Atomstrom aus Schleswig-Holstein

Läuft der Meiler Brokdorf bis 2060?

12. September 2010 | Von Henning Baethge, Schleswig-Holstein am Sonntag

Quelle: pa

Bild 1 von 2
Folgen der beschlossenen Laufzeitverlängerung für die Atommeiler: Das Land kann entscheiden, ob Brunsbüttel früher abgeschaltet wird - und Brokdorf viel später.

Kiel. Die Rechnung überrascht, aber sie stimmt: Das letzte Kernkraftwerk in Schleswig-Holstein könnte erst 2060 vom Netz gehen. Das Datum ergibt sich aus der von der Bundesregierung beschlossenen Laufzeitverlängerung und der Möglichkeit zur Übertragung von Restlaufzeiten von älteren Reaktoren auf neuere, wie sie auch die Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag befürwortet. Sollten die derzeit stillstehenden Pannenmeiler in Brunsbüttel und Krümmel also nicht wieder ans Netz gehen und ihre verbleibende Frist auf Brokdorf transferieren, könnte der jüngste Meiler im Land bis 2060 Strom produzieren.

Zwar ist nicht gesagt, dass es so kommt. Doch zeigt die Rechnung, dass eine genaue Vorhersage der Reaktorlaufzeiten komplizierter ist, als es die einfache Formel der Bundesregierung suggeriert. Derzufolge erhalten alle Atommeiler, die bis 1980 in Betrieb gingen, acht Zusatzjahre - alle anderen bekommen 14. Für die drei Werke in Schleswig-Holstein bedeutet das auf den ersten Blick: Brunsbüttel läuft bis 2021, Krümmel und Brokdorf bis 2033.

Fristverlängerung in Form von Strommengen

Allerdings ergibt sich die erste Unsicherheit schon daraus, dass die Fristverlängerung nicht in Form von Zusatzjahren, sondern von Zusatzstrommengen kommt. Krümmel etwa erhält nicht 14 Jahre mehr Laufzeit, sondern eine zusätzliche Strommenge, die der Normalproduktion von 14 Jahren entspricht. Muss der Normalbetrieb öfter mal eingeschränkt werden, verlängert sich die Frist. Das kernkraftkritische Forum Contratom veranschlagt daher schon jetzt zwei Jahre mehr Laufzeit für Krümmel als Betreiber Vattenfall. Auch führt die Regelung dazu, dass Restlaufzeiten nicht einfach in Jahren übertragen werden können: Die Strommenge, die Brunsbüttel bei Normalbetrieb in elf Jahren herstellt, schafft Brokdorf in der Hälfte der Zeit. Also würde ein Strommengentransfer von Brunsbüttel nach Brokdorf die Lebensdauer des größeren Meilers zwar verlängern - aber nur um gut fünf Jahre.

Maßgeblich für die wirklichen Laufzeiten der drei Meiler im Norden wird aber nicht zuletzt sein, was die Landesregierung plant. Bundesumweltminister Norbert Röttgen will die Länder als Atomaufsichtsbehörden ermächtigen, "zusätzliche dynamische Sicherheitsstandards zu formulieren". Damit erhält Schleswig-Holstein eigenen Spielraum, Druck auf die Betreiber zu machen. So könnte das Land mehr Notkühlsysteme fordern als Bayern. Oder Rohrleitungen früher austauschen lassen als Hessen.

Zwar gibt es eine hastig vom Bund mit den Ländern verhandelte Liste, die Zusatzauflagen erst mal auf bestimmte Schritte beschränkt. Doch ist die nicht verbindlich - die Länder können in Grenzen darüber hinausgehen. Zwar soll zudem die Nachrüstung eines Werks die Energiekonzerne nicht über 500 Millionen Euro kosten. Doch ältere Meiler kann schon dieser Betrag unrentabel machen. So würde sich eine teure Nachrüstung für acht Jahre Zusatzlaufzeit des alten Meilers in Brunsbüttel womöglich nicht lohnen - eine nicht ganz so teure Nachrüstung für 14 Jahre Zusatzlaufzeit des neueren Meilers in Krümmel schon eher. Vattenfall will zwar beide Reaktoren "langfristig weiterbetreiben", wie Firmensprecherin Barbara Meyer-Bukow sagt. Doch zu neuen Sicherheitsauflagen erklärt sie auch: "Solange wir nicht wissen, was auf die Kernkraftwerke zukommt, können wir nichts Genaues über die Zukunft sagen."

Die CDU begrüßt die Laufzeitverlängerung für alle drei Meiler

Ginge es nach der FDP und dem für die Atomaufsicht zuständigen parteilosen Justizminister Emil Schmalfuß, würde das Land einen strikten Sicherheitskurs fahren und sowohl Brunsbüttel als auch Krümmel lieber früher als später abschalten. Aber ob sich davon auch ihr Koalitionspartner überzeugen lässt? Die CDU begrüßt ja die Laufzeitverlängerung für alle drei Meiler. Im Landtag verteidigte Fraktionschef Christian von Boetticher diese Woche den Berliner Beschluss, im Kabinett zeigte sich Ministerpräsident Peter Harry Carstensen nach Angaben eines Ministers "not amused" über die Kritik des auf FDP-Ticket amtierenden Schmalfuß. Andererseits sind auch Schmalfuß und die Liberalen nicht amüsiert über die Berliner Pläne: Es sei "falsch, störanfälligen Kernkraftwerken eine pauschale Verlängerung der Laufzeiten zuzusprechen", schimpfte Schmalfuß.

Realistisch könnten am Ende Auflagen sein, die dazu führen, dass nur Brunsbüttel vom Netz geht und Vattenfall die Restlaufzeit auf das Werk in Brokdorf überträgt, an dem der Konzern ebenfalls beteiligt ist. Betreiber Eon könnte Brokdorf dann immerhin fast bis 2040 laufen lassen.

Die Kraftwerke in Schleswig-Holstein

Durch die beschlossene Laufzeitverlängerung erhalten alle Atommeiler, die bis 1980 in Betrieb gingen, acht Zusatzjahre – alle anderen bekommen 14. Für die drei Kernkraftwerke in Schleswig-Holstein bedeutet das:

Brunsbüttel
– seit 1977 am Netz – kann bis 2021 laufen
Krümmel – seit 1984 am Netz – kann bis 2033 laufen
Brokdorf – seit 1986 am Netz – kann bis 2033 laufen


 

Leserkommentare

 
JOERG BECKMANN 15.09.2010 18:57
Wunderbare FDP in Sachen Atom!

Wunderbar, wenn die Landes-FDP in Sachen Sicherheit der KKWs klaren Kopf behält. Hier könnte es sogar zu einem Bündnis mit SPD und den Grünen kommen, Egal. Viel wichtiger, dass die beiden bisher so maroden Meiler Brunsbüttel und Geesthacht möglichst gar nicht (Achtung Terrorgefahr aus der Luft) ...und wenn, dann nur unter höchsten+teuren Sicherheitsauflagen wieder anlaufen dürften. Besser: Ihre Restlaufzeiten auf das wesentlich modernere Brokdorf zu übertragen...Und dafür Brokdorf noch mal sicherer machen. Das wäre glaubwürdige Poltik im Sinne der Mehrheit der Menschen an der Westküste. (Ich möchte betonen, dass ich kein Mitglied der FDP bin!)

HANS STEIN 16.09.2010 12:06
Blauäugig

Wer glaubt, dass die FDP einen klaren Kopf behält, der kennt die FDP nicht. Die werden wieder zugunsten der Wirtschaft umfallen. Sie sind doch die Umfaller-Partei schlechthin.

Und wenn nicht einmal der Umweltminister der CDU bei den "Verhandlungen" mit der Atom-Lobby am Tisch saß, dann wissen wir doch, dass es gar nicht um Sicherheit und Umwelt geht.

Es ist unendlich peinlich, wenn der Gesetzgeber mit der Industie verhandeln muss. Ist die Atom-Lobby Gesetzgeber oder die Regierung? Das ist Bananenrepublik pur. Es ekelt mich an!

JOERG BECKMANN 16.09.2010 19:01
Die Hoffnung stirbt zuletzt

Danke @ Hans Stein, dass Sie meine beschriebene Hoffnung auf die FDP in Sachen Kernkraft und Sicherheit vor Terroranschlägen der "Blauäugigkeit" zeihen. Ich allerdings halte dafür, den Politikern- auch denen der FDP- zu glauben, wenn sie öffentlich versprechen, sich um die Frage der Sicherheit vor Terroranschlägen bei KKWs zu kümmern. Ich möchte die Politik also dann auch bei ihrem Wort nehmen. Wer wie Sie augenscheinlich der FDP gar nichts zutraut, selbst wenn die sich etwas zutraut, macht die Sache von vornherein hoffnungslos. Bei Ihnen - anders ausgedrückt,stirbt die Hoffnung offenbar zuerst, bei mir ...immer noch zuletzt. Warten Sie doch mal ab, wer von uns beiden mehr enttäuscht wird. Jedenfalls geht es hier um eine viel zu ernste Sache, als dass wir nicht doch Hoffnung haben müssen. Und warum dann nicht auch auf die Landes-FDP? Störrisch und eigenwillig ist sie ja schon oft.

HANS STEIN 16.09.2010 22:18
Realität gegen Hoffnung

Die FDP hat öffentlich versprochen, die Steuern zu senken und ein vereinfachtes Steuer-System zu schaffen -> herausgekommen ist die Vergünstigung für Hoteliers. Dies ist nur ein Beispiel für öffentliche Versprechungen.

Und in der Gesundheits- und Wirtschaftspolitik nur Flickschusterei, leere Worthülsen und Lügen.

Die CDU/CSU und FDP machen Klientelpolitik. Das wird sehr deutlich, wenn man sich mal die Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten ansieht: 38,7 % der FDP-Abgeordneten haben Nebeneinkünfte, bei den Grünen sind es nur 5, 9 % und bei der SPD 13,8 %. Nun dürfen Sie mal Ihre Phantasie freien Lauf lassen, wo die ihren zweiten und dritten Job haben. Mit Sicherheit nicht in sozialen Einrichtungen.

Und weshalb Sie ausgerechnet Kubicki trauen (eine Mülldeponie im Osten lässt grüßen), lässt bei mir nur den Schluss zu, dass Sie der FDP sehr nahe stehen. Na ja, mit Ihrer Stimme schafft sie vielleicht die 5 %-Hürde, diese Hoffnung sollten Sie natürlich haben.

JOERG BECKMANN 17.09.2010 16:39
Nein: Mit Absicht beim Wort nehmen!

Die FDP@ Hans Stein habe ich vor Jahren mal gewählt, als sie noch eine sozialiberale Partei war. Hier gehts mir darum, eine Partei bei ihrem Wort zu nehmen. Die Sache ist nämlich zu ernst, um sie einfach so durchgehen zu lassen. Motto: Die Parteien versprechen so und so viel und halten wenig. Hier muss man die FDP immer wieder an ihr Wort erinnern. Genau wie Sie es zurecht - mit dem Thema "Hoteliers" getan haben.



Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden

Warum muss ich mich anmelden/registrieren?

shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.

Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!

 

SHZ.DE MOBIL

Auch unterwegs bestens informiert!

Mit der iPhone-App und dem Mobilportal von shz.de haben Sie die neuesten Nachrichten aus Schleswig-Holstein immer zur Hand.

Weitere Informationen...

 
INSTITUT50PLUS
Lebendig leben...
Angebote für eine aktive Lebensgestaltung
 
HÄUFIG GELESEN

Acht Verletzte bei zwei Unfällen

Innerhalb von zehn Stunden krachte es gleich zwei Mal kurz vor Schafflund (Kreis ...mehr

 
 


KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