THW-Affäre

Schwenker wegen Betrugs angeklagt

31. Januar 2010 | Von Erik Eggers / dpa

Haben der Ex-Manager und der Ex-Trainer des THW Schiedsrichter bestochen? Die Kieler Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Uwe Schwenker und Noka Serdarusic.

In der Bredouille: Der ehemalige Manager des THW Kiel, Uwe Schwenker, sieht sich einer Anklage der Kieler Staatsanwaltschaft wegen Betrugs gegenüber.

Es hatte sich schon Staub gelegt auf den größten Skandal in der Geschichte des Handballs, die Manipulationsvorwürfe gegen den Rekordmeister THW Kiel. Manch einer glaubte, die Ermittlungen der Kieler Staatsanwaltschaft gegen Ex-Manager Uwe Schwenker und Ex-Trainer Noka Serdarusic wegen des Verdachts der Untreue bzw. der Beihilfe würden ins Leere laufen. Doch nun ist Bewegung in die Affäre um angebliche Bestechung von Handball-Schiedsrichtern gekommen: Die Kieler Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Betrugs gegen Schwenker und Serdarusic erhoben. Das bestätigte gestern der Kieler Gerichtssprecher Kai Thomsen.

Die Anklage sei am Freitag bei der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts eingegangen, sagte Thomsen. Schwenker werde Betrug und Untreue in mehreren Fällen, Serdarusic Betrug und Beihilfe zur Untreue vorgeworfen. Weitere Einzelheiten wollte Thomsen nicht mitteilen. Für die Anklagebehörde kündigte deren Sprecher Oberstaatsanwalt Manfred Schulze-Ziffer "in Kürze" eine Erklärung an.

"Es gibt stichhaltige Indizien, dass das damalige Endspiel manipuliert wurde"

Zuvor hatte der "Spiegel", der aus den 1200 Seiten umfassenden Akten der Staatsanwaltschaft zitiert, berichtet, dass die Ermittlungen vor dem Abschluss stehen. Auch für den Münchner Sportrechtler Thomas Summerer, der die SG Flensburg-Handewitt (verlor das unter Manipulationsverdacht stehende Champions-League-Finale 2007) in diesem Fall vertritt, "gibt es in den Akten stichhaltige Indizien, dass das damalige Endspiel manipuliert wurde".

Im Zentrum der Ermittlungen stehen weiterhin zwei Zahlungen in Höhe von 92 000 Euro, die der THW dem kroatischen Geschäftsmann Nenad Volarevic in zwei Tranchen am 25. April (56 400) und am 27. Juni 2007 (35 600) überwiesen hat. Damit soll Volarevic, ein Freund Serdarusic', die beiden polnischen Schiedsrichter Miroslav Baum/Marek Goralczyk bestochen haben. Der Kroate flog am 27. April von Zagreb via München nach Warschau, dem Wohnort Baums, und flog dort sechs Stunden später weiter nach Hamburg. Das Finale in Kiel, das der THW mit 29:27 gewann, fand zwei Tage später statt. Schwenker, Serdarusic, Volarevic und auch die Schiedsrichter haben alle Vorwürfe stets abgestritten.

Mirjana Serdarusic: "Das Treffen war frei erfunden"

Die Aussage Schwenkers vom November 2009, Volarevic habe das Geld für die Vermittlung des THW-Profi Igor Anic erhalten, sei nach Aktenlage "wenig stichhaltig", heißt es. Gegen diese Version spreche, dass die erste Rate acht Wochen vor der Verpflichtung des Kreisläufers überwiesen wurde - und Anic den vermeintlichen Vermittler gar nicht kannte. Zudem habe der französische Agent Bhakti Ong, der Anic vertritt, eine Provision in Höhe von 15.000 Euro erhalten.

Im Fokus der Staatsanwälte steht auch das Treffen zwischen Serdarusic und drei Vertretern der Rhein-Neckar Löwen im Februar 2009, in dem Serdarusic detailliert und über mindestens zehn manipulierte Partien in der Champions League berichtet haben soll. Im Verlauf dieses Gesprächs habe Serdarusic, der damals designierter Trainer der Löwen war, dem Löwen-Gesellschafter Jesper Nielsen, Geschäftsführer Thorsten Storm und Rechtsanwalt Christian Wiegert "sämtliche Illusionen über den Handballsport kaputtgemacht", heißt es in den Akten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs habe Mirjana Serdarusic, die Frau des Trainers, eine Selbstbezichtigung Volarevic' präsentiert, heißt es weiter. Volarevic gestehe darin die Bestechung, die er im Auftrage Schwenkers ausgeführt habe. Das brisante Schriftstück sei bereits am 20. Januar 2009 bei einem Berliner Rechtsanwalt deponiert worden, berichtet der "Spiegel". Mirjana Serdarusic soll indes gegenüber der Staatsanwaltschaft bestritten haben, dass dieses Treffen überhaupt stattfand: Das sei "frei erfunden".

Schwenkers Anwalt weist jeglichen Korruptionsverdacht zurück

Eine neue These gibt es für den ebenfalls ungeklärten Verbleib der 60 000 Euro, die im Frühjahr 2008 von THW-Konten abgehoben wurden und die nach Aussage Schwenkers ein Darlehen für Serdarusic gewesen sein sollen. Dafür fanden die Staatsanwälte jedoch in der THW-Buchhaltung keinen Beleg. (Serdarusic hat nach Auskunft der neuen THW-Führungsetage mittlerweile 30 000 Euro zurückgezahlt). Der Vorwurf, mit dem Bargeld seien weitere Champions-League-Spiele der Saison 2007/08 manipuliert worden, scheint vom Tisch. Der "Spiegel" spekuliert vielmehr, es könne sich um eine Art Schweigegeld handeln: Serdarusic, dessen Verhältnis zu Schwenker damals bereits zerrüttet war, habe womöglich damit gedroht auszupacken.

Ob die 5. Große Wirtschaftsstrafkammer nun tatsächlich die Anklage zulässt und ein Verfahren eröffnet, entscheidet sich erst nach einem sogenannten Zwischenverfahren, sagte Sprecher Thomsen. Das Gericht leitet die Anklage zunächst Betroffenen und Angeschuldigten zu. Diese haben dann einen Monat Zeit, Stellung zu nehmen. Danach prüft die Kammer, ob sie gegebenenfalls noch selbst Ermittlungen veranlassen oder Zeugen hören will, bevor sie entscheidet. Bis zur Eröffnung eines Verfahrens könnten so theoretisch Monate vergehen.

Schwenkers Anwalt Harald Riettiens weist im "Spiegel" jeglichen Korruptionsverdacht gegen seinen Mandanten zurück. Der im Rückspiel des Champions-League-Finales unterlegene Gegner, die SG Flensburg-Handewitt, prüft dem Bericht zufolge eine Schadensersatzklage gegen den THW.

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