Universität Hamburg
Chaos um Präsidentschaftskandidaten
Beifall, Buh-Rufe und kristische Fragen - die Studenten zeigten ihren Unmut. Foto: Landsberg
Die Universität Hamburg versinkt bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten für das Amt des Präsidenten und einem Tag mit dramatischen Wendungen im Chaos: Am Mittag hatten sich mehrere hundert Studenten zu einem Protestmarsch auf dem Gelände der Hochschule formiert, um gegen den seit mehr als einer Woche gehandelten und umstrittenen Präsidentschaftskandidaten Dieter Lenzen zu demonstrieren. Ihr Ziel: Der Sitzungsraum des Akademischen Senats, der am Donnerstag tagen sollte und auf dem die Studierenden die undemokratische Wahl und den Präsidentschaftskandidaten Lenzen kritisieren wollen. Es folgte ein peinliches Verwirrspiel um "Geheimsitzungen" und angebliche "Geheimkandidaten".
Wegen des gewaltigen Andrangs entschloss das mächtigste Gremium der Universität Hamburg seine Sitzung kurzfristig in den von Studenten besetzten Audimax zu verlagern. Dort folgte ein offener verbaler Schlagabtausch zwischen den Studenten und dem Vorsitzenden des Hochschulrates, Albrecht Wagner. Er beharre bei der Wahl des Präsidenten auf das gesetzlich festgelegte Verfahren - ohne jede Diskussion, so Wagner sinngemäß. Die Studenten quittierten die Äußerungen mit Buh-Rufen und unterbrachen Wagner bei seiner Ansprache mehrmals. Sie kritisieren vor allem, dass die Studenten bei der Findungssuche kaum Mitspracherecht haben. Zudem sei der Hochschulrat nicht legitimiert und der ganze Findungsprozess intransparent.
Eklat bei der Antragsstellung
Wagner bestätigte, dass mehrere Bewerber um den Job an der Unispitze im Rennen waren, aufgrund von verschiedenen Kriterien aber nicht mehr in der engeren Wahl seien. Gegenüber shz.de räumte Wagner Informationsdefizite ein und zeigte sich von der Masse und der Organisation der Studenten untereinander beeindruckt. Schließlich seien auch Kommilitonen aus Berlin gekommen, um ihre Erfahrungen und Eindrücke über Lenzen zu schildern. Dort ist er seit 2006 Präsident an der Freien Universität. Aber auch gestern wollte niemand die Personalie offiziell bestätigen.
Zu einem Eklat kam es dann, als der Antrag gestellt wurde, die Senats-Sitzung vorzeitig zu schließen. Zuvor wurde schon eine 20minütige Pause anberaumt, um das weitere Vorgehen im spannungsgeladenen Audimax zu beraten. Begründung: Eine normale Sitzung sei unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich. Dem Antrag wurde mehrheitlich zusgestimmt - wieder unter großen Unmut der Studenten. Auch die Vermittelungsversuche der amtierenden Präsidentin, Prof. Dr. Gabriele Löschper, zwischen Studenten und Akademischen Senat waren zu diesem Zeitpunkt gescheitert.
Die Situation drohte zu eskalieren
Mitglieder des Senats fühlten sich nach der Sitzung von den Geschehnissen regelrecht überrannt. "Es ging alles viel zu schnell, wir konnten uns gar nicht über die Konsequenzen einer Sitzungsschließung bewusst werden", so ein Professor, der gleich zum nächsten Treffen eilen musste, einem Geheimtreffen.
Eigentlich sollte das in der Villa der Unimarketing GmbH stattfinden. Doch auch dieser Sitzungsort wurde kurzfristig verlegt, um den Protesten der Studenten zu entgehen - in das Mineralogische Museum auf dem Campusgelände. Auch dort spielten sich dramatische Szenen ab. Während im Inneren Mitglieder des Hochschulrates, des Akademischen Senats und die Dekane über einen neuen Präsidenten reden wollten, versuchten Studenten den Versammlungsort zu stürmen. Sie drohten das verschlossene Gitter einzutreten, wenn sie nicht an der Sitzung teilnehmen dürften. Die Situation drohte zu eskalieren, auch Gruppentransporter der Polizei rückten jetzt an - mussten aber nicht eingreifen.
Wahl von Lenzen noch am Donnerstag war endgültig gescheitert
Nun lenkten auch die Sitzungsteilnehmer ein und entschlossen, vier Studenten an ihren Beratungen teilhaben zu lassen. Auch Dieter Lenzen war da schon im Gebäude. Der zu dem Zeitpunkt immer noch nicht bestätigte Kandidat schaute sich die Sitzung von einer Empore an. Ungemütlich wurde es, als es Studenten wenig später doch gelang in die Räumlichkeiten einzudringen. Lenzen floh aus Angst vor den Protestlern plötzlich, tauchte nach Abklingen der Situation aber wieder auf. Er hätte in dem Augenblick Angst um sein leibliches Wohl, berichten Sitzungsmitglieder. Die Wahl von Lenzen zum neuen Unipräsidenten durch den Hochschulrat noch am Donnerstag war da jedoch, entgültig gescheitert.
Gegen 19 Uhr verließen die Versammlungsmitglieder entnervt das Mineralogische Museum. Aus Sitzungskreisen war zu erfahren, dass sich das Gremium von den Protesten beeindruckt zeigte, der Kandidat Lenzen aber dennoch weiter für den Spitzenposten gehandelt werde. Die Gremien seien aber mittlerweile geteilter Meinung, ob er noch ein geeigneter Kandidat sei, so einer der vier Studenten, die die Sitzung für die Studierenden verfolgen durfte. Nach unbestätigten Informationen soll sich Lenzen noch am Donnerstagabend mit dem Hochschulrat an einem geheimen Ort getroffen haben, am Freitag soll er sich auf einer erneuten Sitzung dem Akademischen Senat vorstellen.
Studenten feierten ihren Etappensieg im Audimax. Nach dem Wirbel um die ehemalige Präsidentin Monika Auweter-Kurtz, die im Juli aus dem Amt geputscht wurde, droht einer der größten Universitäten Deutschlands ein neuer blamabler Tiefpunkt.





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