zur Navigation springen

Boulevard

06. Dezember 2016 | 11:17 Uhr

Medien : Der brasilianische Patient

vom

Am Freitag beginnen die XXXI. Sommerspiele in Brasiliens Riesenstadt Rio de Janeiro. Sie dauern bis zum 21. August. Ihr Motto lautet: «Leidenschaft und Transformation». Das sollte doch - nach der Fußball-WM 2014 - ein weiterer Grund zur Freude im Lande sein, nicht nur für Sportfreunde.

Doch es herrscht angesichts der Staats- und Wirtschaftskrise bereits jetzt Katerstimmung im Land, viele Menschen sind unzufrieden. Um die Hintergründe geht es in der Reportage «Der brasilianische Patient» an diesem Donnerstag (21.00 Uhr) im ZDF.

Die Euphorie nach der Vergabe der Olympischen Spiele an Brasilien im Jahre 2009 scheint heute völlig verflogen. Das große Land ist eindeutig im Krisenmodus. Die Wirtschaft befindet sich auf Talfahrt, Millionen Menschen haben keine Arbeit. Die sozialistische Präsidentin Dilma Rousseff (68) wurde im Mai 2016 suspendiert, obwohl ihr persönlich keine Korruption vorgeworfen werden konnte. Über ihre endgültige Amtsenthebung wird voraussichtlich erst kurz nach Olympia entschieden. Bei der Eröffnung durch den amtierenden (konservativen) Präsidenten Michel Temer (75) wird sie aber dabei sein. Viele Menschen im Lande haben jedoch das Vertrauen in die Politik und ihre Vertreter mittlerweile völlig verloren.

Rio de Janeiro ist pleite - das erfährt man gleich zu Beginn der Reportage. Die Gewalt hat spürbar zugenommen, viele Polizisten werden nicht mehr bezahlt und versuchen dennoch, ihren Job zu machen. Die Kinder sollen lernen, doch viele Schulen sind so marode, dass oft monatelang kein Unterricht stattfinden kann. Eine Taekwondo-Kämpferin berichtet, wie sie es geschafft hat, von dem trostlosen Ort Itaborai (etwa eine Stunde von Rio entfernt), wo das angekündigte Ölwunder ausblieb und viele Büros leerstehen, in die begehrte Stadt mit der großen Christusstatue zu kommen. Wo es allerdings auch nicht viel besser aussieht.

Eine Bewohnerin von Rio erzählt anschaulich, wie sie ihr Heim verloren hat, weil genau dort der Olympische Park entstehen sollte. «Große Politik gegen kleine Leute», sagt sie vor der Kamera. «Wir müssen lernen, unser Land endlich radikal zu verändern.» Immerhin wurde der kämpferischen Frau dann doch ein neues Haus von der Stadtverwaltung hingestellt. Was vermutlich Peanuts sind: Die Kosten für die Spiele betragen viele Milliarden Euro - Die Rechnung ist noch nicht abgeschlossen.

ZDF-Südamerika-Korrespondent Andreas Wunn (41) zeigt - detailreich und mit klarer Sprache - ein recht differenziertes Bild eines gebeutelten Landes, er lässt viele enttäuschte und frustrierte Bürger zu Wort kommen und ist damit ganz nah an den Menschen. Er berichtet von Staatsanwälten, die weitgehend vergebens gegen korrupte Politiker ermitteln, und von Schießereien der Drogenmafia in den Favelas in den Hügeln von Rio. Sehr ergreifend ist eine Mutter, die über drei Stunden für 50 Kilometer Strecke braucht, um ihren kranken kleinen Sohn in einem überlasteten Krankenhaus behandeln zu lassen. Und die Angst vor den Moskitos und dem Zika-Virus ist allenthalben groß.

Wunn zieht mit seinem Film das beklemmende Fazit: «Das Land braucht Inspiration, einen Ruck, Reformen und verantwortungsvolle Politiker zur Gestaltung der Zukunft. Doch der Heilungsprozess des brasilianischen Patienten wird lang und schmerzhaft sein. Die Olympiade könnte trotzdem ein großes Sportfest vor traumhafter Kulisse werden. Brasilien ist ein Land mit kurzem Gedächtnis - und liebt den Augenblick».

Der brasilianische Patient

zur Startseite

von
erstellt am 04.Aug.2016 | 00:01 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert