Nordsee als Nahrungsquelle

Keine Spur mehr von Kutter-Romantik

7. Juli 2010 | Von Tomma Schröder

Die Fischerei kommt in dem neuen Raumordnungsplan der Nordsee nicht vor. Sie könnte von wirtschaftlich bedeutenderen Branchen an den Rand gedrängt werden.

"Ich möchte noch fischen, wenn ich 60 bin", sagt Niels Friedrichsen, 1. Vorsitzender im schleswig-holsteinischen Landesverband der Küsten- und Krabbenfischer. Foto: Ruff

Im Kopf macht es leise "klick". Ein Urlaubsalbenklassiker: Glitzerndes Wasser, bunte Kutter, weiter Horizont. Es ist still, nur ab und an ist ein Knartschen der Festmachertaue zu hören, ein Möwenschrei, das Geplauder zweier Fischer.

Ein Dieselmotor durchbricht die Stille. Niels Friedrichsen hat ihn angeworfen, um die Baumkurren seines Kutters zu kontrollieren. In Arbeitsanzug und blauem Kapuzenpulli steht der Krabbenfischer im Führerhaus. Es ist neun Uhr morgens, und es gibt noch viel zu tun.

Zahn der Zeit

Kutter "Jonas" soll heute wieder Farbe bekommen. Der Zahn der Zeit nagt im Salzwasser gnadenlos an den Schiffen. Er nagt aber auch am ganzen Berufsstand, meint Friedrichsen. Manchmal wünscht er sich, zur Zeit seines Vaters oder Großvaters gelebt zu haben. Als die Meere noch freier waren - und die Fischer auch. Dass es überhaupt noch Fischer gebe, läge am Berufsstolz, meint jemand im Büsumer Hafen. "Dieser Beruf ist wie der Geruch, der von ihm ausgeht. Er steckt in jeder Faser, und man wird ihn auch beim kräftigsten Schrubben nie wieder ganz los."

Friedrichsen kennt diesen Geruch seit seiner Kindheit. Er ist Fischer in vierter Generation. Er würde diesen Beruf nicht wieder wählen, sagt er. Er sagt aber auch: "Ich möchte noch fischen, wenn ich 60 bin." Deswegen hat sich der 30-Jährige 2009 zum Vorsitzenden des Landesverbandes der Krabben- und Küstenfischer in Schleswig-Holstein wählen lassen.

Viele Sperrgebiete

Im Moment beschäftigt ihn wie viele andere Fischer die Sorge um ihre Fanggebiete: Es gibt Natura 2000-Gebiete, die für bestimmte Fischereien gesperrt sind, es gibt Schifffahrtswege, militärische Sperrgebiete, die Verlegung von Seekabeln und Pipelines, für die weiträumig abgesperrt wird, und seit Neuestem eben auch Offshore-Windparks.

Als Krabbenfischer ist Friedrichsen von den bisher genehmigten Windparks zwar nur marginal betroffen, die Fanggebiete für Plattfische aber werden erheblich beschnitten. Das Johann Heinrich von Thünen-Institut für Seefischerei hat ermittelt, dass etwa 52 Prozent der Seezungen, die heute aus der deutschen Nordsee angelandet werden, auf dem Gebiet geplanter Windparks gefangen wurden. Für die Scholle liegt der Anteil bei 35 Prozent, beim Steinbutt bei 40 Prozent. Den Krabbenfang in der Nordsee betreffen die Offshore-Parks dagegen nur mit 1,5 Prozent. Und davon, so meint Friedrichsen, lebten etwa 80 bis 90 Prozent der schleswig-holsteinischen Fischer.

Fangverluste durch geplante Elbvertiefung

Der 30-Jährige sieht aber auch diese Mehrheit als Verlierer im Kampf um die Nutzung der Nordsee. So fürchten sie etwa Fang- und Gebietsverluste durch die geplante Elbvertiefung: "Wir überlegen gerade, irgendwann mit unseren Kuttern die Elbe mal dicht zu machen. Das würde sicher Aufsehen erregen", sagt Friedrichsen und wirkt dabei fast stolz. Aber nur kurz. Dann holt er Luft und sagt: "Aber die machen das ja sowieso. Das ist ja schon beschlossen." Wozu argumentieren, wenn der Hamburger Hafen einen Jahresumsatz von circa einer Milliarde hat, die Krabbenfischer aber nur gut 32 Millionen Euro dagegen setzen können?

