Universität Hamburg

Urknall Lenzen

21. November 2009 | 14:05 Uhr | Von Alexander Landsberg

Dieter Lenzen. Foto: dpa

Die Hamburger Uni hat einen neuen Präsidenten. Professor Dieter Lenzen soll sie an die Spitze deutscher Hochschulen führen. Eine heikle Mission.

Das Desy dürfte nach dem Geschmack von Dieter Lenzen sein. Jenes Deutsche Elektronen-Synchrotron, kurz Desy genannt, ist ein prosperierendes nationales Forschungszentrum in Hamburg. Es zählt sogar zur Weltspitze bei der  Erforschung von Materie. Diese Materie soll durch den Urknall entstanden sein, doch noch immer versuchen Wissenschaftler die vielen offenen Fragen in diesem Zusammenhang zu enträtseln. Ähnlich rätselhaft war auch jene Materie, die hier am Freitag behandelt wurde - es ging um den Noch-Präsidenten der Freien Universität Berlin, Professor Dieter Lenzen. Seine Universität hat er in eine ähnliche Spitzenliga geführt, in der das Desy schon logiert. Die FU ist seit dem Jahr 2007 eine Eliteuniversität, wurde als eine von neun deutschen Hochschulen dazu gekürt.

Auch die Hamburger Universität hat noch Potenziale - das bescheinigte der Macher Lenzen den Dekanen, dem Präsidum und dem Akademischen Senat der Universität Hamburg am Freitag. Hier, hinter hohen Mauern und in Sicherheitsentfernung, sieben Kilometer sind es immerhin zum Campusgelände, verschanzten sich die Spitzengremien der Hochschule. Zu heftig waren die aufwühlenden Erlebnisse des Vortages als Studenten versuchten eine ähnliche Sitzung mehrfach zu stürmen. Lenzen flüchtete sogar und sagte später, dass er so eine Aggresssivität gegen seine Person in Berlin noch nicht erlebt hätte, erzählt der Vizepräsident der Universität Prof. Dr. Holger Fischer dem shz. Und Lenzen hatte einiges in Berlin erlebt - dort ist er nicht unumstritten.

Keine Hektik, keine überstürzten Beschlüsse

Auf dem großen Areal des Forschungszentrums hatten die Vertreter der Uni Ruhe und Zeit, hier brauchten sie kein Gitter schließen, hier mussten sie keine Repressialen fürchten, hier musste auch nicht die Polizei anrücken. Und Zeit nahmen sie sich auch um den einzig verbliebenen Kandidaten um das Amt des Präsidenten in der Hansestadt kennen zu lernen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lenzen die erste Hürde schon genommen - noch in der Nacht wählte ihn der Hochschulrat einstimmig zum Präsidenten. Der Vorsitzende des Rates, Professor Albrecht Wagner, freue sich sehr, einen so erfolgreichen und anerkannten Hochschulpräsidenten als möglichen Kandidaten gewinnen zu können, hieß es. Die Aufbrauchsstimmung an der Universität werde durch die Wahl noch verstärkt.

Jetzt musste der Akademische Senat diese Wahl legitimieren und Lenzen bestätigen. Um neun Uhr begann die noch am Donnerstagabend verabredete und geheime Sitzung. Dieses Mal sickerte nichts durch, die Vertreter wurden am Eingang nicht von protestierenden Studenten empfangen. Es gab keine hektischen Szenen und keine überstürzten Beschlüsse. Alles lief so ganz anders ab, als am Donnerstag.

"Seine Ideen haben mich überzeugt"

Die Studenten, die ihre gestrigen Erfolge gefeiert haben - schließlich sollte Lenzen, so berichten sie, eigentlich schon am Donnerstag gewählter und legitimierter Präsident der Uni Hamburg sein - fischten am Morgen danach im Trüben. Keine Hinweise auf eine mögliche Sitzung, keine Informationen über einen möglichen Ort.

