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Deutschland & Welt

28. August 2016 | 20:51 Uhr

Weltweite Verkehrsinnovationen : Acht Städte und ihr Weg zur Autofreiheit

vom
Aus der Onlineredaktion

Helgoland hat etwas, das viele Metropolen gerne hätten: autofreie Straßen. Eine Idee geht um die Welt.

Lärm, Gestank, Asphaltwüsten, Feinstaub, Stickoxide, Platzmangel und Unfallgefährdungen – die Schattenseiten der weltweit weiter wachsenden Motorisierung geben genug Anlass, die Sache einmal zu hinterfragen. Dass Leben, Gesundheit und Miteinander unter diesen Gegebenheiten leiden, wird jungen Menschen vor allem in den post-industriellen Städten immer bewusster. Ist die Bequemlichkeit das wirklich wert?

Als Statussymbol hat das Auto bei den Jungen jedenfalls ausgedient. Verkehrsplaner reagieren auf den Wandel und die Probleme seit Jahren mit einer Richtungsänderung: Vorbei soll es sein mit der immerwährenden Expansion der gefräßigen Autowelt, die die Ballungszentren zu hässlichen Transitstrecken machte.

Es darf nunmehr Post-Automobil gedacht werden und es darf gesagt werden, dass der Fortschritt nicht mehr auf vier Rädern rollt. Die Vorzüge einer autofreien Umgebung rücken vielerorten ins allgemeine Interesse. Autofreie Aktionstage mehren sich, neue Ideen zu Mobilität sprießen, Städte wie Hamburg bauen um und sie alle lernen voneinander. Stellt man die Uhr 100 Jahre zurück, ist es doch Science Fiction.

Die Städte der Zukunft sollen jedenfalls nicht länger primär Parkflächen sein und Staus verursachen, sondern wieder Zentren des Lebens werden, in denen bildlich gesprochen Platz ist für sorglos spielende Kinder, Aktivitäten, Cafés, Klönschnack und vielleicht sogar etwas Gartenbau. Das bunte Treiben in Fußgängerzonen, auf Ferieninseln und in Skigebieten, am Campus und an Stränden zeigt uns ja auch: Autofreie Gebiete locken Menschen an, weil sie die Lebensqualität anheben.

Ob wegen Giften, Kindern oder Lärm: Manche Städte haben schon beschlossen, das Kfz mittelfristig zu verbannen. Zuerst auf bestimmten Straßen, dann aus ganzen Bezirken, aus Stadtteilen und irgendwann – so die Theorie – komplett. Viel Kreativität ist gefragt, um die Herausforderung des Verkehrs-Mixes der schönen neuen Welt zu erarbeiten und gestalten.

Wie wird es aussehen, das quirlige Zeitalter der „Smart Cities“ mit Lastenrädern, Pedelecs, Segways, der „Skycars“, Share-Cars, Paket-Drohnen und der virtuellen Realität?  Und wie transportieren wir in Zukunft unsere Waren? Die Köpfe der Verkehrsingenieure und Zukunftsforscher laufen in diesen Fragen heiß.

shz.de stellt acht Städte vor, die die Vorzüge der Autofreiheit für sich erkannt und bereits mit den politischen Leitfäden der Gegenwart verwoben haben – mit teils verblüffenden Wirkungen.

 

Oslo (Norwegen)

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Foto: Imago/By-line

Norwegens Hauptstadt ist kürzlich einen historischen Schritt in Richtung Autofreiheit gegangen, der weltweit Beachtung findet: Ab 2019 soll kein Privatauto mehr das Zentrum der größten Stadt des erdölreichen Landes ansteuern dürfen. Damit wird Oslo die erste Großstadt mit einem permanenten und umfassenden Ausschluss von Pkw. Zu diesem Schritt – der exemplarisch für ähnliche Pläne in aller Welt werden könnte – hat sich die erst im September gewählte Rot-Grüne Regierung Mitte Oktober entschlossen. In dem betreffenden Gebiet leben etwa 1000 Menschen, aber 90.000 Pendler finden sich jeden Tag dort ein.

Um den Plan erfolgreich werden zu lassen, wird im Einklang das Radwegenetz um 56 Kilometer erweitert. Zudem soll der Erwerb von E-Bikes subventioniert und der ohnehin hervorragend ausgebaute ÖPNV weiter ausgebaut werden. Befürchtungen, dass die elf großen Einkaufszentren in dem betreffenden Gebiet darunter leiden könnten, bestehen kaum. Der Umbau bewirke eine Verbesserung der Bedingungen für Fußgänger und Radfahrer, dies würde sich auch positiv auf die Geschäfte auswirken, heißt es von der Grünen Partei.

Hauptargument für diese Umgestaltung ist der nationale Plan zur Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen. Bis 2020 soll der Treibhausgasausstoß gegenüber 1990 halbiert werden. Ab 2030 dürfen generell nur noch „emissionsfreie“ Fahrzeuge in der Stadt fahren.

 

Paris (Frankreich)

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Foto: dpa

Paris hatte in den 1990er Jahren bereits sehr ähnliche Pläne wie Oslo verfolgt, die sich allerdings im Netz der Interessen der nationalen Autoindustrie und der Autofahrer verfingen. Kürzlich wurden die Straßen nahe der Denkmäler Eifelturm und Notre Dam wegen dicker Luft vom privaten Autoverkehr für Nicht-Anwohner entkoppelt. Der Kampf gegen die Luftverschmutzung durch Stickoxide und Feinstaub besitzt seit Jahren oberste Priorität. Die Mehrheit der Stadt-Bevölkerung befürwortet drastische Maßnahmen zu Eindämmung des Autoverkehrs. Zu den bereits seit Jahren laufenden Maßnahmen gehört unter anderen auch das Fahrrad-Sharing-Angebot Vélib‘. Nur noch 40 Prozent der Pariser besitzen ein Auto, vor 15 Jahren waren es 60.

Den am 27. September in Paris gefeierten Car-Free-Day will 2016 auch Kopenhagen abhalten. So etwas gab es in der dänischen Hauptstadt trotz der überall sichtbaren Fahrrad-Philosophie bisher nicht, bzw. nur in in der alternativen Siedlung Freistaat Christiania, in der es so gut wie keinen Autoverkehr gibt.

 

Madrid (Spanien)

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Foto: imago/Westend61

Sollte der im letzten Jahr von der konservativen Stadtregierung beschlossene „Mobilitätsplan 2020“ mit seinen beinahe Hundert Maßnahmen komplett umgesetzt werden, wird Spaniens Hauptstadt Madrid dem Oslo-Projekt nur ein Jahr nach dessen planmäßiger Verwirklichung den Rang ablaufen.

Bereits jetzt sind bestimmte Bereiche des Madrider Zentrums nur noch für Anwohner befahrbar, um das tägliche Verkehrschaos und die erhebliche Lärmbelastung für Hunderttausende einzudämmen. Die Regierung sieht Zeit zu handeln, denn seit mehreren Jahren werden die von der EU vorgegebenen Obergrenzen der Abgaswerte überschritten. Anfang des Jahres wurde die „Área de Prioridad Residencial (APR)“ auf insgesamt über 3,52 Quadratkilometer erweitert. Wer hier als Nicht-Einwohner außerhalb der Hauptstraßen fährt, wird von den Überwachungskameras registriert und zur Zahlung von 90 Euro Bußgeld verpflichtet. Kommerzielle Fahrzeuge sind an die lieferverkehrsoffene Zeitspanne von 10 bis 13 Uhr gebunden.

Bis 2020 sollen sämtliche Verkehrsadern des historischen Stadtzentrums innerhalb der Zone des Autobahnrings M30 zur Fußgängerzone werden. Bereits seit letztem Jahr sind intelligente Parkuhren in Betrieb, deren Gebühren sich nach der Emissionsklasse des Fahrzeugs richten, Radwegenetz und das öffentliche Fahrradverleihsystem wurden ausgebaut.

 

Freiburg—Vauban (Baden-Würtemberg)

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Foto: Imago

Vauban ist seit langem Vorreiter, was die Verdrängung von motorisiertem Individualverkehr (MIV) angeht. Knapp 6000 Menschen leben im mit bunten Niedrigenergiehäusern bespickten, teilweise autofreien Öko-Stadtteil Freiburgs. Bis 1992 war dort französisches Militärgelände. Tausende Touristen strömen täglich ein, um den seit 1998 entstandenen Modell-Bezirk unter die Lupe zu nehmen.

Vauban wird häufig auch als kinderreichster Stadtteil Deutschlands beschreiben. Entfaltungsraum gibt es für die Kleinen genug, denn nur jeder Zehnte Vaubaner hat ein Auto. Neben philosophischen Gesichtspunkten gibt es dafür auch einen finanziellen Grund: Wer als Bürger Vaubans nicht auf ein Auto verzichten will, muss 18.000 Euro für einen Stellplatz in einem der zwei Parkhäuser am Standrand aufbringen.

Die Seitenstraßen sind weitestgehend Kinderland. Dort dürfen Autos nur halten, nicht parken. 5000 Fahrradstellplätze und freier S-Bahn-Verkehr erleichtern den Bewohnern das autofreie Leben. Für Besucher wurden Parkplätze geschaffen, die zeitweise überbelastet waren. Das war laut der Stadt aber kein Planungsfehler, sondern darauf zurückzuführen, dass einige Einwohner sich einen Stellplatz erschlichen.

 

Bogotá (Kolumbien)

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Foto: Imago

„Ein entwickeltes Land kennzeichnet sich nicht dadurch, dass die Armen Auto fahren, sondern dadurch, dass die Reichen öffentliche Verkehrsmittel benutzen“ – diese Aussage des ehemaligen Bürgermeisters der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, Enrique Peñalosa, wurde zur Leitlinie der erfolgreichen Armutsbekämpfungspolitik, die den von Kriminalität geprägten Straßen Würde und Leben einhauchte.

Peñalosas förderte nicht nur den ÖPNV mit neuen Schnellbuslinien, er gab auch den Bau von 300 Kilometern Radwegen in der von Armut geplagten Sieben-Millionen-Stadt in Auftrag. Seine Begründung: Somit könne ein Mensch mit einem 30-Dollar-Fahrrad mit den Halter eines 30.000-Dollar Autos abhängen. Von 2000 bis 2013 hat sich der Anteil der in Armut lebenden Bürger der Stadt von 49,6 auf 10,2 Prozent reduziert. Weniger Zeitverschwendung in Staus, bessere Gesundheit und höheres Einkommen – Entwicklungspolitik auf zwei Rädern.

Autofreie Großbezirke haben in Bogotá nicht nur Tradition, sie wurden dort sogar erfunden. An jedem Sonn- und Feiertag organisiert sich seit 1976 eine Ciclovía (spanisch für Fahrradweg). Von 7 bis 14 Uhr werden über 120 km des Straßennetzes in 18 der 20 Stadtteile – bewacht von Wehrpflichtigen – für den motorisierten Verkehr gesperrt. Über zwei Millionen Menschen bevölkern die Straßen auf Beinen und Rädern diverser Arten, 600.000 Automobile bleiben stehen.

Im Jahr 2000 hatte Bürgermeister Peñalosa den Auto-Bann per Volksentscheid erstmals auf den gesamten Sonntag ausgedehnt – seitdem findet das Event in jedem Jahr statt. Und im Februar 2014 wurde die Ciclovía erstmals über eine ganze Woche abgehalten.

Indonesiens Hauptstadt Jakarta hat sich an Bogotá ein Beispiel genommen. Zunächst wurde die Verkehrshölle Jalan Sudirman ein Mal im Jahr gesperrt, nun sind zwei Hauptstraßen im Zentrum jeden Sonntagmorgen zum flanieren freigengeben. Dort genießt dann Hund und Halter freien Auslauf.

 

Chengdu Tianfu District Great City (China)

Chinas Metropolen sind mit dem rasch wachsenden Autoverkehr und den Abgasen völlig überfordert. Millionen sterben laut Weltgesundheitsorganisaition (WHO) jährlich an den Folgen abgasverseuchter Luft. Bejing plant in Auge dessen außerhalb von Chengdu eine nachhaltige Stadt für 80.000, die von den federführenden Architekten Adrian Smith und Gordon Gill so konzipiert wird, das MIV den Einwohnerm irrational erscheinen muss. Das soll allein daran liegen, dass jede Distanz innerhalb von 15 Minuten zu Fuß erreicht werden kann, maximal zwei Minuten sollen es bis zum nächsten Park sein.

Die Fahrbahnen werden gleichanteilig motorisierten und nichtmotorisierten Personen gewidmet. Wenn die Passanten des Gehens müde sind, können sie in Elektro-Shuttles einsteigen.

 

Masdar City (Abu Dhabi)

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Foto: Imago

Ganz ähnlich wird in Abu Dhabi an der Ökostadt Masdar City gefeilt, die seit 2008 in der Wüste gebaut wird. Hier wird es allerdings Personal-Rapid-Transit-Netze (PRT-Netze) geben, in denen elektrisch motorisierter Individualverkehr stattfindet. Der Nutzer setzt sich in eine automatisierte Kabine und erreicht so ohne zu warten sein Ziel. Ex-Bundespräsident Christian Wullf und Gattin durften schon eine Testfahrt abhalten, genau wie der Londoner Bürgermeister Boris Johnson (Foto).

 

Helsinki (Finnland)

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Foto: dpa

Ähnlich wie in China denkt man auch in Finnland. Helsinki soll die Stadt der kurzen Wege werden mit „Mobility on Demand” als Zauberformel. Die Infrastruktur des schnell wachsenden Helsinkis soll so smart, flexibel und so schnell werden, dass sie das Privatautomobil eigentlich obsolet macht. Wenn man erstmal ein Auto hat, nimmt es nicht nur kostbare Fläche ein, so die These. Der Besitzer wird es dann auch exzessiv nutzen – also auch in den Situationen in denen ein anderes Verkehrsmittel besser geeignet wäre. In den Verkehrswissenschaft geht man davon aus, dass 60 bis 70 Prozent aller Autofahrten irrational sind. Pragmatisch soll der Mensch der Zukunft sich im finnischen Planspiel aber fortbewegen und computergestützt entscheiden, wie er bei Wetter und jeweiliger Uhrzeit zweckmäßig „mobil“ ist. 

Man orientiert in der Verkehrsagenda an den Untersuchungen von Sonja Heikkilä, einer ehemaligen Studentin, die das Thema in ihrer Masterarbeit so überzeugend vertiefte, dass daraus eine verkehrspolitische Linie erwuchs. 2025 soll mit einem Zahlsystem alles abdeckbar und verfügbar sein, was das Fortbewegung angeht. Also nicht nur Bus und Bahn, sondern auch Shared-Car, Taxis, Räder und Parkgebühren. Die Situation heiligt die Verkehrsmittel.

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erstellt am 25.Okt.2015 | 19:20 Uhr

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