Im Raumordnungsplan der Nordsee kommen die Fischer denn auch gar nicht vor. Das hat zwar vor allem rechtliche Gründe, weil die Regelungskompetenz allein bei der Europäischen Union liegt. Die durch andere Nutzungen verursachten Nachteile für die Fischerei müssten aber berücksichtigt und kompensiert werden, fordert der deutsche Fischerei-Verband. Das Johann Heinrich von Thünen-Institut hat daher die Daten über Fanggebietsverluste zusammengestellt und will sie zukünftig bei der Raumplanung einbringen. Dann, so Direktor Gerd Kraus, sei auch gewährleistet, dass nicht nur einzelne Windparks, sondern die Auswirkung aller Anlagen berücksichtigt werde.

"Wir haben uns verkauft"

Doch ob den Fischern damit geholfen ist, bleibt fraglich. Zumindest bei den Krabben, die sich außerordentlich schnell vermehren, sind zu geringe Fangzahlen nicht immer das Problem. Im Gegenteil. Bei großen Fangmengen sinken die Preise und machen die Fischerei kaum noch rentabel. "Daran sind wir allerdings auch selber schuld", gibt Friedrichsen zu. "Wir haben uns verkauft." Viele örtliche Genossenschaften wurden für viel Geld an holländische Firmen verkauft, die heute fast den ganzen Krabbenmarkt kontrollieren. "Wir erfahren immer erst am Freitag, was wir für die in der Woche angelandete Ware bekommen", erzählt Friedrichsen.

Damit die Preise nicht ins Bodenlose fallen, haben die schleswig-holsteinischen Fischer sich auch schon einmal zusammengeschlossen: die Fangmenge pro Kutter sollte begrenzt werden, damit der Preis in die Höhe steigt. "Die Holländer brauchen nämlich unsere Krabben", meint Friedrichsen. Die Qualität der mit den riesigen Schiffen gefangenen holländischen Krabben sei so schlecht, da müsse man guten Fang mit untermischen, erzählt er. Geklappt hat diese Strategie aber nicht. Viele versuchten unter der Hand mehr Krabben zu verkaufen und machten die Aktion so zunichte. Fischer, seien eben manchmal hinterlistig, meint der 1. Vorsitzende des Fischerei-Landesverbandes. "Wie die Nordsee."

Krabben mit der Unterhose fangen

Denn auch die ist immer wieder für Überraschungen gut: Manchmal ist sie einfach leer. "Dann fragen wir uns schon, ob wir vielleicht die Bestände überfischt haben", sagt Friedrichsen. Aber dann komme irgendwann Wind aus Südwest. "Und plötzlich kann man die Krabben mit der Unterhose fangen."

Für die Nordseegarnelen, die sich sehr schnell vermehren, wurden deswegen bisher auch keine Fangquoten festgesetzt. Umweltschützer werfen den Krabbenfischern aber trotzdem vor, aufgrund der kleinmaschigen Netze zu viel Beifang aus dem Meer zu ziehen.

Zu viel Beifang

Um hier bessere Techniken zu entwickeln, müsste geforscht werden. Dafür, so Friedrichsen, solle voraussichtlich auch die Kompensationszahlung vom Windpark "Butendiek" verwendet werden, der knapp 100.000 Euro als Ausgleich für verlorenes Fanggebiet zahlen will. Denn der Beifang bereitet den Fischern nicht nur Probleme mit Umweltschützern, sondern auch viel Arbeit. Schon heute wird mit verschiedenen Techniken gearbeitet, die den Beifang möglichst früh und möglichst lebend wieder zurück ins Wasser befördern. Einiges aber muss dennoch später von Hand aussortiert werden. Und selbst im Fischladen finden sich dann oft noch kleine Krebse oder winzige Seesterne zwischen den Krabben.

Das merken allerdings nur die wenigsten Kunden. Die Mehrheit kauft Krabben abgepackt und fertig gepuhlt im Supermarkt."Das sind nur noch ein paar ältere Leute, die die Krabben direkt vom Kutter holen", sagt Friedrichsen. "Das stinkt ja! Und hier in Büsum sind die Leute ja so ein bisschen wie auf Sylt. So ein bisschen etepetete." Da muss der Krabbencocktail dann schon fertig angerichtet sein, auch wenn die kleinen Krebstiere dafür zum Puhlen nach Marokko und wieder zurück transportiert werden. "Schnell, billig und sauber", sagt Friedrichsen abfällig, gibt aber auch zu: "Ohne Marokko hätten wir wahrscheinlich gar nicht überlebt."

Um das zumindest in der heimischen Region wieder zu ändern, will Friedrichsen demnächst mit einem örtlichen Restaurant einen Kochkurs anbieten - mit Kutterbesichtigung und Krabbenpuhl-Lehrgang. Vielleicht, so seine Hoffnung, werden Kutter dann nicht mehr nur aus der Ferne geknipst, sondern auch mal betreten. Denn an den Geruch, so Friedrichsen, gewöhne man sich.

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