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Boulevard

04. Dezember 2016 | 11:15 Uhr

Medien : «Familienfest»: Alle meine Lieben

vom

Familie ist alles - und nichts. Ohne sie könnten wir kaum existieren, mit ihr allerdings manchmal auch nicht. Darum geht es in einem sehenswerten Fernsehfilm.

Die Familie kann man sich nicht aussuchen, die hat man. Das gefällt natürlich nicht jedem, weder Eltern noch Kindern.

So mancher Konflikt kommt bei einem «Familienfest» zutage - was nun sehr schön zu beobachten ist in der gleichnamigen Tragikomödie, die bereits 2015 als Kinofilm herausgebracht wurde, an diesem Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

Der Vater Hannes Westhoff (Günther Maria Halmer) wird 70 - und der gefeierte, aber grantige Pianist darf sich in seiner großzügigen Berliner Villa mit einer anreisenden Familie herumplagen. Und das auch nur, weil seine grundgütige Gattin Anne (Michaela May) zu einer Art «Versöhnungsfest» eingeladen hat.

Es erscheinen nacheinander: der älteste Sohn Max (Lars Eidinger), der auf der Hinfahrt fast einen Unfall gebaut hätte. Im Krankenhaus flirtet der Journalist mit Schwester Jenny (Jördis Triebel) und überredet sie, ihn zu begleiten. Dann kommt der hoffnungslos verschuldete Geschäftsmann Gregor (Marc Hosemann) mit seiner Freundin Charly (Nele Mueller-Stöfen), und der Jüngste, Frederik (Barnaby Metschurat), bringt seinen Lebensgefährten Vincent (Daniel Krauss) mit. Die beiden wollen ein Kind adoptieren - was der Papa missbilligend zur Kenntnis nimmt («Darf man sich da überhaupt Großvater nennen?»). Schließlich ist da noch Hannes' erste Frau und Mutter seiner drei Söhne, Renate (Hannelore Elsner), die eigens aus Paris einfliegt und sich alsbald gepflegt betrinkt.

Zu versöhnen gäbe es in der Tat so einiges. Doch zunächst schenkt man sich beim Rinderbraten nichts - man beschimpft sich als Versager, Klugscheißer oder «Pantoffeltierchen», und der schwule Sohn wird ohnehin nicht für voll genommen und ziemlich beleidigt. Doch der alte Mann will sich in seinem Haus weder belehren lassen noch entschuldigen: «Ich bin zu alt und zu wohlhabend dafür», befindet er und isst allein in der Küche weiter.

Die restliche Runde zerfleischt sich munter weiter, das Essen wird jäh beendet, Max klimpert auf dem Flügel und offenbart später, dass er todkrank ist. Doch niemand will das zunächst hören oder gar wahrhaben - bis er schließlich zusammenbricht.

Der Autor Martin Rauhaus (58, «Der Bankraub», «Die Eisläuferin») und der Regisseur Lars Kraume (43, «Terror - Ihr Urteil», «Dengler») haben eine bittere Abrechnung gedreht über Menschen, die sich eigentlich lieb haben sollten und sich das Leben unfassbar schwer machen. Erst die tödliche Krankheit seines Ältesten lässt den Panzer des zynischen Egozentrikers langsam etwas zerbröseln, der von Halmer (72) gewohnt souverän gespielt wird.

Der Part von Hannelore Elsner (74) als gescheiterte Gattin und überforderte Mutter ist eher klein und undankbar - vielleicht auch, weil man sie jüngst in einer ähnlichen Rolle gesehen hat («Ein großer Aufbruch»). Die eigentliche Hauptrolle aber spielt grandios und berührend Lars Eidinger (40, «Terror - Ihr Urteil»): Er ist am Übervater förmlich zerbrochen, der seinen drei Jungs («Ein Schlaumeier, ein Windei, ein Schwuler») früher auf die Finger schlug, wenn sie falsch gespielt haben.

«Wie alle anderen Filme zuvor habe ich auch 'Familienfest' mit meiner Familie geguckt», sagt Kraume im ZDF-Interview. «Auch bei uns gibt es Tabus, Spannung und Streit. Deshalb glaube ich, dass dieser Film heilsam für alle ist, die kein perfektes Familienleben haben, was vermutlich sehr viele sind. Denn im Kern hat er eine einfache und klare Botschaft: Familie bedeutet Arbeit und für alle Beteiligten jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, die es zu meistern gilt.»

Sein Ensemble aus acht ziemlich guten Schauspielern macht diesen Film auch zu einem Fest für den Zuschauer. «Happy Birthday, Arschloch» sagt der Alte irgendwann zu sich selbst. Doch da ist bereits alles vorbei, die späte Versöhnung nur ein Hauch voller Tränen. Zwei Söhne bleiben ihm noch, die bislang überlebt haben - und die beschworene Aussicht auf ein gemeinsames Weihnachtsfest. Alle meine Lieben? Von wegen: Erst der Tod zeigt hier, was der Wert der Familie und verschenkte Zeit bedeuten.

Familienfest

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erstellt am 28.Nov.2016 | 00:01 Uhr

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