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Boulevard

09. Dezember 2016 | 10:53 Uhr

Medien : Die Honigfrauen am Balaton - Liebe zwischen Ost und West

vom

«Honigfrauen» nannten manche junge Westdeutsche die Mädchen aus der DDR, die sie im Ungarn-Urlaub kennenlernten. Ein neuer ZDF-Dreiteiler erzählt von einer Familie aus Erfurt am Plattensee - und von den Dramen, die sich 1986 aus spontanen Ost-West-Begegnungen ergeben.

Fonyod (dpa) - Auf dem Camping-Platz «Napsugar» (Sonnenschein)  am ungarischen Plattensee herrscht ungetrübtes Sommer-Treiben. Badende planschen im eher seichten Wasser von Europas größtem Binnensee. Sonnenanbeter fläzen sich auf bunten Liegen und Bastmatten.

Die braunen, grauen und grünen Zelte (Marke: VEB Pouch) und die zitronengelben Sonnenschirme wirken irgendwie retro-mäßig. Und dann erst die Trabants und Wartburgs mit den merkwürdigen Kennzeichen, die da auf den Wiesen zwischen den Zelten parken. Ist der Plattensee in ein Zeitloch gefallen?    Mitnichten. Eine Ecke des riesigen Areals von «Napsugar» ist in diesem Sommer Film-Set für die Dreharbeiten zum neuen ZDF-Dreiteiler «Honigfrauen». Das Sommermärchen von der Familie Streesemann aus Erfurt in der damaligen DDR spielt im Jahr 1986. «Napsugar» war, wie auch viele andere Campingplätze am Plattensee (ungarisch: Balaton), ein beliebtes Reiseziel für DDR-Bürger. In akribischer Kleinarbeit haben die Filmarchitekten und Requisiteure die Welt von damals wiedererschaffen.

1986 - das war drei Jahre vor dem Fall der Mauer, was damals niemand vorausahnen konnte. Die beiden Schwestern Maja (Sonja Gerhardt) und Catrin (Cornelia Gröschel), beide Anfang 20, trampen zum Plattensee. Rund 700 000 DDR-Bürger urlaubten damals im sozialistischen Bruderland Ungarn. Sie genossen die lockere Atmosphäre des ungarischen Gulaschkommunismus, die verhältnismäßige Freiheit im Vergleich zur strengeren DDR. 

Vor allem Maja, die jüngere der Streesemann-Schwestern, ist auf Abenteuer aus, auf neue Erfahrungen, auch amouröse. Catrin rutscht an ihrer Seite in die Rolle der Aufpasserin. Der Plattensee war auch deshalb beliebt, weil rund 800 000 Deutsche aus der westlichen BRD dort Urlaub machten. Familien, die der Bau der Mauer zerrissen hatte, trafen sich relativ ungestört.

Aber auch Ost-West-Liebschaften wurden in großer Zahl angeknüpft. Drehbuchautorin und Ko-Produzentin Natalie Scharf erinnert sich an ihre eigene Jugend in Westdeutschland: «Jungs aus meiner Clique fuhren im Sommer oft zum Plattensee. Die Mädels aus Gera, aus Jena seien ja so viel netter, sagten sie.» Sie hätten sie «Honigfrauen» genannt, weil sie «so süß» gewesen seien. Daher der Titel des dreiteiligen Fernsehfilms. 

Maja begegnet in dieser aufregenden Urlaubswelt zum ersten Mal richtigen «Westlern». «Sie sieht, wie sie angezogen sind, wie sie sich geben, und wäre auch gerne so wie sie», erzählt Sonja Gerhardt, ihre Darstellerin. Die Schauspielerin, geboren im Mauerfall-Jahr 1989 in Berlin, hat bereits in der Serie «Deutschland 83» die Rolle der Annett Schneider gespielt. «Ich finde es immer wieder faszinierend, durch meine Rollen die Zeit, in der meine Eltern jung waren, durchleben zu können. Das fühlt sich wie eine Zeitreise an», sagt sie.

Für die besorgten Eltern in Erfurt ist aber das Urlaubs-Mekka Ungarn auch eine Welt der Gefahren. Der scheinbar ideale Ost-West-Treffpunkt ist nebenbei ein Anbahnungsort für Fluchtversuche in den Westen. Mit massiven Metallzäunen, Stolperdrähten, Wachtürmen und Grenzsoldaten mit Schießbefehl hinderte Ungarn damals vor allem Bürger aus der DDR daran, sich nach Österreich abzusetzen.

Der ostdeutsche Staat entsandte außerdem eine Handvoll Residenten der Staatssicherheit (Stasi) nach Ungarn. Im Sommer wurden diese durch Dutzende Stasi-Mitarbeiter und -Agenten verstärkt - die sogenannte Balaton-Brigade. Beim Fluchtversuch ertappte DDR-Bürger wurden von den ungarischen Behörden verhaftet, an die Stasi-Leute ausgeliefert, in die DDR zurückgebracht und kamen dort meist ins Gefängnis.

Die Eltern Karl (Götz Schubert) und Kirsten (Anja Kling) empfinden bei der Reise ihrer Töchter deshalb großes Unbehagen. Schließlich fahren sie ihnen im Trabant nach. Da haben aber die Verwicklungen schon ihren Lauf genommen. Maja hat einen Galan in der Person des ungarischen Hotel-Managers Tamas (Stipe Erceg) gefunden.

Er führt  eine Luxus-Bleibe in der Nähe, die für die Touristen aus dem Westen vorgesehen ist. Maja verbringt just die Nacht bei ihm, in der ein DDR-Urlauber vom «Napsugar»-Campingplatz beim Fluchtversuch nach Österreich erschossen wird. Catrin wiederum verliebt sich in den sympathischen Landsmann Rudi (Franz Dinda), der ein Agent der Balaton-Brigade ist.    «Trotzdem ist der Film nicht düster, nicht in Grautönen gehalten», beschwichtigt Drehbuch-Autorin Scharf. «Er handelt von den Träumen der Figuren. Es ist ein spannender Stoff.» Ein Ausstrahlungstermin für «Honigfrauen» steht noch nicht fest, er soll aber 2017 ins Fernsehen kommen.

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erstellt am 05.Sep.2016 | 12:35 Uhr

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