Schon fast wie eine Sucht

03. August 2011 | 04:30 Uhr | Von Dieter Suhr

Täglich um 17 Uhr werden Kontratänze , alte höfische Tänze, unter der Leitung von Dozentin Hanna Maria Haase einstudiert.

Der Landesferienkurs Musik auf Schloss Noer läuft zum 61. Mal / Konzert der jungen Musiker am Freitag in der Dreifaltigkeitskirche

Noer. Wenn auf Schloss Noer der Tag mit einem Morgensingen vor dem denkmalgeschützen Haus beginnt und mit einem Abendlied am Strand endet, im Reitstall eine Big Band spielt und aus dem Schloss mal Chorgesänge, mal die Töne eines Sinfonieorchesters nach außen dringen, dann ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass dort wieder einmal der Landesferienkurs für Musik stattfindet. Bereits zum 61. Mal wird er in diesem Jahr organisiert.

Einmal, im Jahr 2008, musste der Ferienkurs, der über Jahrzehnte im Nordseeinternat in St.-Peter-Ording stattfand, ausfallen, weil der Landesmusikrat, unter dessen Trägerschaft der Kurs bis dahin stattfand, ihn wegen Kürzungen der Mittel absagen musste. Seit 2009 ist ausschließlich der Verein Landesferienkurs für Musik für die Veranstaltung federführend, wie Merle Fuhr, Teilnehmerin seit 2003 und gleichzeitig Pressesprecherin, erklärt. Finanziert wird der Kursus hauptsächlich über die Gebühren und durch Einnahmen bei Veranstaltungen. Das Angebot bietet Interessierten die Möglichkeit, sich zehn Tage lang intensiv mit seinem Instrument zu beschäftigen und zusammen mit Gleichgesinnten zu musizieren, zu improvisieren und zu singen. In diesem Jahr sind 56 Jugendliche und junge Erwachsene aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen sowie Bayern zwischen 14 und 25 Jahren teil. Angeleitet werden sie von vier professionellen Dozenten - Hartmut Ledeboer (Blockflöte), Hanna Maria Haase (Chor und Tanz), Gunnar Haase (Orchester) und Melf Uwe Hollmer (Big Band und Blechbläser). "Teilnehmen kann jeder Jugendliche ab 14 Jahren, der ein Instrument etwas fortgeschritten beherrscht", sagt Merle Fuhr. Und weiter: "Ein bisschen mehr als 'Alle meine Entchen’ auf der Blockflöte muss es aber schon sein, ein halbes Jahr Unterricht auf der Querflöte reicht nicht ganz." Was verständlich wird, wenn man das Programm des diesjährigen Kurses liest. So stehen in der Rubrik 'Blockflöte’ beispielsweise die englische Renaissance und Musik des 20. Jahrhunderts an. Beim Sinfonieorchester sind es Werke von Beethoven, Berlioz und Schostakowitsch, die Big Band beschäftigt sich unter anderem mit Jazz-Standards und Improvisation und der Chor, der aus allen Teilnehmern der drei vorgenannten Rubriken besteht, singt Werke von Schubert und Bruckner. Und da zur Musik auch oft der Tanz gehört, werden täglich um 17 Uhr Kontratänze einstudiert - alte höfische Tänze, deren Ursprung ein englischer Gruppentanz ist, der sich im 17. und 18. Jahrhundert zu einem beliebten Gesellschaftstanz entwickelte.

Neben dem Spaß an der Musik kommen auch der alltägliche Spaß und Humor nicht zu kurz. Wenn zum Beispiel auf dem im Erdgeschoss ausgehängten straffen Tagesplan der Tanzunterricht als 'Dans op de Deel’ bezeichnet wird, aus dem Morgensingen ein 'Magensingen’ wird, nach dem 'Middachessen’ 'Kor’ auf dem Programm steht oder die Blockflöten zu 'Blödflocken’ mutieren. Oder an den allabendlichen Veranstaltungen: Da gibt es nicht nur den Kammermusikabend, auch gemeinsame Wanderungen am Strand oder gesellige Abende mit Spielen und Sketchen stehen an.

Bei Katarina Gerhard (18) aus Rellingen bei Hamburg wird auch in der Familie musiziert. Sie selbst spielt Oboe und ist bereits zum zweiten Mal dabei. "Mir hat es im letzten Jahr so gut gefallen, dass ich dieses Jahr wieder dabei sein wollte, was ich auch nicht bereut habe". Und im nächsten Jahr, da ist sie sich ziemlich sicher, kommt sie zum dritten Mal auf das Schloss Noer. In diesem Jahr hat sie Tatjana Ehrbar (18) aus Ellerbek (Kr. Pinneberg), die Cello spielt, zur Teilnahme animiert. "Katharina hatte mich gefragt, ob ich nicht mitkommen will. Erst musste ich zwar meine Eltern überzeugen, aber es hat sich gelohnt. Wir sind hier eine tolle Truppe, und es macht unheimlichen Spaß". Auch für Katinka Tabor (18) aus Ratekau bei Lübeck ist die Teilnahme eine Premiere. "Merle Fuhr hatte mich angesprochen, ob ich nicht mitkommen will. Wir kennen uns, da wir beide im Jugend-Sinfonieorchester Lübeck spielen. Mir gefällt es sehr gut, zehn Tage mit Gleichgesinnten zusammen Musik zu machen". Auch für Mikko Krebs (15) aus Lübeck ist die Teilnahme eine neue Erfahrung, und auch er, der in der Big Band Saxofon spielt, möchte im kommenden Jahr gerne wieder dabei sein.

Ein "alter Hase" hingegen ist Tilmann Schade (19) aus Kiel, der ebenfalls Saxofon spielt. Der angehende Theologiestudent nimmt in diesem Jahr bereits zum fünften Mal am Landesferienkursus teil. Und auf die Frage, ob 2012 denn seine sechste Teilnahme ansteht, grinst er: "Ich befürchte es - das ist schon fast wie eine Sucht. Man trifft viele neue Leute, und auch viele, die ebenfalls zum wiederholten Mal hier sind. Es entwickeln sich Freundschaften - auch solche, die lange halten werden."

Und das es auch mal über bloße Freundschaft hinausgehen kann, beweisen die Dozenten Hanna Maria und Gunnar Haase: Beide waren einst selbst Teilnehmer beim Landesferienkurs, lernten sich dort kennen und lieben und heirateten schließlich. Seit drei Jahren ist Gunnar Haase als Dozent für Orchester wieder beim Ferienkursus, seine Frau Hanna Maria erstmals als Dozentin für Chor und Tanz - der vorherige Chor-Dozent war verhindert: Er heiratete am ersten Tag des diesjährigen Kurses.

Zum Abschluss des diesjährigen Landesferienkurses für Musik gibt es am Sonntag ein Konzert für Eltern, Freunde und Ehemalige, bei dem alle Sparten, inklusive der Big Band, ihr Können zeigen werden. Den offiziellen Abschluss gibt es bereits am Freitag, 5. August, um 20 Uhr. Dann findet - allerdings ohne die Big Band - ein öffentliches Konzert in der Dreifaltigkeitskirche zu Krusendorf statt, unter anderem mit Werken von Beethoven, Schubert, Bruckner, Schostakowitsch und Berlioz. Der Eintritt ist frei. www.landesferienkurs.de


 

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