Von Erinnerung und später Rückkehr
Es gibt Bücher, deren Entstehungsgeschichte aufregender und aufrüttelnder ist als ihr Inhalt. Vor 75 Jahren, im Juni 1934 gründeten bedeutende deutsche Literaten, die aus Deutschland vom NS-Regime verjagt worden waren, einen PEN-Club im Exil. Lion Feuchtwanger gehörte dazu, auch Ernst Toller, um nur zwei von vielen prominenten Namen zu nennen. Kaum bekannt ist, dass diese Fraktion innerhalb der internationalen PEN-Organisation noch immer besteht, und mit Günter Kunert einen renommierten Präsidenten hat.
Aus Anlass des 75. Geburtstages hat das "PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland", wie die offizielle Bezeichnung lautet, unter dem Titel "Nachgetragenes" eine Anthologie herausgegeben, zu der 36 Autoren Beiträge geliefert haben. Es sind Texte von recht unterschiedlicher Qualität, die aus nahe liegenden Gründen jedoch eine Gemeinsamkeit haben: das Erinnern. Tomi Ungerer, der bekannteste unter den Autoren, erinnert an seine Kindheit im Elsass, andere Beiträge schildern das Wiedersehen mit der aufgegebenen Heimat, verarbeiten Erlebnisse in der Fremde zu Kurzgeschichten, berichten von Unterdrückung in kommunistischen Diktaturen unter besonderer Berücksichtigung der DDR, die auch Günter Kunert ausreichend kennen gelernt hat.
Neben Texten enthält die sorgfältig zusammengestellte und von der PEN-Führung in Berlin vorgestellte Veröffentlichung auch Lebensläufe der Autoren, und fast jede dieser Biografien hätte ein eigenes Buch verdient. Bis auf den in London lebenden, inzwischen hundertjährigen Hans Keilson, flüchtete zwar keiner vor der nationalsozialistischen Literaturzensur, aber etliche trieben die Kulturwächter der DDR in die Fremde. Als Übersetzer, Schriftsteller, Wissenschaftler und Journalisten machten sie nicht nur Karriere, sondern sorgten gleichzeitig auch für die Verbreitung der deutschen Sprache und der deutschen Kultur.
"Nachgetragenes", Hrsg: Gabrielle Alioth und Hans-Christian Oeser, Synchron Verlag Heidelberg, 254 Seiten, 29,80 Euro.
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