Stunde um Stunde verging im Desy und Dieter Lenzen nutzte die Zeit. Er sprach über die Mängel an der Universität Hamburg, über die bröckelnden Gebäude und Hörsäle, er sprach über neue demokratische Strukturen an der Hochschule, die unbedingt eingeführt werden sollten, über Studiengebühren, die er ablehnt und seinen Willen sich in die Universität zu integrieren. Schließlich wurde ihm in Berlin immer wieder sein autoritärer Führungsstil vorgeworfen. "Er hat sich ganz und gar nicht autoritär und arrogant präsentiert", sagt Benjamin Gildemeister, Studentenvertreter im Akademischen Senat gegenüber dem shz. Auch einer der Dekane der Uni bescheinigt Lenzen einen gelungenden Auftritt: "Er hat mit einer hohen Integrationskraft- und willen geantwortet", sagte Professor Kai-Uwe Schnapp, Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Zudem hätte er sich auch den vielen kritischen Fragen, die in der Sitzung aufkamen, gestellt, so Vizerpräsident Fischer. "Seine Ideen haben mich überzeugt", so Fischer weiter.

Eloquent und überzeugend

Es passt zu Lenzen. Er sei ein Meister der Rethorik, eloquent und überzeugend - das bescheinigen ihn selbst seine Gegner in der FU Berlin, für die er das Feindbild eines neoliberalen Hardliners ist. Der Mann, der stets fein gekleidet über den Campus läuft, ist einer der Gründungsmitglieder der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, unions- und wirtschaftsnah. Gerne holt er auch die Wirtschaft ins Forschungsboot. Er betrachte die Universität nicht als Ort des Lernerns, sondern als ein Unternehmen, sich selber als Manager, der an der Spitze die Weichen stellt - so die Berliner Studenten der FU.

Gegen 16 Uhr hebten 14 Mitglieder des Akademischen Senats die Hände und bestätigten Lenzen als Präsident, zwei Mitglieder stimmten gegen ihn, ein Mitglied enthielt sich der Stimme. Es war eine erstaunlich klare Entscheidung.

Fassungslosigkeit unter den Studenten

"Seine Vorstellungen lesen sich wie eine Wunschliste der Studenten", rief Benjamin Gildemeister in den größten Hörsaal der Universität, dem Audimax. Hier saßen die Studenten, die Lenzen bis zum Schluss verhindern wollten. Und sie hatten sich berechtigte Hoffnungen gemacht - ihr massiver Protest am Vortag brachte den ganzen Tagesablauf des Hochschulrates und des Akademischen Senats durcheinander und stürzten die Universität Hamburg, nach dem turbulenten Sommer, in dem die bisherige Präsidentin Monika Auweter-Kurtz ihren Hut nehmen musste, erneut ins Chaos. Es waren keine schönen Bilder. Das Wort Imageschaden nahm aber niemand in den Mund.

Enttäuscht sehen sich die Studenten an, als sich die Mitglieder des Akademischen Senats erneut in die Höhle des Löwen wagten, um die Nachricht zu überbringen - und vor allem zu erklären. Die Studenten wussten was passiert war. Es würde eine hitzige Diskussion, das war ebenfalls beiden Seiten klar. Einige Studenten schütteln den Kopf, schauen sich fassungslos an, als Kai-Uwe Schnapp die Pressemitteilung vorliest.

Wut kocht hoch

Gestern forderten sie den Senat lauthals auf, Lenzen auf keinen Fall zu wählen. Vor nicht einmal einer Stunde hievten der Senat Dieter Lenzen dann doch in den Sessel des Uni-Präsidenten. "Was hier passiert ist, ist nicht nur undemokratisch, sondern eine Offenbarung", kritisierten Studenten, die seit Tagen das Audimax besetzen. Ihrer Ansicht nach ist das ganze Findungsverfahren intransparent abgelaufen. "Sie haben heute einen der meist gehassten Präsidenten von Berlin, an die Spitze der Universität Hamburg gewählt", klingt es aus dem Plenum, das sich langsam füllt. Der Wut kocht hoch und Professor Kai-Uwe Schnapp fällt es sichtlich schwer an das Pult zu treten. Ja, er habe ein reines Gewissen, erklärt er. Ja, das ganze sei nicht glücklich gelaufen - aber formal korrekt.  "Wir werden unseren Widerstand gegen Lenzen nicht abklingen lassen, sondern kreativ in den nächsten Wochen fortsetzten", kündigt einer der Studenten nach der Sitzung an.

Die Studenten fürchten massive Eingriffe in das Studienangebot, eine Reduzierung der Fächer, Kürzungen vor allem bei den nicht so forschungslastigen Studiengängen. "Professor Lenzen machte in der Sitzung deutlich, dass er eine forschungsstarke Universität, aber auch eine starke Lehre anstrebt", erklärt Kai-Uwe Schnapp. Lenzen stehe zur Volluniversität, dass hätte er deutlich gemacht, ruft er ins Plenum, dass darüber nur müde schmunzelt. Zu radikal waren die Eingriffe Lenzens an der FU Berlin.

