THW-Affäre

Neue Vorwürfe und fehlende Fakten

04. März 2009 | 06:30 Uhr | Von Erik Eggers

Dieter Matheis war mit dem Ergebnis der Montagssitzung zufrieden.

Nach der Krisensitzung der HBL vom Montag schien alles ausgeräumt. Für neuen Zündstoff sorgt jetzt aber Jesper Nielsen, Gesellschafter von Bundesliga-Rivale Rhein-Neckar Löwen.

Hamburg. Der Weg ins "Gastwerk", dem noblen Tagungshotel in Hamburg-Bahrenfeld, war Uwe Schwenker bekannt. Der Geschäftsführer des deutschen Handball-Rekordmeisters THW Kiel nächtigt hier aus Aberglauben während der Pokal-Endrunde Final Four. Für gewöhnlich wird er jedoch nicht, wie am Montagabend, von acht TV-Teams, einer ganzen Schar von Fotoreportern sowie Radio- und Zeitungsjournalisten empfangen. Der 49-Jährige runzelte kurz die Stirn, als er das mediale Bohai erblickte. Dann schritt er zur kurzfristig anberaumten Krisensitzung, in der es um nicht weniger als die Zukunft des deutschen Handballs ging.

Knapp zwei Stunden später stand Schwenker inmitten des Pulks und verkündete, dass die Korruptionsvorwürfe gegen den THW Kiel völlig haltlos seien: "Der THW Kiel hat nie Spiele manipuliert", sagte Schwenker, der den Kieler Staranwalt Matthias Nebendahl mitgebracht hatte. Und dass er sich mehr Verantwortungsbewusstsein bei allen Akteuren gewünscht hätte. "So ist der Schaden groß, nicht nur für den THW Kiel, sondern auch für den gesamten Handball."

"Das war eine Sache unter Ehrenmännern, die nun geklärt ist"

Auch HBL-Aufsichtsrat Dieter Matheis gab sich mit dem Ergebnis der Sitzung zufrieden. "Das war eine Sache unter Ehrenmännern, die nun geklärt ist", sagte der Mann, der mit seinem Brief an Schwenker alles erst ins Rollen gebracht hatte. Darin hatte er Schwenker aufgefordert, die Gerüchte aufzuklären, wonach der THW das Champions League-Finalrückspiel am 29. April 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt (29:27) mittels Schiedsrichterbestechung manipuliert haben soll. "Die Fragen, die gestellt wurden, sind zunächst einmal beantwortet worden. Belastbare Tatsachen liegen nicht vor", erklärte Reiner Witte, Präsident der deutschen Handball-Bundesliga (HBL), und dass er nicht davon ausgehe, dass "noch weitere Erkenntnisse in dieser Richtung" präsentiert würden. HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann freute sich, die Vorwürfe nach diesem "Orkan der Aufmerksamkeit", der am Sonntag durch die Veröffentlichung entfacht worden war, in der gebotenen Eile geklärt zu haben.

Die Statements also waren klar, die Sache schien aus der Welt, die Glaubwürdigkeit des Handballs gerettet. Doch der HBL-Aufsichtsrat, der gestern Mittag ebenfalls in Hamburg tagte, war nicht geneigt, einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen. Nach zweieinhalbstündiger Beratung verlas Aufsichtsratschef Manfred Werner eine dünne Erklärung, die Raum für weitere Spekulationen lässt: "Wir haben den gesamten Themenkomplex ausführlich diskutiert. Der Aufsichtsrat sieht weiteren Informationsbedarf."

Aussagen von "Schlüsselpersonen innerhalb des THW Kiel"

Eigentlich war damit gerechnet worden, der Fall werde zu den Akten gelegt. Nicht unwahrscheinlich, dass die Statements Matheis’, der gleichzeitig als Beiratsvorsitzender der Rhein-Neckar Löwen fungiert und als enger Freund des SAP-Gründers Dietmar Hopp gilt, das Aufsichtsgremium haben aufschrecken lassen. Bereits am späten Montagabend hatte er durchblicken lassen, dass die Vorwürfe bereits bei den Vertragsverhandlungen mit dem ehemaligen THW-Coach Noka Serdarusic eine Rolle spielten. Damals hätten zwei Löwen-Gesellschafter, er, Löwen-Manager Thorsten Storm und Serdarusic am Tisch gesessen. Damit liegt die Vermutung nahe, dass Serdarusic der Stichwortgeber war. Der 58-Jährige Meistercoach war im Juni 2008 nach privaten Differenzen mit Schwenker in Kiel beurlaubt worden.

Weiteren Zündstoff lieferte gestern die Aussage des dänischen Gesellschafters der Löwen, Jesper Nielsen, gegenüber dem dänischen Sender TV2 Sporten. Man wisse, dass es Unregelmäßigkeiten bei Kiels Champions League-Spielen gegeben habe, so Nielsen. Dieses Wissen basiere auf Aussagen von "Schlüsselpersonen innerhalb des THW Kiel und aus dessen Umfeld". Deshalb habe Serdarusic auch nicht Trainer werden können, so der dänische Unternehmer. Fakten oder gar Namen nannte er nicht. Schwenker wollte diese erneuten Vorwürfe nicht kommentieren. "Wir können nicht auf alle Verleumdungen reagieren", sagte er.

In einer Pressemitteilung seines Clubs hieß es zudem, Noka Serdarusic habe dem THW Kiel bestätigt, dass er weder an derartigen Manipulationen beteiligt gewesen sei noch irgendjemanden vom THW Kiel beschuldigt habe, so etwas getan zu haben. Er habe auch keine Selbstanzeige gemacht. Doch auch diese Erklärung dürfte nur ein weiteres Kapitel, aber beileibe nicht das Ende dieser Geschichte sein.


 

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