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Boulevard

11. Dezember 2016 | 03:21 Uhr

Der Fall Jens Söring : Doku wirft Schlaglicht auf Justizkrimi

vom

Der Mordfall liest sich wie das Drehbuch zu einem Gerichtsdrama. Doch für den Protagonisten muss es die Hölle auf Erden sein: Seit 30 Jahren sitzt ein deutscher Diplomatensohn in den USA im Gefängnis. Ein neuer Dokumentarfilm nährt Zweifel an seiner Schuld.

Ein bestialisch ermordetes Ehepaar aus besserer US-Westküstengesellschaft, auf der Anklagebank sitzen die Tochter und deren Ex-Freund, ein hochintelligenter deutscher Diplomatensohn. Es geht um Drogen, Sex und junge Liebe.

Der Fall hat Thriller-Qualitäten, es ist bester Stoff für ein Justiz-Drama, in dem sich Staatsanwalt und Verteidiger vor einer Geschworenenjury ein erbittertes Duell im Kampf um die überzeugendsten Argumente liefern. «Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich» ist ein wahrlich packender Film. Und am Ende bleibt ein beklemmendes Gefühl.

Denn der Fall ist kein fiktiver Krimi, den man sich mit einer Tüte Popcorn in den Händen zur Unterhaltung anschaut - der zweistündige Dokumentarfilm beruht auf bitterer Realität. Protagonist ist Jens Söring, der seit nun 30 Jahren im Gefängnis sitzt, verurteilt als Doppelmörder. Die leicht ergrauten Haare zeugen von der Zeit, die vergangen ist, doch sein Gesicht hat immer noch etwas Jungenhaftes. Und wie eh und je beteuert der heute 50-Jährige seine Unschuld.

Rückblende: Am 30. März 1985 werden Derek und Nancy Haysom in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia, umgebracht. «Es war, als ginge man in ein Schlachthaus», beschreibt Ermittler Chuck Reid im Film seine Erinnerungen an den Tatort. Auch für den Zuschauer der Kino-Doku ist das keine leichte Kost; blutüberströmt liegen die beiden Leichen auf dem Boden. Elizabeth Haysom, die Tochter des Paars, gerät in der Folge unter Verdacht - und mit ihr: Jens Söring, ihr damaliger Freund, Sohn eines deutschen Diplomaten. Die beiden hatten sich im Sommer '84 bei einem Orientierungsabend für Hochbegabtenstipendiaten der University of Virginia kennen und auch lieben gelernt. Da war Söring 18.

Über die zweieinhalb Jahre ältere Elizabeth sagt er: «Sie war sehr wild, erfahren und verdammt sexy.» Aber auch: «Ich hatte diese Frau ganz schrecklich geliebt, letztlich war ich ein dummer Junge, den sie da in diese Sache reingezogen hat.» Söring nimmt nach seiner Verhaftung die Schuld auf sich, glaubt, als Diplomatensohn nach Deutschland ausgeliefert zu werden und mit einer vergleichsweise milden Strafe davonzukommen. Elizabeth, seiner großen Liebe, will er das Leben retten, wie er sagt. Er fürchtet die Todesstrafe, den elektrischen Stuhl. «Ich habe ganz am Anfang dieser Geschichte ganz schrecklich gelogen», erzählt Söring, als er 2014 im Buckingham Correctional Center den beiden Filmautoren Marcus Vetter und Karin Steinberger ein Interview gibt.

Nach seinem ersten Schuldeingeständnis rudert Söring zurück. Seine Version lautet nun: Die drogenkranke Elizabeth habe ihre verhassten Eltern selbst ermordet. Doch 1990 im Prozess gegen ihn glaubt man ihm nicht mehr. Nachdem Elizabeth inzwischen zu 90 Jahren Haft wegen Anstiftung zum Mord verurteilt wurde, bekommt er zweimal lebenslang wegen Doppelmordes an deren Eltern.

Die Filmemacher treffen einstige Ermittler, den damaligen Richter, einen Journalisten, der den Fall von Anfang an beobachtete, sowie Weggefährten, die bis heute für Söring kämpfen. Akribisch rekonstruiert «Das Versprechen» den Fall und spürt quälenden Fragen nach: Warum durften Vorwürfe, Nancy Haysom habe ihre eigene Tochter Elizabeth missbraucht, im Prozess nicht zur Sprache kommen? Warum verschwand eine Expertise eines FBI-Profilers? Und was ist mit neueren Untersuchungsergebnissen, wonach am Tatort gefundene Blutspuren definitiv nicht von Söring stammen, sondern möglicherweise von einem Komplizen Elizabeths?

Der Dokumentarfilm (für den Daniel Brühl seine Stimme leiht) ist ein flammendes Plädoyer für die Freilassung Sörings, der nach deutschem Rechtsverständnis seine Strafe nach so langer Zeit ohnehin verbüßt hätte und wohl längst wieder frei wäre. Söring kämpft weiter. Erst im August dieses Jahres hat er einen neuen Anlauf gestartet. Mit einer Petition fordert er erstmals die bedingungslose Anerkennung seiner Unschuld. Doch bis heute gibt es für ihn und somit auch für die Kinobesucher kein Happy End.

Film-Homepage

Presse-Infos zum Film

Freundeskreis Jens Söring

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erstellt am 22.Okt.2016 | 18:30 Uhr

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