Der "König von Deutschland" muss umziehen

"Ich kann Rio hier nicht liegen lassen"

17. Januar 2011 | 06:35 Uhr | Von Kay Müller

Gert Möbius am Grab seines verstorbenen Bruders Rio Reiser in Fresenhagen. Foto: Staudt

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Gut Fresenhagen ist verkauft. Das Museum wird aufgelöst, die Leiche des Sängers Rio Reiser muss nun umgebettet werden.

Die Umzugskisten stapeln sich. Dort, wo einmal das Bett stand, liegen ein paar alte Bücher, die Karl May Bände sind schon eingepackt, das Klavier zugeklappt. Alles ist in Auflösung. Den Ort, an dem in Schleswig-Holstein Musikgeschichte geschrieben wurde, es gibt ihn nicht mehr. Denn das Rio Reiser Haus in Fresenhagen (Kreis Nordfriesland) ist verkauft, das kleine Museum wird aufgelöst, der im Garten liegende Rio Reiser umgebettet.

In den 70er Jahren hatten die Mitglieder der Politrockband Ton Steine Scherben ("Keine Macht für niemand", "Macht kaputt was Euch kaputt macht") den alten Hof für 50.000 Mark erworben, ihn langsam restauriert, dort gelebt und Platten produziert. Nachdem die Band Anfang der 80er Jahre bankrott war und sich auflöste, startete Rio Reiser, der mit bürgerlichem Namen Ralph Möbius hieß, eine Solokarriere. Er landete Hits wie "König von Deutschland" oder "Junimond". 1996 starb der Sänger im Alter von 46 Jahren in Fresenhagen an multiplem Organversagen. Im Garten des Hofes ist er beerdigt, als einer der wenigen Menschen in Deutschland auf seinem eigenen Grund und Boden. Ministerpräsidentin Heide Simonis hatte der Familie damals die Sondergenehmigung dafür erteilt. Doch seine letzte Ruhe hat Rio Reiser nicht gefunden.

Neues Grab, neuer Stein

"Ich kann ihn nicht hier liegen lassen", sagt sein Bruder Gert Möbius, der ihn nun in seine Nähe, auf den Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin, umbetten lässt. Der Grabstein, der noch in Fresenhagen liegt, soll nach Möbius' Willen nicht mit auf den Friedhof in der Hauptstadt. "Ich möchte einen anderen, vielleicht mit dem Text aus seinem Lied 'Sternchen' darauf. Der gefällt mir besonders gut."

Möbius, seiner Frau und einem weiteren Bruder hatte das Rio Reiser Haus zuletzt gehört. "Wir haben den Hof verkauft, weil es zu teuer wurde, ihn zu betreiben", sagt Gert Möbius leise als er durch die verlassenen Räume geht. Die Unterhaltung des Gästehauses und des Cafés habe zu viel Geld gekostet, dafür hätte er drei Leute beschäftigen müssen. Und dafür seien wiederum zu wenig Gäste gekommen. Andere Finanziers habe es nicht gegeben, Unterstützung vom Land für eine kulturelle Einrichtung auch nicht. "Da gab es keine Alternative mehr", sagt Möbius, der das Anwesen seit Februar 2010 für 450.000 Euro zum Verkauf angeboten hatte. "Viele Menschen erinnern sich gern an Rio, aber ich wollte niemanden um Geld für Fresenhagen anbetteln." Fresenhagen, die Gemarkung in der Gemeinde Stadum mitten in Nordfriesland - ein Erinnerungsort der deutschen Musikgeschichte. Ein Ort, der jetzt verschwindet.

Neue Eigentümerin hat kaum Interesse an der Geschichte

Nun wird dort eine Einrichtung der Jugendhilfe entstehen. "Für alle, die unsere Hilfe benötigen. Wir wollen etwas ganz Neues machen, einen Schlussstrich ziehen", sagt die neue Eigentümerin und Pädagogin Jalena Rindfleisch, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Gundula Lietzke das Haus betreiben wird. Rindfleisch wusste zunächst nicht, welches Gebäude sie da kaufte, und auch jetzt hat sie wenig Interesse an der Geschichte. An Rio Reiser wird deshalb schon in dieser Woche kaum noch etwas erinnern, die Einrichtung des Museums und Reisers Zimmer schafft Gert Möbius nach Berlin. Das Grab des Sängers im Garten wird eingeebnet. Dann wird das Haus renoviert und schon im Februar soll die erste Gruppe Jugendlicher einziehen.

"Rio hätte nichts dagegen gehabt", meint sein Bruder. Auch die Band Ton Steine Scherben habe ja immer wieder Jugendliche aufgenommen, die in ihren Familien nicht zurecht kamen. "Rio hat sich um sie gekümmert", sagt Gert Möbius, dem es nicht leicht fällt, all das einzupacken, was an seinen Bruder erinnert. Die Gitarren des Sängers sind verpackt, der Flügel wird abgeholt, Möbius muss nur noch den Dachboden ausräumen. "Was sich da noch findet, weiß ich gar nicht. Jeder aus der Band hat da ja was liegen lassen, als er ausgezogen ist." Viele Erinnerungsstücke wie alte Mischpulte oder Plakate will Möbius nicht mit nach Berlin nehmen. "Ich will dort zwar ein Museum für Rio einrichten, aber für alles habe ich leider keinen Platz." Und so wandert vieles von dem, was eine der einflussreichsten deutschen Politrockbands der 70er Jahre ausgemacht hat, auf den Müll.

