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Boulevard

10. Dezember 2016 | 15:38 Uhr

Medien : I am Divine

vom

Es gibt Stars aus Film, Funk und Fernsehen, über die wurden Dokus und Porträts in Hülle und Fülle gedreht. Und dann gibt es solche, über die man noch nie etwas oder nur sehr wenig gesehen hat. Der US-Künstler Divine (1945-1988) gehörte bislang dazu - doch das wird jetzt anders.

Zu sehen ist die Doku «I am Divine» an diesem Sonntag (21.45 Uhr, Arte).

Harris Glenn Milstead - so sein wirklicher Name - wurde als Sohn ausgesprochen bürgerlicher Eltern in Towson (Maryland) geboren und wuchs in der US-Kleinstadt Baltimore auf. Auf Fotos ist zu sehen, dass er ein süßes Kind war, Musicals liebte und gerne in die Kirche ging. Er aß aber auch sehr gern und sehr viel, so dass er schon früh zu einem introvertierten Pummelchen wurde. In der Schule wurde er ob seines Aussehens oft gehänselt und verprügelt. Doch Glenn stöberte weiter gern im Schrank seiner Mutter Frances (gest. 2009) und zog ihre Kleider an - was sie zunächst nicht so lustig fand und ihn gar verstieß. Doch später erzählt sie selbst sichtlich stolz vor der Kamera so einige schräge Geschichten über ihren berühmten Sohn.

Natürlich waren auch in Baltimore alle Friseure schwul, sehr schwul sogar. Da fiel ein Junge, der sich und andere gern frisierte, auch sich selbst schminkte und verkleidete wie ein berühmter Filmstar oder einfach aussehen wollte wie ein bunter Paradiesvogel, gar nicht weiter auf.

Der Regisseur John Waters (70) kam ebenfalls aus Baltimore, sah Divine zum ersten Mal an einer Bushaltestelle und dachte: «Meine Güte, was für eine Tunte!» Ab 1966 wirkte Glenn - jetzt unter seinem Künstlernamen Divine - als Mitglied der Filmcrew «Dreamlanders» in den Spielfilmen von Waters mit. Unter seiner Regie entstanden zwischen 1972 und 1988 Filme wie «Pink Flamingos» (in dem Divine einen echten Hundehaufen verspeiste), «Female Trouble», «Polyester» (mit Rubbel- und Riech-Losen im Kino) und sein größter Erfolg «Hairspray».

Von 1981 bis 1987 eroberte Divine mit Hits wie «Native Love», «Shoot Your Shot» und «You Think You're A Man» schnell die Charts in den USA, Europa und Australien. Damit war er einer der ersten Künstler, der in den Charts einen Sound kreierte, der später als «Dancefloor» richtig populär wurde.

Er wurde zu einer legendären Drag-Queen und wirkte insgesamt in einem Dutzend mehr oder weniger schlechter und geschmackloser Filme mit. Mit dem Film «Polyester» (1981) wurde er endlich akzeptiert und kam ganz groß heraus - als ein ziemlich großer, rosig aussehender Fleischkloß. Für viele Kritiker war er eine Art Filmterrorist, der die Leinwand sprengte: sexy, monströs und furchterregend. Meist zwängte er sich in enge und farbenfrohe Mieder, bei denen man sich erschrocken und besorgt gleichermaßen fragte, wie er da jemals hinein- und auch wieder herausgekommen war.

Auf der Leinwand wirkte er wie ein irres Geschöpf, wie eine Art Clown auf LSD. Der Illustrator Robert W. Richards (75) sagt im Film: «Divine hatte eine starke Bühnenpräsenz, er war ein lebendes Kunstwerk und einer der gefragtesten Discostars der Epoche. Wenn das Publikum keinen Stunk machte, dann sorgte eben er dafür. Sein Humor war sehr verletzend, er beschimpfte gern das Publikum. Er war auf eine brillante Weise ätzend.»

Die aufregende Künstlerszene der frühen 80er Jahre wird im Film sehr lebendig: Underground, Gegenkultur, Off-Broadway als Kontrapunkt zum Spießbürgertum - hier war der Performancekünstler Divine zu Hause, und in seinen Bühnen- und Filmauftritten muss er im Grunde ständig high gewesen sein, um alle die Grimassen und Verrenkungen durchzustehen. Politisch war er nun wirklich nicht, aber er war komisch und glaubhaft zugleich, und wenn man den Aussagen seiner Kollegen und Freunde und seinen eigenen persönlichen Aussagen im Film glauben mag, dann muss er ein unglaublich netter Mann gewesen sein.

Divine wog zuletzt etwa 170 Kilo und starb am 7. März 1988 mit 42 Jahren in einem Hotel in Los Angeles an einem vergrößerten Herzen und an akutem Herzstillstand.

Arte

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erstellt am 11.Aug.2016 | 10:41 Uhr

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