Die Lehrstellenlücke schließt sich

14. Oktober 2009 | 04:40 Uhr | Von Rolf Ziehm

Trotz konjunktureller Flaute bilden Neumünsters Betriebe aus. Vorreiter ist das Handwerk mit 11,6 Prozent mehr Lehrstellen als im Vorjahr.

Die Arbeitsagentur zieht eine positive Bilanz des Ausbildungsjahres. Unternehmen stellen sich auch in der Krise ihrer Verantwortung.

Neumünster. Der demographische Wandel schlägt langsam auf den Ausbildungsmarkt durch: Es gibt weniger unversorgte Jugendliche als in den Vorjahren. Diese erfreuliche Bilanz zog gestern Nicole Blöcker, Bereichsleiterin für die Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit Neumünster.

Zum Ende des Berufsberatungsjahres 2008/09 zählt die Agentur 60 Bewerber, die noch unversorgt sind. "Im vergangenen Jahr waren es zu diesem Zeitpunkt noch 90, im Jahr zuvor 169", sagt Nicole Blöcker.

Vom 1. Oktober 2008 bis Ende September 2009 wurden der Agentur 2132 Ausbildungsstellen gemeldet. Das waren zwar 253 oder 10,6 Prozent weniger Stellen als im Vorjahreszeitraum, aber 55 mehr als vor zwei Jahren und vor drei Jahren (+126). Momentan gibt es noch 26 unbesetzte Lehrstellen.

Bemerkenswert: Die Zahl der Bewerber um eine Ausbildungsstelle ging noch deutlicher zurück. 2456 Jugendliche ließen sich bei der Agentur beraten. Das sind 396 oder 13,9 Prozent weniger als im Jahr davor. Noch deutlicher wird der Trend, wenn man die beiden Jahre davor mit in die Betrachtung einfließen lässt. Im Ausbildungsjahr 2007/08 standen 2852 Bewerbern 2385 Stellen zur Verfügung, 2006/07 gab es 3194 Bewerber und 2077 Stellen. Die Lehrstellenlücke schließt sich langsam.

Die anfängliche Sorge, die Finanz- und Wirtschaftskrise werde auf den Ausbildungsmarkt durchschlagen, hat sich damit nicht bewahrheitet. "Die Stellenmeldungen kamen später, aber sie kamen", sagt Nicole Blöcker. Die Unternehmen hätten nicht an der Ausbildung gespart, und das sei bei diesem sensiblen Thema weitsichtig.

"Heute auszubilden heißt, die Fachkräfte von morgen zu sichern", sagt Blöcker. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Zahl der Bewerber in diesem Jahr schon dramatisch um rund 50 Prozent geschrumpft. Auch in Neumünster ist ein deutlicher Rückgang zu erwarten. Gibt es heute noch 5797 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 21 Jahren, werden es 2025 nur noch 4080 sein.

Die Nachvermittlung von Agentur und Kammern ist bereits in vollem Gange. Für schwächere Schüler gebe es 800 Plätze in berufsvorbereitenden Maßnahmen oder die Einstiegqualifizierung (180 Plätze). In außerbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen stehen 210 Plätze bereit. Vorreiter der betrieblichen Ausbildung ist das Handwerk. 287 Lehrverträge bedeuten ein Plus von 11,6 Prozent (der Courier berichtete).

Kommentar

Lehrlinge sind  bald Mangelware

Von Rolf Ziehm

„Heute auszubilden heißt, die Fachkräfte von morgen zu sichern“, appelliert Nicole Blöcker von der Agentur für Arbeit. Sie hat recht. Und das „morgen“ ist nicht mehr weit weg. Der demographische Wandel kommt unausweichlich – und er kommt schneller und wird dramatischer, als manches Unternehmen vermutet. Die Jugendlichen, die im Jahr 2025 ihre Ausbildung beginnen, sind heute schon geboren. Allein in Neumünster wird ihre Zahl um etwa 1700 oder 30 Prozent zurückgehen. Im Rückblick wird dann das heutige Überangebot an Bewerbern wie ein Zustand aus paradiesischen Zeiten anmuten. Die Situation kehrt sich um: Auszubildende werden bald knapp und daher hart umworben sein. Die Betriebe tun gut daran, das schon jetzt zu bedenken und trotz der Krise in die Ausbildung und damit in die eigene Zukunft zu investieren.


 

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