Prozessbeginn

Fünf Kinderleichen in Darry - Mutter vor Gericht

23. Juni 2008 | 09:00 Uhr | Von Karen Katzke, dpa

Mit Kerzen und Stofftieren erinnern sich die Menschen an die toten Kinder von Darry. Foto: dpa

Sie hießen Aidan, Ronan, Liam, Jonas und Justin. Seit einem halben Jahr sind die fünf Kinder aus Darry tot. Vermutlich getötet von ihrer eigenen Mutter. Sie muss sich ab Freitag wegen Totschlags vor Gericht verantworten - doch sie gilt als schuldunfähig.

Gut sechseinhalb Monate nach der Familientragödie von Darry (Kreis Plön) beginnt am Freitag im Kieler Landgericht der Prozess um den gewaltsamen Tod der fünf kleinen Brüder Aidan (3), Ronan (5), Liam (6), Jonas (8) und Justin (9). Der Fall hatte bundesweit Entsetzen und Fassungslosigkeit ausgelöst. Die 8. Strafkammer will nun Antworten auf die Frage finden: Was treibt eine Mutter dazu, ihre Kinder umzubringen? Die Staatsanwaltschaft wirft der heute 32-jährigen vor, ihre fünf Jungen am "4. oder 5. Dezember 2007 vorsätzlich getötet zu haben". Sie muss sich wegen Totschlags verantworten, doch sie gilt als schuldunfähig.

Weil die junge Frau "wegen einer krankhaften seelischen Störung unfähig war, das Unrecht ihrer Taten einzusehen", beantragte die Staatsanwaltschaft ein Sicherungsverfahren. Sie will die dauerhafte Unterbringung der 32-Jährigen in der Psychiatrie erreichen, denn sie sei wegen ihrer psychischen Erkrankung gefährlich für die Allgemeinheit. Die Beschuldigte befindet sich auf Anordnung des Amtsgerichts Plön bereits seit der Tat vorläufig in der Psychiatrie.

Was geschah im ersten Stock des Einfamilienhauses wirklich?

Nach Bekanntwerden der Familientragödie waren zahlreiche Reporter und TV-Teams in das kleine schleswig-holsteinische Feriendorf gekommen. Sie veröffentlichten Details zu den möglichen Hintergründen des Geschehens. Was im ersten Stock des Einfamilienhauses zur Tatzeit wirklich geschah und welche Motive die junge Frau trieben, werden vor Gericht auch Ärzte und psychiatrisches Gutachten zu erhellen versuchen. Die 32-Jährige war den Berichten zufolge schon vor der Tat mehrfach in psychiatrischer Behandlung. Doch trotz Zusammenarbeit von Behörden, Medizinern, Sozialarbeitern und Jugenddienst sei ihre Gefährlichkeit nicht erkannt worden, hieß es etwa im "Spiegel". Am Ende habe sie schließlich einem Psychiater die Tötung ihrer Kinder gestanden. Doch da war alles zu spät: Er konnte nur noch die Polizei alarmieren, die die kleinen Leichen fand.

Ob sich die Mutter vor Gericht äußern wird, war vor Beginn des Verfahrens unklar. Ihr Verteidiger wollte vorab nichts dazu sagen. Um das eigentlich Unfassbare fassbar zu machen, sollen mehr als ein Dutzend Zeugen und Sachverständige gehört werden, darunter der amerikanische Vater der drei jüngsten Kinder. Der 35-Jährige tritt auch als Nebenkläger auf.

Beide Eltern hatten sich liebe- und verantwortungsvoll um ihre fünf Kinder gekümmert

In einem Fernsehbericht erhob der Vater Ende Februar schwere Vorwürfe gegen seine Frau und die Behörden. Sie litt nach seinen Worten an Wahnvorstellungen und habe öfter davon gesprochen, dass sie sich und den Kindern etwas antun wolle. Er habe sich deswegen mehrfach an die Behörden gewandt, doch die hätten ihn alleingelassen.

Gerüchte, dass die Kinder verwahrlost gewesen seien, bestätigten sich nicht. Nachbarn zufolge hatten sich beide Eltern liebe- und verantwortungsvoll um ihre fünf Kinder gekümmert, die ihnen alles abverlangten. Einer der Jungen soll autistisch gewesen sein und nachts gelärmt haben. Am Ende soll die junge Frau trotz behördlicher Hilfen völlig überfordert gewesen sein und wirre Stimmen, Geister und Dämonen gehört haben. Vor Gericht wird wohl auch die Frage eine Rolle spielen, ob es trotz der umfangreichen behördlichen Unterstützung Mängel in der Betreuung gab, wie der Vater behauptet.


 

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