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SMS-Chats: "Simsen" bis zum Ruin

30. Januar 2007 | Von ho

Ein moralisch fragwürdiges Geschäft mit der großen Illusion hat in Flensburg seine Hochburg. Dutzende SMS-Chats machen mit kurzen Nachrichten und großer Einsamkeit Kasse. Ein Aussteiger erzählt.

Flensburg. Sie heißen Chris, mal Kim, mal Claudia - und sie wollen immer nur das eine: Geld. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften Kiel und Flensburg gegen die IT-Firma MintNet am Ballastkai und zwei weitere Unternehmen werfen ein Schlaglicht auf eine IT-Branche mit fragwürdiger Moral. SMS-Chats mit professionellen Animateuren, die unbedarften Handynutzern eine reale Existenz nur vorgaukeln.

Die Art der Arbeitsteilung zwischen den drei durchsuchten Unternehmen ist noch unklar, sagt Ulrike Stahlmann-Liebelt, Pressesprecherin der Flensburger Staatsanwaltschaft. MintNet legt Wert auf die Feststellung, dass man nur die technische Infrastruktur zur Verfügung stellt und keine Animateure beschäftigt. Gleichwohl residiert beispielsweise an der Westerallee ein MintNet-Kunde, der demselben Gesellschafter gehört und kostenpflichtige SMS-Chats über das Internet anbietet. Eine Stellungnahme war von MintNet nicht zu bekommen.

Wenn Claudia ein Klaus mit Bauch und Bart ist...

Es ist Mumpitz, Mummenschanz, Bauernfängerei - aber die Umsätze sind prächtig, und die Welt will betrogen sein. "Hi, hier ist die Claudia..." Tausende Handynutzer haben diese oder ähnlich lockende Worte auf dem Display ihres Handys gelesen und gegrübelt, welcher heiße Flirt das noch gleich war, von dem in Claudias SMS die Rede ist. Wer ihr antwortet, ist 1,99 Euro los - und hängt mit ein bisschen Pech und Unverstand am Haken. Denn Claudia ist gar nicht Claudia, sondern viel wahrscheinlicher ein Klaus mit Bauch und Bart, der sich als Animateur im Chat-Forum seine Hartz-IV-Alimentierung aufbessert. Für den geglückten Kontakt darf sich Klaus ein Paar Cents gut schreiben. Den Rest der 1,99 Euro für die Rück-SMS teilen sich die Telefongesellschaft und der Betreiber des Chats, über den fortan die Kommunikation läuft. Denn dummerweise ist Claudia nur hier zu erreichen und sonst gar nicht.

Die Geschäfte laufen glänzend - auch für die Netz-Provider wie T-Mobile oder Vodafone, die die komplette Rechnungslegung übernehmen und sich diese Mühe mit 40-prozentiger Beteiligung honorieren lassen, wie ehemalige Mitarbeiter behaupten. Nach Insider-Angaben bearbeiten die Animateure eines Chats Monat für Monat bis zu 100 000 SMS-Kontakte im Preisbereich von 1,99 bis 4,99 Euro pro SMS. "Die Firmen bewegen sich dabei in einer Grauzone, versuchen aber Gesetzesübertretungen zu vermeiden", berichtet ein ehemaliger Animateur. "Natürlich wird der gewerbliche Charakter nicht in den Vordergrund gerückt. Aber ich glaube, die meisten wollen das auch gar nicht so genau wissen. Es gibt so viele arme Würstchen, die sonst niemanden haben..."

"Daran sind schon Ehen zerbrochen"

Aufgabe der Animateure ist es, sie so lange wie möglich im Spiel zu halten. Die Animateure bauen die anfangs noch sehr ambivalenten Persönlichkeiten ihrer imaginären Figuren zu einem perfekt passenden Partnerprofil aus und halten ihre SMS-Partner ständig unter Zugzwang. "Dass sich Leute in diese Pseuden verlieben, ist keine Seltenheit", sagt der Aussteiger. "Daran sind schon Ehen zerbrochen." Gesimst wird, auch wenn es eigentlich schon lange nicht mehr geht. "Das ist schon voll das Suchtverhalten", so der Ehemalige. "Ehe der Provider wegen nicht bezahlter Rechnungen die Karte sperrt, wird schnell noch ein zweiter oder dritter Kartenvertrag gemacht - nur, um im Spiel zu bleiben. Rechnungen von über 1000 Euro sind keine Seltenheit." Der Spitzenreiter im laufenden Ermittlungsverfahren steht mit 15.000 Euro in der Kreide.

Ein Ende der verhängnisvollen Affäre ist nur schwer herbeizuführen. Von Claudia & Co ist jedenfalls keine Hilfe zu erwarten - Animateure, die den SMS-Partnern den Ausstieg nahe legen, riskieren ihren Job, sagt der Aussteiger. So ist eher das Gegenteil der Fall. "Wenn Leute wegen Überschuldung aussteigen wollen, wird meist ein reales Treffen angeboten, das natürlich nie zu Stande kommt. So kann man sie noch zwei, drei Monate hinhalten und ausnehmen."

Das Handwerkszeug der Animateure wird von Firmen wie MintNet entwickelt und vermarktet - Programme, die alle wichtigen Informationen über den Chat-Partner liefern und über ausgefeilte Funktionen verfügen. Die Animateure sitzen vor Computerschirm und Tastatur und haben jederzeit alles im Blick, sagt der Aussteiger. Und oft auch Gewissensbisse. "Nur ein Eisblock hält das länger als sechs Monate durch. Es ist einfach ein Scheiß-Job."


 

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