"Ich traue ihm nicht"

Er strebe auch eine weitere Demokratisierung der Universität an, zudem werde es keine Alleingänge geben, so Vize-Präsident Fischer gegenüber unserer Redaktion. So würden zum Beispiel die Ressortverantwortlichkeiten im Präsidium klar geregelt. Zudem müssen Präsidiums-Entscheidungen immer im Konsens fallen. Benjamin Gildemeister fügte hinzu, dass Lenzen auch die Fachschaftsräte stärken wolle. Auch auf die Minderheiten an der Uni wolle er eingehen und sich zu guter letzt auch den verschiedenen Gruppierungen der Studenten stellen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Dieter Lenzen auf einmal um 180 Grad dreht. Er hat in Berlin genau das Gegenteil praktiziert. Ich traue ihm nicht", sagte ein Student dem shz.

Den Zeitpunkt für den formalen Schlussstrich im Wahlverfahren will Dieter Lenzen aber selber wählen. Er hat den Gremien am Freitag noch keine endgültige Zusage gegeben und erbat sich nach den Vorfällen am Donnerstag eine Bedenkzeit. Er wird sich, wie aus Universitätskreisen zu erfahren war, wahrscheinlich schon am Montag entgültig entscheiden, ob er die Wahl annimmt. "Ich bin außerordentlich beeindruckt von dem überwältigenden Ergebnis der Abstimmungen in den beiden Entscheidungsgremien", ließ er erklären. Kai-Uwe Schnapp versteht das Ergebnis auch als ein deutliches Signal an den Senat der Freien Hansestadt, der Dieter Lenzen dann formal in das Amt einsetzen müsste - die letzte Hürde, die er noch nehmen muss. Er würde dann zum Frühjahr seinen Posten an der Uni Hamburg antreten, so Schnapp weiter, und die amtierende stellvertretende Präsidentin Prof. Dr. Gabriele Löschper ablösen.

Die Studenten werden ihn kritisch beobachten

Die Universität erhofft sich durch Lenzen einen Aufstieg in die erste Liga der Deutschen Universitäten. "Mit seinen Erfahrungen sehe ich für die nächste Runde des Excellentswettbewerbes gute Chancen für die Universität Hamburg", sagte Vizepräsident Fischer. Lenzen wolle mit seinen Erfahrungen der Universität Hamburg zu dem Rang verhelfen, wie es sich für eine Stadt wie Hamburg gebührt, so Fischer. Seine Erfahrungen, gerade im Antragsverfahren seien ein entscheidener Vorteil. Die Studenten werden dies kritisch beobachten.

Der Urknall von Hamburg kam plötzlich. Er war laut - und er wird die Universität verändern.


 

Leserkommentare

 
STUDENT UNI-HAMBURG 04.12.2009 01:12
Das Verfahren fromal korrekt?

Das Verfahren war formal korrekt, okay. Aber was soll das heißen?
Der gesetzliche Rahmen für die Wahl des neuen Präsidenten der Uni Hamburg war allen an der Wahl Beteiligten sehr gut bekannt und wohl auch das Einzige woran es sich zu halten galt. Das Geheimhalten der Bewerber um die öffentliche Debatte zu umgehen und noch größeren Imageschaden von einer vielleicht auch noch weiterhin kopflosen Uni-Hamburg aus Mangel an qualifizierten Bewerbern – anscheinend vertretbar. Das Durchwuchten eines Präsidenten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, innerhalb weniger Tage und im kleinen Kämmerlein – legitim.
Eine formal korrekte Ausführung des Bologna-Prozesses hat uns ein Debakel beschert. Formal korrekt scheint auch die Verwendung von Studiengebühren zu sein, da sie für das Bezahlen von dringend benötigtem Lehr- sowie Verwaltungspersonal, das Korrigieren lassen von Klausuren und weiteren „Verbesserungen der Lehre“, wie es so schön heißt, herhalten muss, ohne dass dieses als Missbrauch geahndet wird, geschweige denn Studenten auf die Verteilung der Gelder Einfluss nehmen könnten. Die Studiengebühren stellen keine zusätzliche Einnahmequelle dar, sondern sind längst essentielle Stütze der Universität.
Auf eine solche Vorgehensweise lege ich nicht viel Wert.

Ach ja - guter Artikel.



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