zur Navigation springen

Boulevard

04. Dezember 2016 | 21:27 Uhr

Medien : Im Fokus: Brasilien

vom

Wer sich ins Rampenlicht stellt, muss mit Aufmerksamkeit rechnen - umso mehr gilt dies für ein Land, das ein sportliches Großereignis ausrichtet. Für Brasilien ist das nichts Neues:

Nach der Fußball-WM 2014 zieht es mit den Olympischen Spielen in diesem Jahr nun bereits zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit den Fokus der Welt auf sich. Dabei stand das Land in diesem Jahr bereits immer wieder in den Schlagzeilen. Korruptionsvorwürfe und die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff beherrschten das Bild.

Ein fröhliches Olympia könnte da ein willkommener Kontrast sein, doch hochmoderne Sportanlagen und bunte Bikinis reichen nicht, um die kritischen Blicke abzulenken. Hinter der Feststimmung lauern schwere Probleme, die das Fest zur Fassade verblassen lassen. Den Graben zwischen Schein und Sein beleuchten zwei neue Dokumentationen, die der Sender 3sat zum Abschluss seiner Thementage «Im Fokus: Brasilien» an diesem Mittwoch ab 21 Uhr zeigt.

«Brasilien gehört zu den wasserreichsten Ländern der Welt, und trotzdem geht dem Land das Wasser aus.» Mit dieser Feststellung eröffnet der portugiesische Journalist António Cascais seinen Film «Ausgetrocknet - Brasilien in Not» (21 Uhr), eine Bestandsaufnahme der Wasserkrise, die derzeit in weiten Teilen des Landes herrscht. Rund 100 Millionen Menschen sind dem Film zufolge von der Wasserknappheit betroffen, Kleinbauern und Fischer auf dem Land ebenso wie Friseure und Eventmanager in der Metropole São Paulo.

Dass Brasilien eine der schwersten Dürren seit Jahrzehnten erlebt, ist dabei nur Teil des Problems. Früher mächtige Flüsse verkümmern zu Bächen, während anderswo frisch aus dem Boden gestampfte Städte innerhalb weniger Jahrzehnte ein 70 Millionen Jahre altes Ökosystem verdrängen. Rauschend fließt das kühle Nass dagegen durch die Bewässerungskanäle für die Landwirtschaft, die immerhin 70 Prozent des Wasserverbrauchs des Lands beansprucht.

Immer größeren Durst haben die riesigen Plantagen mit Mangos und Weintrauben mitten in der Wüste, ebenso wie die Sojafelder auf gerodeten Regenwaldflächen - Doch dort entstehen seit der Abholzung keine Regenwolken mehr. «Brasilien ist dabei, seinen Bürgern die Lebensgrundlage zu nehmen», schlussfolgert Cascais. Stück für Stück, Ort für Ort setzt der Film ein Puzzle aus Misswirtschaft, Verschwendung und Umweltverschmutzung zusammen, die dem Land buchstäblich den Hahn abdrehen.

Der Frage, wie es soweit kommen konnte, widmet sich der langjährige ZDF-Südamerika-Korrespondent Andreas Wunn in seinem Film «Absteiger Brasilien» (21.45 Uhr). Als er 2010 an die Copacabana zog, habe er sich nicht vorstellen können, dass der Titel seiner Reportage sechs Jahre später so lauten würde, schreibt Wunn im 3sat-Magazin. Zu sehr überwog damals die Euphorie über den rasanten Aufstieg der nuller Jahre, als das Land mit boomender Wirtschaft auf der globalen Überholspur schien.

Dank eines «perfekten Sturms» widriger Umstände herrscht jetzt dagegen Katerstimmung: Röchelndes Wachstum, Skandale, Korruption, mangelnde Krankenhaus-Ausstattung, Gewalt und geschlossene Schulen sind Ursachen und Symptome der schweren wirtschaftlichen und politischen Krise Brasiliens, die der Film nachzeichnet. Kurz vor dem größten Sportfest der Welt erscheint die Lage in Brasilien alles andere als feierlich. «Ein tristes Bild», beschreibt Wunn: «Die brasilianischen Klischees - Strand, Sonne, Samba, Fußball, Caipirinha - sie wirken plötzlich matt und aufgesetzt. Von Vorfreude bisher keine Spur.»

Auch, wenn die Welt für einige Wochen ein Brasilien in Karnevalslaune zu sehen bekommt, bleibt nach den Reportagen eine bedrückende Gewissheit: Wenn das Rampenlicht verschwindet und das Fest gefeiert ist, muss auch hinter den Kulissen einiges renoviert werden.

Ausgetrocknet - Brasilien in Not

zur Startseite

von
erstellt am 27.Jul.2016 | 00:01 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert