Publikumssaal wird zu imaginärem Klassenzimmer

20. Februar 2010 | Von Thomas Böhm

Mit dem Schauspieler Bernd Tauber als Lehrer in "Klamms Krieg" erlebten fast 300 Schüler und viele Lehrer einen Abend hoher Schauspielkunst in der Kunst- und Kulturhalle des Internats Louisenlund. Kraftvoll und engagiert interpretierte der Darsteller, ein Urgestein der ersten 150 Folgen der TV-Serie "Lindenstraße" und Mitwirkender im Film "Das Boot", die Solorolle des Lehrers, in dessen Abiturklasse ein Schüler Selbstmord begangen hat. Das Werk thematisiert die Wahrheitssuche des Deutsch-Lehrers Klamm, der dem toten Schüler Sascha in der Benotung der Deutschklausur den fehlenden Punkt verweigerte, um das Abitur zu bestehen.

Bühne und Zuschauerraum werden zum imaginären Klassenzimmer, wenn Tauber alias Klamm in der Inszenierung von Tonio Kleinknecht eine Stunde und 15 Minuten lang im Schulunterricht rechtfertigt, warum er Sascha durchfallen ließ. Dabei bezieht der Schauspieler das Publikum mit ein: Spricht er die Jugendlichen der fiktiven Schulklasse mit Namen an, meint man, er fixiert den einen oder den anderen Louisenlunder Internatsschüler. Verlässt er das Klassenzimmer - die Zeitspanne des Stücks erstreckt sich über mehrere Wochen - schreitet er den Gang entlang bis in die Mitte des Saals.

"Sie wollen eine Entschuldigung von mir, sie müssen sich bei mir entschuldigen, dass sie mir den Krieg erklärt haben, sonst fliegen sie von der Schule", droht er, ja schreit er fast in den Klassenraum. Nach vielfältigen Erklärungen, warum die Notengebung berechtigt war, und Klagen über Probleme mit Schülern und das Lehrer-Kollegium, ringt sich Klamm erst im betrunkenen Zustand zu einer Entschuldigung durch. Am Schluss richtet er einen Revolver erst an die eigene Schläfe, dann auf die Schulklasse - also das Publikum.

Das Bernd Tauber, der in 2009 in der Bestseller-Verfilmung "Tannöd" im Kino zu sehen war, nach Louisenlund kam, verdankt das Internat Helmut Mauch, dem Leiter der Theatergruppe, der seit vielen Jahren losen Kontakt zu dem Schauspieler pflegt. Anlass für die Aufführung war, dass die Deutschlehrerin Dorette Sebay das Stück im Unterricht durchnimmt.

Internatsschüler Sebastian Kempfert, der kurz vor seiner Deutsch-Abiturprüfung steht, fragte sich, wie der Lehrer wohl argumentiert: "Ich stelle es mir schwierig vor", so der 21-jährige, "wie man nach so etwas wieder mit sich ins Reine kommt." Die elfte Jahrgangstufe hat das Stück im Rahmen des Deutschunterrichts gerade selbst inszeniert: "Spannend, wie der Schauspieler das Publikum mit einbezogen und als Lehrer seine Schüler mit Namen angesprochen hat", so die Louisenlunder Schülerin Anna Zubrod. "Das hatte ich mir langweilig vorgestellt."

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