"Wir müssen die Jugendlichen schützen"

Eine Ära geht zu Ende. "Es tut weh, dass hier bald alles verschwunden ist, was die Geschichte der Scherben und meines Bruder ausgemacht hat. Aber was soll ich machen?", sagt Möbius noch etwas leiser. Alles ist in Auflösung. Jetzt bestimmen die neuen Besitzer was dort geschieht. Und die wollen eben nicht, dass hier noch etwas an Rio Reiser und Ton Steine Scherben erinnert. "Wir müssen ja auch die Jugendlichen schützen. Hier können nicht immer Fans herkommen, zum Grab gehen und alles fotografieren", sagt Gundula Lietzke. Möbius will das verstehen und hofft, dass er mit dem Einverständnis der neuen Eigentümer noch eine Tafel am Haus anbringen darf, die an seinen Bruder und die Band erinnert. Mehr Spuren von Ton Steine Scherben werden in Schleswig-Holstein nicht bleiben - nur die Musik in den Ohren ihrer Fans.

Video aus dem shz.de-Archiv:

(ky, shz)


 

Leserkommentare

 
HARALD HAVERMANN 17.01.2011 16:04
traurig!!!!!!

es macht mich unendlich traurig das es soweit mit Fresenhagen kommen musste.
Ich war gern und oft im Haus, hab dort viele Menschen kennengelernt und jetzt ist das alles vorbei? Kann es nicht fassen

MICHAEL MIEDBRODT 17.01.2011 17:03
rio reiser haus

Man kann nur hoffen, daß die neuen Besitzerinnen doch noch die Geschichte des Hauses respektvoll würdigen. Und sei es auch nur mit einer Gedenktafel. Die Erinnerung an Rio wird in den Herzen seiner Freunde, seiner Fans, seiner Familie weiter leben. Aber auch direkt in Fresenhagen, denn ich bin sicher, daß die neuen, jungen Bewohner sich mit Rio und seiner Musik beschäftigen, seine Lieder singen und spielen und ihm so ein lebendiges Denkmal setzen werden.

ARFST WAGNER 17.01.2011 17:44
Wie weiter?

Das Jugendheim wird kaum eine Gedenktafel anbringen lassen: das würde die Jugendlichen doch nur auf dumme Gedanken bringen von wegen Anarchismus, Homosexualität, Hierarchienlosigkeit: "Keine Macht für Niemand". Übrigens gibts in Nordfriesland von den Scherben ja durchaus noch den Marius. Der tourt mit neien und alten Songs ja seit einiger zeit wieder durch die Lande: zusammen mit Akki Schulz: ScherbeContraBass. Die Lieder gibts noch und ihr Inhalt kann durchaus noch von viel mehr Leuten wesentlich konsequenter umgesyetzt werden: "Das Rio Reiser-Haus" ist von nun an überall.. Und wir alle sind Könige und Königinnen von Deutschland!!

SYLVIA GROSSE 17.01.2011 21:46
Rio Reiser

Das ist wirklich schade, dass es so weit kommen musste mit Fresenhagen. Wir sind vor ca. 1 1/2 Jahren mit Fähre und Fahrrad von Föhr aus nach Fresenhagen und zurück gefahren.Ein beeindruckender Tag dort. Ein interessantes Museum und eine schöne, angemessene Ruhestätte, sicher ganz im Sinne Rios. Hoffentlich gibt es noch eine andere Möglichkeit als den Müll für die weiteren Erinnerungsstücke, die laut Möbius noch auf dem Dachboden lagern. Alles Gute!

MALTE JOCHIMSEN 18.01.2011 11:11
Unfassbar!

Ich selber bin dem RRH über Jahre hinweg verbunden gewesen, habe mit vielen interessanten Menschen dort zusammen gearbeitet und gefeiert, hab aber auch all die Querelen dort erlebt sowie unterschiedlichste Meinungen zu 1000 tsd von Themen. Jemanden Aussenstehenden "Fresenhagen" in 2 Sätzen zu erklären, ist schier unmöglich! aber eines weiss ich und da bin ich mir sicher, DAS ALLES HÄTTE RIO NICHT ZUGELASSEN!!!!!! Übers Meer.........

HAUKE STAMMER 18.01.2011 11:14
Der Preis

Interessant, dass es eine zukünftige Einrichtung der Jugendhilfe ist, die mal eben 450.000 Euro zum Kauf zur Verfügung hat, während die Orte normaler Jugendunterstützung (Schulen, Jugendtreffs, etc.) nicht mal genug Geld für Kopierpapier oder bessere Freizeitgestaltung aufweisen.

Das dann bei den zukünftigen Betreibern noch nicht einmal ansatzweise Respekt vor dem Gedenken an Rio Reiser besteht - doppelt traurig. Aber anzunehmen, dass ausgerechnet Sozialpädagogen etwas grundsätzliches gegen die Message von TSE haben würden, ist dann doch wohl sehr aus der Luft gegriffen.

TUT NICHTS ZUR SACHE 18.01.2011 14:09
mal eben so bestimmt nicht...

Ihr Beitrag*

SANNE P. 19.01.2011 02:32
Kampf ums Paradies

Irgendwie kann ich die Brüder verstehen, wenn sie keine Lust mehr haben dieses schwierige Erbe weiterhin zu tragen! Die niemals endeten Streitereien haben manchen auch die Lust auf Fresenhagen genommen. Mein Vorschlag wäre es einen Schlussstrich ziehen zu können und die vergangenen 15 Jahre unter „dumm gelaufen“ abzuspeichern! Es wäre doch Sünde, wenn solch eine kulturhistorische Stätte wegen solcher Zwistigkeiten den Berg runter geht!



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