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Boulevard

03. Dezember 2016 | 01:18 Uhr

Medien : 37 Grad: Vom Mörder zum Helfer

vom

Als verurteilter Straftäter im Leben wieder Fuß zu fassen, ist nicht einfach. Schon gar nicht, wenn man einen anderen Menschen getötet hat. Auf Mörder wartet nach Jahren im Gefängnis oft die gesellschaftliche Isolation.

Ein Weg aus der Perspektivlosigkeit und der daraus resultierenden Gewaltspirale ist gemeinnützige Arbeit. Die ZDF-Reportage «Vom Mörder zum Helfer» von Birthe Jessen an diesem Dienstag (22.15 Uhr) stellt einen ehemaligen Straftäter in den Mittelpunkt, der nun gefährdeten Jugendlichen auf den richtigen Weg hilft.

Vorsätzlich schießt Henry-Oliver Jakobs 1995 auf zwei Männer - den einen bringt er dadurch ins Grab, den anderen in den Rollstuhl. Der damalige Briefmarkenhändler hatte die beiden Kollegen aus Lübeck nach Hamburg gelockt, um Marken im Wert von 100 000 Mark von ihnen zu stehlen. «Das kann ich nicht wieder gutmachen - das sind Sachen, die ich nicht ungeschehen machen kann», sagt der heute 46-Jährige zum ersten Mal wieder zurück am Tatort im Stadtteil St. Pauli.

Ein Blick in seine Vergangenheit zeigt: Seine Kindheit ist ein Kriegsschauplatz. Mutter und Vater sind bei der Geburt 1970 erst 14 und 15 Jahre alt. Zwischen Prostituierten und Spielsüchtigen wächst er mit sechs Geschwistern in einer großen Kiez-Familie auf St. Pauli auf. «Ich hab' eher das Gefühl, dass ich immer alleine war, also zu niemandem richtiges Vertrauen», sagt Jakobs rückblickend. Mit 8 Jahren fängt er an zu stehlen, mit 13 lässt er sich auch zu Gewalt hinreißen - in den 90er-Jahren wird er selbst zur Milieugröße.

Konsequenzen für sein Handeln lernt er erst als 25-Jähriger wirklich kennen. Von da an sitzt er für 19 Jahre wegen Mordes, versuchten Mordes und schweren Raubs in «Santa Fu», der Haftanstalt Fuhlsbüttel in Hamburg. Im Knast büßt er nicht nur für seine Taten, es ist auch der Schauplatz seiner Wandlung. Nach Wochen in der engen Zelle beginnt er, sich selbst zu hinterfragen, macht Therapien und bildet sich weiter.

Ein Treffen mit auf der Kippe stehenden Jugendlichen 2006 wird zum Schlüsselmoment. Eigentlich soll der Besuch im Gefängnis und das Zusammentreffen mit Häftlingen den jungen Leuten zeigen, wo sie landen, wenn sie auf die schiefe Bahn geraten. Doch es zeigt auch einen neuen Weg für Jakobs: «Mir wurde klar, bei den Jugendlichen kann man noch was verändern. Da will ich mithelfen.»

Veranstaltet wurde das Treffen von der Organisation Gefangene helfen Jugendlichen. Noch hinter Gittern engagiert sich der geläuterte Mörder für den Verein, durchlebt dabei immer wieder seine eigene Geschichte. «Ich arbeite im Grunde mit meiner Biografie.»

Als Helfer gibt Jakobs jungen Menschen Tipps, nicht die gleichen Fehler zu machen wie er selbst - dem Ärger aus dem Weg zu gehen. Er berichtet von seiner Zeit in der Haftanstalt, was einen dort alles erwartet. «Ich bin davon überzeugt, dass Prävention der beste Schutz ist.»

An die eigentliche Tat, die ihn ins Gefängnis gebracht hat, kann sich Jakobs nur schlecht erinnern. «Das ist wie so eine Nebelwand, ich kann mir heutzutage bestimmte Sachen gar nicht mehr erklären.» Damals sei er eine ganz andere Person gewesen, erzählt er.

Seit 2014 ist Jakobs auf Bewährung draußen. Er arbeitet weiter als Präventionshelfer, als Antigewalt-Trainer besucht er außerdem Schulen. «Das, was ich gemacht habe, kann ich nicht wieder gutmachen. Aber ich kann zumindest versuchen, dass andere diesen Weg nicht gehen.»

Gefangene helfen Jugendlichen

37 Grad: Vom Mörder zum Helfer

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erstellt am 30.Aug.2016 | 00:01 Uhr

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