Kiel
De Jagers Rücktritt stürzt CDU in die Krise
Kiel. Schock, Verblüffung, Enttäuschung - Schleswig-Holsteins CDU steckt wieder einmal im Schlamassel. Der Rücktritt des Landesvorsitzenden Jost de Jager lässt die Partei in eine veritable Führungskrise stürzen. Zermürbt gibt der 47-Jährige die Politik völlig auf. Mit seiner Entscheidung zu diesem Zeitpunkt hat er die ganze CDU-Führungsriege kalt erwischt, und das gut vier Monate vor der Kommunalwahl und acht vor der Bundestagswahl. "Es war ein Schock", gestand Landtagsfraktionschef Johannes Callsen am Dienstag. Erst am Vortag hatte de Jager sich Parteifreunden anvertraut. Wer ihm als Vorsitzender folgt, ist noch ganz ungewiss.
Politische und persönliche Motive nannte de Jager, nachdem er um 12.57 Uhr gefasst, aber emotional berührt vor die Presse trat. Hintergrund sind die enttäuschende Landtagswahl 2012 und mangelnder Rückhalt für ihn in der Partei. Das Gesamtbild des vorigen Jahres veranlasste den Ex-Wirtschaftsminister, über Weihnachten und den Jahreswechsel mit seiner Familie über seine Zukunft zu beraten. Diese soll außerhalb der Politik liegen - de Jager steigt richtig aus. So wie sein Vorgänger Christian von Boetticher. Dieser gab 2011 wegen einer früheren Beziehung zu einer Minderjährigen alle Ämter auf.
Lange Gesichter bei der Landtagsfraktion
Boetticher arbeitet inzwischen wieder als Anwalt. "Ich gehe nicht, weil ich einen besseren Job habe", versicherte de Jager. Er sucht noch und will dafür seine Drähte in die Wirtschaft nutzen.
Sein Verzicht auf den Landesvorsitz überraschte seine Parteichefin Angela Merkel und die Parteiführung in Kiel gleichermaßen. Lange Gesichter gab es auch auf den Fluren der Landtagsfraktion, von der sich de Jager am Nachmittag verabschiedete. Er sei schon ein Stück verdrossen, räumte de Jager ein. Seine Aufgabe sei ihm nicht immer leichtgemacht worden. Er gehe aber nicht im Zorn.
"Da fehlen mir jetzt echt die Worte"
"So einen großen Besen haben wir gar nicht, um diesen Scherbenhaufen wieder zusammenzufegen", sagte ein altgedienter Christdemokrat. "Das ist kein GAU, aber es ist eine schwierige Situation, die bewältigt werden muss", meinte Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, der ebenfalls völlig überrascht war. "Da fehlen mir jetzt echt die Worte", schrieb CDU-Finanzexperte Tobias Koch auf seiner Facebook-Seite. "Ich war ziemlich geplättet", gestand Landesschatzmeister Hans-Jörn Arp.
Die Nord-CDU musste sich in den letzten Jahren schon öfter einen neuen Vorsitzenden suchen, aber im Gegensatz zu früheren Fällen steht diesmal kein geborener Nachfolger bereit. Als Carstensen 2010 den Landesvorsitz aufgab, rückte sein "Kronprinz" von Boetticher nach. Als dieser ein Jahr später stürzte, übernahm ganz selbstverständlich de Jager das Zepter. Aber nun? Die Hauptkandidaten für den Parteivorsitz agieren derzeit nicht aktiv in der schleswig-holsteinischen Landespolitik.
Wer tritt de Jagers Erbe an?
Besonders einem Bundestagsabgeordneten werden Ambitionen nachgesagt: Ingbert Liebing (49), Chef der CDU-Kommunalpolitiker im Norden und Landesparteivize. Er äußerte sich dazu nicht. In der Bundestagsfraktion sitzen mit dem Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesinnenministerium, Ole Schröder (41), sowie dem früheren Landes- und Fraktionsvorsitzenden Johann Wadephul (49) noch weitere wichtige Leute. Den Hut hat zunächst aber der dienstälteste Parteivize auf - der Europaabgeordnete Reimer Böge (61). Ein möglicher Übergangskandidat? Beim Landesparteitag Ende November hatte besonders einer für Furore gesorgt, der nach der Landtagswahl auch nicht in das Kieler Parlament kam: Ex-Landtagspräsident Torsten Geerdts (49).
Wer dann tatsächlich das Erbe de Jagers antreten wird, ist noch ziemlich unklar. Landtagspräsident Klaus Schlie (58) hat schon "definitiv" Nein gesagt. Landesschatzmeister Arp meinte fast fatalistisch, bisher hätten alle abgewunken, mit denen er gesprochen habe. Mitte März soll der neue Vorsitzende gewählt werden - die Nord-CDU steuert mal wieder spannende Wochen an.
De-Jager-Rücktritt
Jost de Jager will sein Amt als CDU-Vorsitzender niederlegen. Ein richtiger Schritt?
Als unmittelbare Folge auf den Rücktritt des Landesvorsitzenden ist heute auch der CDU-Ortsvorsitzende aus Schwentinental zurückgetreten.
Sowas gibt's?
Mal ehrlich, in der Wirtschaft kann er mehr verdienen, da werden ihm seine Freunde schon helfen.
Sollen sie doch alle zurück treten, irgendwann gibt es dann keine CDU mehr. Wäre prima!
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Dass de Jager 'verdrossen' ist, ist mehr als verständlich, nachdem die Partei so schoflich mit ihm umgegangen ist und ihn auf dem Landesparteitag durch geringe Zustimmung geradezu gedemütigt hat. Es hat sich mal wieder drastisch gezeigt, dass man mit der Loyalität der Parteifreunde nicht rechnen darf. Politikerdasein ist eben so,als würde man in ein Haifischbecken geworfen. Diese Gefahren hat de Jager offensichtlich unterschätzt.Schade, dass sich so ein tüchtiger, integrer Politiker enttäuscht von der Politik zurückzieht.