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Boulevard

05. Dezember 2016 | 13:39 Uhr

Medien : Christian Petzold über die Rückkehr des Inhumanen

vom

Der Wolf kehrt zurück. Erfreulich, aber auch bedrohlich, findet der Regisseur Christian Petzold. Denn hinter der Sehnsucht nach dem Raubtier steckt seiner Ansicht nach das Verlangen nach Brutalität und Unmenschlichkeit, wie er im «Polizeiruf 110: Wölfe» darlegt.

In Christian Petzolds neuem «Polizeiruf 110: Wölfe» geht es um Urängste. Bedrohlich schleichen die Raubtiere durch die Dunkelheit auf der Suche nach Opfern. Ein Film, der demaskiert, denn die Abgründe sind in den Menschen selbst: Brutalität, Egoismus und Rücksichtslosigkeit.

«In diesem Wolf steckt eine Sehnsucht nach dem Wahren, Wilden, Brutalen, Inhumanen», beschreibt es der Berliner Regisseur im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in München. Schluss mit der vernunftgesteuerten Aufklärung, her mit simplen Lösungen. Das sei eine Gefahr, findet Petzold. Sein hochspannender Krimi «Wölfe» mit Matthias Brandt und Barbara Auer läuft am Sonntag (11. September) um 20.15 Uhr im Ersten.

Frage: Von Meuffels wirkt wie schon in Ihrem ersten Polizeiruf «Kreise» so, als wäre er in seinem Leben noch nicht angekommen, irgendwie heimatlos. Und er gibt im Gegensatz zu manch anderen TV-Ermittlern fast nichts über sich preis.

Antwort: Das ist etwas, was ich bei allen großen Polizeibeamten und Beamtinnen in der Geschichte des Kinos und des Fernsehens sehe. Das sind für mich die wahren Polizisten. Der Polizist darf keine eigene Familie haben, oder die Familie lebt in einer Parallelwelt. Ich lese gerade die Romane mit Kommissar Beck von Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Die sind großartig. Beck lebt in schlecht durchlüfteten Räumen, in Hotelzimmern, er raucht. Er ist ein bisschen ein Exilant in diesen Welten, gleichzeitig ist er fasziniert davon. Er ist auch fasziniert von Verbrechen, von den Menschen, denen er begegnet, die eine Grenze überschritten haben. Das beeindruckt ihn. Das habe ich auch in der Figur des Hans von Meuffels, die Matthias Brandt verkörpert, wiederentdeckt - bevor ich selber mit ihm gedreht habe.

Frage: Wie haben Sie ihn da erlebt?

Antwort: Er ist kein Polizist, der zuhause vegan kocht oder Saxophon spielt. Oder einen Loft hat, den sich keiner leisten kann, all das, was Drehbuchautoren, Produzenten oder Redakteure gerne an Figuren dranklatschen. Dabei klebt das an denen dran wie die Werbezeichen an Fußballtrainern beim Interview. Das gehört ihnen nicht richtig, das müssen sie tragen. Das gefällt mir nicht. Matthias geht durch seine Filme durch wie jemand, der staunt, emphatisch ist, aber gleichzeitig nicht dazu gehört. Das ist eine sehr melancholisch-sentimentale Position, über die er sich aber bewusst ist.

Frage: Trotzdem träumt er davon, mit der Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) einen Pärchen-Abend mit einem guten Film zu verbringen und Musik zu hören. Ist das seine Vorstellung von einem Paradies, das aber gleichzeitig kaum erreichbar scheint?

Antwort: Alle Menschen, die melancholisch sind, haben ein Paradies verloren. Ich habe früher Schallplatten gekauft und mit Freunden stundenlang in einem unserer Jugendzimmer gesessen und diese Platten gehört. Später haben wir Videos ausgeliehen und gemeinsam geschaut. Das sind Momente des größten Glücks: Mit Menschen Filme schauen oder Musik hören, mit denen man das kann. Quatschköpfe haben da natürlich keinen Zugang zu dieser Szene. Aber das ist etwas, was man im Laufe der Jahre verloren hat. Ich merke das bei mir selber, dieses gemeinsame Musikhören und Filmegucken findet nicht mehr statt.

Frage: Warum nicht?

