SYLTER RUNDSCHAU
Folk-Baltica
Kassensturz nach furiosem Finale
Flensburg. Die sechste Ausgabe von Folk-Baltica endete am Sonntag mit einem fulminanten Schlussakkord. Das Konzert der Gruppe "Shin" aus Georgien mit Wahlheimat Deutschland geriet zu einem dieser magischen Momente, die entstehen, wenn alles passt: erstklassige Musikalität, toller Sound und ein begeisterungsfähiges Publikum. Wer sich fragte, was an Georgien denn baltisch sei, erhielt die Antwort im zweiten Teil. Da traf das Quartett aus dem Kaukasus auf drei Menschen von der Ostsee, die den Länderschwerpunkt Lettland vertraten.
Mit unglaublicher Virtuosität verzauberten die vier Georgier das Publikum in der Duborg-Skole. Mit akustischer Gitarre (Zaza Miminoshvili), E-Bass (Zurab J. Gagnidze), Percussion (Mamuka Gaganidze) sowie Aleksandre Chumburidze (Tanz) zelebrierte "The Shin" eine mal treibende, mal elegische Musik in einem transparenten Sound voller Raffinesse. Mal klang sie geheimnisvoll orientalisch, dann wieder jazzig pulsierend, mal sogar alpin folkloristisch, aber immer sehr stimmig und immer auf sehr hohem technischen Niveau. Allein der mehrstimmige Männergesang voll temporeicher Präzision nötigte dem Publikum staunenden Respekt ab. Andere diskutierten, ob nun der Gitarrist, der Bassmann oder der ungeheuer feinfühlig Akzente setzende Drummer "primus inter pares" war an diesem Abend. Der Tänzer Chumburidze schlich sich zwischendurch für kecke Tanzeinlagen auf die Bühne und zeigte kaukasische Kostproben des klassischen Tanzes. Ganz wunderbar vermählten die Akteure die Klangwelten aus Georgien und Lettland. Die Stimmen von Zane Smite und Kristine Karkle Purina sowie das Akkordeon von Valts Puce verschmolzen vollständig mit dem Ethno-Jazz der vier Könner an den Instrumenten.
Den Wohlklängen folgten Session bis in die Morgenstunden, Applaus der Musiker im Spalier für die Freiwilligen, Abschied, Abreise. Der Kassensturz jedoch steht noch aus. Eine Auswertung sei dringend geboten, ermahnt Jens-Peter Müller sich und seine Mitstreiter und will überlegen, wie man mit dem Minus umgehen werde. Wenngleich dem künstlerischen Leiter des Festivals einige Zahlen sehr gefallen, hatten befürchtete Flugausfälle und Umbuchungen Extrakosten verursacht. Allein am Beispiel der Band "Patina" rechnet Müller wegen Fährfahrten zusätzliche Kosten von 1000 Euro vor.
Doch 5500 Festival-Besucher und 4000 Besucher der begleitenden Sonderausstellung im Flensburger Schifffahrtsmuseum stimmen die Veranstalter versöhnlich. Die 85 Veranstaltungen seien zu 90 Prozent ausgelastet gewesen; das Festival sei in Dänemark angekommen auch dank des "Lockvogel-Konzerts" im Alsion von Sonderburg mit Goldkehlchen Helene Blum und dem virtuosen Fiddler Harald Haugaard. Spiel und neue Stätten wie Niebüll, das ECMI in Flensburg oder das Kappelner Tanzfest überzeugten und überraschten.
Die Entscheidung für den Fokus Lettland, für Unbekannte, "underdogs", hält Rainer Prüß für die "absolut richtige Entscheidung". Abseits der "Guckkasten-Bühne" hat der Gesellschafter der Folk-Baltica-GmbH eine "zweite Welt" beobachtet, in der sich neue Formationen bildeten. Jens-Peter Müller habe "musikalische und menschliche Begegnungen so intensiv wie noch nie" erlebt. Ihm ist der "europäische Gedanke" des grenzübergreifenden Festivals mit dem Herz in Flensburg wichtig. "Im Prinzip spielt die ganze Stadt mit", sagt Müller. Thomas Frahm vom Kulturbüro lobt das "funktionierende Netzwerk" des Schwarms Freiwilliger, der Kommunen Apenrade und Sonderburg sowie des Flensburger Aktivitetshuset. Katrine Hoop als Gastgeberin des Festivalbüros im Haus der dänischen Minderheit konnte lächelnd "Aufklärungsarbeit leisten", wenn Norweger zum Beispiel ihr perfektes Dänisch bewunderten. Nächste Gelegenheit zur Völkerverständigung auf Folk-Basis bietet die 7. Ausgabe des Festivals vom 6. bis 10. April 2011.




