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Boulevard

11. Dezember 2016 | 11:05 Uhr

Armut, Liebe, Politik : Filmemacherin Barbara Trottnow erkundet Migration

vom

Die Türkei lässt Barbara Trottnow nicht los. In ihren Dokumentationen zeigt sie Menschen, die nach Deutschland oder in die Türkei emigriert sind. Nun erlebt sie mit Sorge die jüngste Entwicklung nach dem gescheiterten Militärputsch.

Migration ist das Hauptthema im Werk der Filmemacherin Barbara Trottnow. Und die Türkei. Dass beides jetzt so aktuell werden würde, hätte sie nicht gedacht.

«Die weltoffene, moderne Türkei fühlt sich von Europa verraten», sagt die Produzentin aus Klein-Winternheim bei Mainz nach der Rückkehr von ihrer jüngsten Türkeireise. «Es gibt den Eindruck, dass sich Europa für das Flüchtlingsabkommen an Präsident Recep Tayyip Erdogan verkauft hat - so viel Empörung habe ich selten gespürt.» Gerade die Künstler und Intellektuellen in der Türkei könnten die Zurückhaltung Europas angesichts von Einschränkungen demokratischer Rechte nicht nachvollziehen.

Mit ihren Filmen «Emine» (2006), «Deutsch aus Liebe» (2010) und «Eduard Zuckmayer - Ein Musiker in der Türkei» (2015) hat Trottnow deutsch-türkische Migrationserfahrungen aus drei unterschiedlichen Perspektiven erkundet. Die 18-jährige Emine kam aus völliger Armut nach Deutschland, ohne Sprachkenntnisse und als Analphabetin. Im zweiten Film dokumentierte Trottnow das Schicksal von drei jungen Frauen, die aus Liebe ihren türkischen Männern nach Deutschland folgten.

Im letzten Teil der Trilogie schließlich porträtierte sie Eduard Zuckmayer (1890-1972), den Bruder des Schriftstellers Carl Zuckmayer aus dem rheinhessischen Nackenheim, der 1936 unter dem Druck des NS-Regimes in die Türkei emigrierte und dort die Entwicklung der Musikpädagogik prägte. Diese Produktion wurde von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur gefördert. Der Dokumentarfilm sei «eine Bereicherung in doppelter Hinsicht», erklärte das Kulturministerium. «Er bringt uns das Lebenswerk des bei uns im Vergleich zu seinem Bruder Carl eher wenig beachteten Eduard Zuckmayer näher und beleuchtet gleichzeitig ein Thema, das aktueller und relevanter nicht sein könnte.»

Armut, Liebe und Politik sind drei existenzielle Erfahrungen, die Menschen dazu bringen können, in einem anderen Land neu anzufangen. In ihren Filmen stelle sie dar, wie schwierig ein solch großer Schritt sei. «Es ist gut zu zeigen, dass auch Deutsche fliehen mussten, nicht freiwillig gegangen sind», sagt Trottnow im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Eduard Zuckmayer wäre kaum in die Türkei gegangen, wenn er nicht aus der «Reichskulturkammer» der Nationalsozialisten ausgeschlossen worden wäre.

Nach den Reaktionen auf den gescheiterten Militärputsch in der Türkei gebe es jetzt viele Künstler und Intellektuelle, die nach dem Verlust ihrer beruflichen Möglichkeiten oder aus Sorge vor einer Inhaftierung das Land verlassen wollten. «Aber Migration kann auch sehr bereichernd sein, das sieht man an Eduard Zuckmayer.» Während in Deutschland kaum jemand den Bruder des Schriftstellers kennt, ist der Name von Eduard Zuckmayer in der Musikszene der Türkei bis heute lebendig geblieben. Der Film über ihn wurde so auch schon in der Türkei aufgeführt.

Das nächste Projekt der Filmemacherin ist kein Film, sondern eine interaktive Web-Plattform zu Naturschutz und Tourismus in der südwesttürkischen Ortschaft Dalyan. Dort produzierte Trottnow ein Filmporträt der Engländerin June Haimoff, die sich für den Schutz seltener Meeresschildkröten einsetzte. Auch ein Fotobuch soll nun dazu kommen - «über all die Menschen, die ich in 25 Jahren in Dalyan kennengelernt habe und wie sich ihr Leben durch den Tourismus verändert hat».

Den Vertrieb ihrer Filme hat Trottnow selbst in die Hand genommen, sie organisiert Aufführungen in Kinos und bietet die Filme über ihre Webseite auf DVD an. Ihre Produktionsfirma vor den Toren von Mainz liegt etwas abseits von den großen Zentren des Filmschaffens. «Aber ich hänge an Mainz, das ist meine Wahlheimat», sagt Trottnow. Arbeiten für das ZDF haben die Filmemacherin von Norddeutschland im Anschluss an das Studium in Göttingen nach Mainz geführt. «Ich empfinde das Leben hier manchmal als mediterran und die Menschen als besonders offen.»

Website Barbara Trottnow

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erstellt am 29.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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