Journalistin im Bundestag

23. Juni 2009 | Von Lea Deuber

Reichstagskuppel in Berlin: Die Rendsburgerin Lea Deuber arbeitete im Bundestag.

Berlin / Rendsburg. "Oh, entschuldigen Sie, dass habe ich nicht gesehen." Der Sicherheitsbeamte winkt mich heran. Du bist sicher von der Presse, du kannst durchgehen." Das ist schon ein einmaliges Gefühl. Ich schiebe mich an den Wartenden vorbei und stehe im Haupteingang des Bundestages. Unweigerlich bestaune ich die hohen Säulen. Vier Tage wird der Bundestag mein Arbeitsplatz sein.

Als Redakteurin werde ich das Planspiel "Jugend und Parlament", an dem über 300 Schüler teilnehmen, publizistisch begleiten. Während der Veranstaltung schlüpfen die Teilnehmer in Rollen fiktiver Abgeordneter. Sie übernehmen neue Biographien und eine neue politische Gesinnung, um durch fiktive Gesetzesentwürfe den parlamentarischen Alltag zu erleben. Um das Planspiel realistisch zu gestalten, gibt es auch eine simulierte Presse.

In einem Team von zwölf Jungredakteuren gestalten wir einen Nachrichtenticker, eine Tageszeitung und ein Magazin. Der Nachrichtenticker gibt teilweise im Minutentakt Stimmungsbilder aus den Fraktionen ab. Die Tageszeitung als Frühstückslektüre fasst die Beschlüsse des vergangenen Tages zusammen.

Eine einschlägige Erfahrung dabei ist, dass unsere Nachrichten die Meinungsbilder der Abgeordneten bestimmen können. Was wir aufgreifen, wird später auch auf den Fluren und in den Arbeitsgremien diskutiert.

Wenn es um politische Statements geht oder um die Profilierung einzelner Abgeordneter in ihren Gremien, dann suchen sie als erstes uns, die Presse. Sie argumentieren, erklären und stellen ihre Meinungen dar, wettern gegen andere Parteien und feilen an ihrem Profil. Ob die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit oder einem befreiten Tibet - für eine Schlagzeile tun die Abgeordneten in spe fast alles.

Da in den Fraktionssälen keine Presse zugelassen ist, müssen wir, während der Lobbyphasen, wenn einige Abgeordneten von den Tagungssälen auf die Kuppel schlendern, Statements und Informationen über erste Entscheidungen sammeln. Man gewöhnt sich daran, dass Guido Westerwelle neben einem in den Fahrstuhl tritt und dann noch die Tür aufhält, weil ein Parteigenosse "Guido, warte" ruft.

Die Arbeitszeiten hingegen sind eine Herausforderung. Wenn nachts nämlich langsam die Lichter in den Fraktionssälen ausgehen, dann kann man sich fast sicher sein, dass ein Licht noch brennt. Die Zeitung muss noch auf den letzten Stand der Dinge gebracht werden, es wird also noch getippt, redigiert und diskutiert. Sechs Stunden noch, bis sie druckfrisch auf den Frühstückstischen der Abgeordneten zu finden sein muss.

Parallel zu dieser Arbeit, schreiben wir noch an dem Magazin "Jugend und Parlament". Das Magazin wird ein Jahr lang im Deutschen Bundestag ausliegen und von dem "Rollentausch" berichten. Reportagen zum Organisationsteam, Stimmungsbilder und eine Dokumentation zu den Beschlüssen gehören in das Blatt.

Durch das Arbeiten unter Zeitdruck kann es auch mal zu Fehlern kommen. Und am nächsten Morgen zu empörten Grünen, die ihr Statement missverstanden sehen, eine Mitte, die uns politische Befangenheit vorwirft und zu Linken, die zu einem Presseboykott aufruft. Normalerweise währt so etwas aber nicht lange. Früher oder später bekommen wir doch wieder Anrufe. Wie sollte man den sonst auch vom Presseboykott erfahren? Wenn nicht durch die Presse. Und dann hat unser Wort wieder Gewicht. Nicht umsonst spricht man bei den Medien von der vierten Macht im Staat.


 

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