Plädoyer für die Weiblichkeit

„Postfeminismus“ – bald mit Bart?

18. Oktober 2008 | 18:30 Uhr | Von Jan-Hendrik Dany

Jan-Hendrik Dany

Kaum eine Sportart boomt zurzeit so sehr wie der Frauenfußball. Wo aber bleibt in unserer „postfeministischen“ Gesellschaft die klassische Weiblichkeit? Unser Autor Jan-Hendrik Dany macht sich Gedanken.

In 988 Tagen ist es soweit: Im Berliner Olympiastadion wird die Fußballweltmeisterschaft der Damen angepfiffen. Bis zu jenem 26. Juni 2011 stimmt uns eine sogenannte "Top-Elf für 2011“ auf das Großereignis ein, das an die Strahlkraft des "Sommermärchens 2006“ anknüpfen soll. In der Stammformation unter anderem: die Schauspielerinnen Maria Furtwängler und Ulrike Folkerts, die unvermeidliche Nena (Sängerin), Ex-Schwimmerin Franziska van Almsick und die Wirtschaftswissenschaftlerin Beatrice Weder di Mauro. "Teamchefin“ der bunt zusammengewürfelten "Top-Elf für 2011“ – Kanzlerin Angela Merkel, an deren prätentiösem Fußball-Interesse, Stichwort Authentizität, nicht nur männliche Beobachter so ihre Zweifel haben. Merkels, dessen ungeachtet, kecker Tipp an die Herren der Schöpfung: "Ich empfehle allen Männern, die nicht so viel Ahnung haben und nur die Aufstellung der Männer-Nationalmannschaft ’runterrattern können, jetzt ’mal schnell zu lernen."

Nun, bei allem Respekt vor der Frau Regierungschefin: Ihren Ratschlag dürfte nur eine Minderheit des fußballbegeisterten Geschlechts befolgen. Die öffentlich-rechtlichen Sender übertragen zwar dermaßen ausgiebig von den Begegnungen der DFB-Damen-Elf, dass den meisten deutschen Männern Namen wie Birgit Prinz, Kerstin Garefrekes oder Nia Künzer mittlerweile geläufig sind. Und auch an skurrile Vereinsbezeichnungen wie Turbine Potsdam hat man(n) sich inzwischen gewöhnt. Dennoch hält sich die Begeisterung der Herren in puncto Frauenfußball in Grenzen. Denn trotz der unbestreitbar eindrucksvollen Bilanz der Damen-Nationalmannschaft (und des Meisters, Pokal- und UEFA-Pokalsiegers 1. FFC Frankfurt) ruft das – nicht eben feminine – Gezerre, Gegrätsche und Getrete der holden Weiblichkeit eine gehörige Portion Unbehagen hervor. Männern wird nach der Öffnung der soldatischen Laufbahn für Frauen die vielleicht letzte Domäne genommen, der heiß geliebte Fußballsport.

In ihren androgynen Jeans und klobigen Schuhen stehen sie vor Discos

Formal ist gegen den Vorgang wohlgemerkt nicht das Geringste einzuwenden; in was für einer Gesellschaft lebten wir, wenn Frauen Verbote, dies oder jenes zu tun, auferlegt würden? Doch die "postfeministische“ Attitüde des "Everything is possible“ führt eben auch dazu, die genuine Unterschiedlichkeit der Geschlechter einzuebnen und dem Verhältnis Mann-Frau somit einiges von seiner Magie zu nehmen.

Simple Alltagsbeobachtungen bestätigen diesen Trend. Gerade jüngere Damen beschränken sich heutzutage beispielsweise in ihrem Kleidungsstil häufig auf Stücke in Dunkelgrau oder Schwarz – sie tragen also gar keine Farben im eigentliche Sinne mehr. In ihren androgynen Jeans und klobigen Schuhen stehen sie in oder vor Discos und Kneipen, trinken Bier (oder zumindest Bier-Mix-Getränke), rauchen und sprechen lauter und nicht selten auch vulgärer als ihre Altersgenossinnen vor, sagen wir: 15, 20 Jahren.

Klassische Weiblichkeit droht auf der Strecke zu bleiben

Und dass selbst christdemokratische Politikerinnen wie Angela Merkel oder Ursula von der Leyen fordern, die Restbestände traditioneller Rollenbilder aufzubrechen, belegt zudem, wie sehr die ganze  Gleichstellungs- und Modernisierungsrhetorik bereits intellektueller Mainstream geworden ist. Wenn allerdings selbst Repräsentantinnen einer (angeblich) "konservativen Volkspartei“ im Stile Alice Schwarzers formulieren; wenn Box-Weltmeisterin Regina Halmich zur besten Sendezeit, live übertragen, ihre Gegnerinnen verdrischt; und wenn eben die Damen Prinz, Garefrekes und Co. die Blutgrätsche auspacken, entsteht eine Gesellschaft, in der klassische Weiblichkeit auf der Strecke zu bleiben droht.

Dass Sportarten wie Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Eiskunstlauf oder Dressurreiten die Anmut, das Bewegungsgefühl von Frauen wesentlich besser zum Ausdruck bringen, wagt in unserer "politisch korrekten“, in puncto Geschlechterverhältnis intellektuell gleichgeschalteten Gesellschaft kaum noch jemand zu erwähnen. Nicht zuletzt, weil genau diese Gesellschaft einen Männertypus hervorgebracht hat, der allein schon deshalb alles (vermeintlich) Gleichstellungsbejahende abnickt, weil er fürchtet, anderenfalls als "Chauvi“ dazustehen und seine Chancen beim anderen Geschlecht zu verspielen.

Lässt sie sich einen Bart wachsen?

Doch einer Männerminderheit, die sich nicht bis in jede Überspanntheit hinein verbiegen lassen möchte, bleibt angesichts der Maskulinisierung der Damenwelt skeptisch. Diese Minderheit stellt sich die bange Frage, was nach Birgit Prinz und Regina Halmich noch so alles kommen mag. Zieht die Partnerin in Zukunft die Winterreifen auf? Schlägt sie samstags vor, zu "Media-Markt“ und "nicht immer in diese ganzen Boutiquen und Schnickschnack-Läden“ zu gehen? Möchte sie lieber einen Selbstjustizthriller "und bitte keine Schmonzette“ sehen? Und was käme danach? Begrüßt sie anrufende Freundinnen mit "Na, Alter, alles klar?“ Lässt sie sich einen Bart wachsen?

Kurzum: Man(n) kann sich im Herbst 2008 mitunter etwas verloren vorkommen. In jüngster Zeit ermutigt allerdings ausgerechnet die Damenwelt die Herren der Schöpfung. Denn nicht wenige Frauen räumen im vertraulichen Gespräch ein, dass sie vor Männern, die zu jeder Kapriole der ("postfeministischen“) Frauenbewegung Ja und Amen sagen, jeglichen Respekt verloren hätten. Tenor: Mit solch’ "rückgratlosen Weicheiern“ könne man bestenfalls ’mal ins Kino oder ein Café gehen – "mehr aber nicht“. Im Übrigen gilt andersherum: Für allzu nassforsch, allzu burschikos auftretende Damen können sich – nachweislich – nur die wenigsten Herren erwärmen.


 

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