur eine Spur atmosphärischer und dichter dran am Porträtierten. «Ich bin gelernter Schauspieler und durch meine vielen Parodien über Jahre geschult, genau zu beobachten und mir mit meinem Handwerk eine real existierende Figur drauf zu schaffen», sagte Kessler (49, «Switch reloaded», «Er ist wieder da», «Das Jahrhunderthaus») im ZDF-Interview: «Es ist ein langer Prozess, die Prominenten begleiten mich über mehrere Wochen. Einfach abgucken reicht da nicht. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, aber zugleich auch ein spannendes Abenteuer, zu versuchen, wie mein Gast zu agieren und zu reagieren. Besonders die erste Reaktion des Gastes auf sein Spiegelbild ist einfach ein ganz besonderer Moment.»

Der kommt dann aber erst nach 25 Minuten, als Kessler in einer ziemlich guten Maske als Gregor Gysi erscheint und sich dem echten Mann gegenüber setzt. Der Medienprofi Gysi reagiert mit einem leichten Kopfschütteln: «Es ist schon etwas unheimlich, sich selbst zu begegnen, weil es mir noch nie passiert ist.» Später wird er verraten, dass es ihm schwerfalle, Freizeit gestalten und Stille ertragen zu können. Dann geht das spannende Zwiegespräch über innere und äußere Brüche, über gescheiterte Beziehungen und über Harmoniesucht. Kessler ist in seiner Maske schon sehr überzeugend und verrät in zehn Minuten als Gregor Gysi viel mehr über ihn, als er selber je hätte sagen können. Zu sehen, wie Gregor Gysi während dieses einzigartigen Interviews immer weicher und erstaunter über sich selber wird, ist für den Zuschauer ebenso lehrreich wie unterhaltsam.

Kessler ist...

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erstellt am 21.Jul.2016 | 00:01 Uhr

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