Antwort: Da ist die Familie, wir sind älter. Wir haben unsere Jugend, die voller Versprechungen war, natürlich verloren. Damit muss man klarkommen. Es ist nicht so, dass ich das beklage. Das ist einfach so. Und jetzt treffen sich aber mit von Meuffels und Constanze ein Mann und eine Frau, die sich beide erst nicht mochten. Plötzlich fängt die Frau an, von einem Film zu erzählen. Er findet es toll, dass sie diesen Film kennt, das ist das größte Glück. Dann erzählt er die Geschichte weiter, und sie guckt ihn an und sagt ja, das ist die Geschichte. Das gemeinsame Erzählen, das ist eigentlich ein Kuss: Mit dieser Frau, mit diesem Mann kann ich stundenlang Filme sehen, Musik hören, spazierengehen und auch nichts sagen. Wir können stundenlang Auto fahren. Wenn sie sagt, fahren wir die Nacht durch, das ist fast lasziv. Es gibt kein größeres Glück, als mit einem Menschen durch die Nacht zu fahren in so einer Kapsel von Auto, und man versteht sich, ohne sich das dauernd zu vergegenwärtigen.

Frage: Das kann etwas Therapeutisches haben.

Antwort: Das ist eine Art Therapie. Probleme lösen die beiden in Geschichten auf und das ist etwas, was das Kino auch macht. Es löst Probleme in Geschichten auf. Menschen, die in großen Romanen einen Lebensrat geben, geben ihn in Form einer Geschichte. Und nicht in unserer heutigen therapeutischen Sprache. Das ist etwas, was zum Kino und zum Spielfilm gehört, dass der Film selber eine Geschichte ist, aber auch vom Geschichtenerzählen und von Märchen und Mythen handelt. Das ist bei meinem Polizeiruf «Wölfe» auch so.

Frage: Wie kamen sie ausgerechnet auf Wölfe?

Antwort: Einer meiner Lieblingsfilme ist «Der Wolfsjunge» von François Truffaut. Dort wird ein Junge gefunden im Wald, der nicht aufrecht gehen kann. Er wird von einem Pädagogen erzogen, zum Menschen gemacht und zivilisiert. Das ist ein Film, der in den 60er Jahren entstanden ist, als es noch darum ging, sich vorzustellen, dass wir immer noch die Welt aufklären. Das war noch vor dem Brexit und vor AfD und vor den Nationalismen und Rassismen. Plötzlich taucht der Wolf jetzt wieder auf, in Filmen aber auch in den Zeitungen.

Frage: Wie erklären Sie sich die Rückkehr dieses Themas?

Antwort: Es gibt so eine Art Sehnsucht, dass das Wilde zurückkommt. Das ist aber ein zweischneidiges Schwert. Es ist schön, dass der Wolf zurückkommt. Das hat damit zu tun, dass wir die Flüsse wieder sauber kriegen, die Wälder wieder schwarz und wölfisch sind und voller Geschichten. Der Wolf ist aber auch ein Faschist in der Mythologie. Wenn er Einzelgänger ist, ist er ein Faschist. Hitler nannte sich selbst Wolf, das war sein Spitzname. In diesem Wolf steckt eine Sehnsucht nach dem Wahren, Wilden, Brutalen, Inhumanen - genau das Gegenteil von Truffaut und der Aufklärung. Wir haben die Schnauze voll von der Aufklärung. Wir wollen den Brexit, wir wollen Migranten rausschmeißen, wir wollen wieder Stärke, Deutschland. Das ist eine Gefahr. Das interessierte mich an diesem Wolfsthema.

ZUR PERSON: Christian Petzold ist einer der bekanntesten deutschen Autorenfilmer. Der gebürtige Nordrhein-Westfale gilt als prominenter Vertreter der Berliner Schule, die in den 1990er Jahren für Aufsehen sorgte. Der Regisseur drehte Filme wie «Barbara», «Yella» oder «Die innere Sicherheit». Petzold wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis und dem Grimme-Preis. Das diesjährige Filmfest München hatte ihm eine Retrospektive gewidmet.

Polizeiruf 110: Wölfe

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erstellt am 10.Sep.2016 | 15:00 Uhr

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