Eintreten für den Ausstieg - Atomkraftgegner sind auf Tour
Brunsbüttel. Der Super Gau für Kerstin Schnatz ist an diesem Tag ganz nah. Und die ärgste Gefahr ist für die Atomkraftgegnerin nicht ein explodierendes Kernkraftwerk, sondern ein 49-jähriger Mann aus Kronprinzenkoog, der die 30-Jährige vor ihrem Stand in der Brunsbütteler Koogstraße anspricht. Denn der Mann hat ein paar gewichtige Fragen zu der Menschenkette, die Sonnabend zwischen den zurzeit still liegenden Kernkraftwerken in Krümmel und Brunsbüttel gebildet werden soll. Über 30 000 Demonstranten werden dazu erwartet, optimistische Schätzungen gehen sogar von 100 000 aus.
"Was soll denn das? Machen Sie das nur, weil jetzt der Jahrestag von Tschernobyl ist?", fragt er. "Na ja, wir machen eine Radtour von Brunsbüttel bis Krümmel, 120 Kilometer, so lang wie die Menschenkette werden soll", sagt Kerstin Schnatz, die mit vier anderen Atomkraftgegnern mit bunt geschmückten Rädern unterwegs ist. In Glückstadt, Pinneberg und Hamburg machen sie in den kommenden Tagen noch Station. Sie wollen "gerade in der Region ein Zeichen setzen - und auch zweifelnde Menschen überzeugen", sagt der gebürtige Flensburger Robin Palm, der sich in eine dicke Regenjacke gehüllt hat.
Zweifelnde Menschen wie der Mann aus Kronprinzenkoog, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er wolle doch nur neutral informiert werden. "Und wenn es keine Kernkraftwerke mehr gibt - sind Kohlekraftwerke günstiger für die Umwelt?", fragt er. "Natürlich nicht. Man muss mehr auf erneuerbare Energien setzen...", sagt die Atomkraftgegnerin - und kommt gar nicht erst dazu, weitere Ausführungen zum Thema zu machen. Denn der Dithmarscher schneidet ihr das Wort ab. Wer das denn bezahle, die Forschung für die erneuerbaren Energien. Und was man denn machen solle, wenn die Sonne mal nicht scheine oder der Wind nicht so stark wehe. "Atomstrom kostet auch Geld, wissen Sie was für Unsummen die Förderung von Uran kostet?", fragt die Atomkraftgegnerin und drückt dem Mann erstmal eine DVD in die Hand, auf der der Abbau in Australien thematisiert wird. Praktischerweise hat Schnatz den Film selbst produziert. "Und der Vorteil bei den erneuerbaren Energien ist, dass man nur einmal investiert, dann sind die Ressourcen wie Wind, Wasser und Sonne umsonst."
Der Kronprinzenkooger argumentiert, dass der Strom dann ja aber teurer werden könne, weil es möglicherweise zu wenig gebe. "Aber dann müsste der Strom doch jetzt knapp sein, wenn die Atomkraftwerke still liegen - ist er aber nicht", sagt Schnatz.
Dafür, dass es so bleibt, will sie weiter werben. "Wenn wir mit den Rädern durch die Landschaft fahren, sehen viele unsere Fahnen und werden auf die Menschenkette aufmerksam. Wenn dann ein paar dazu kommen, wäre das schon ein Erfolg." Vielen Menschen sei klar, dass sie angesichts der Bestrebungen der Betreiber, die Kernkraftwerke länger laufen zu lassen, der Kampf für den Atomaufsstieg wieder wichtiger werden. "Und viele sind bereit, dafür auf die Straße zu gehen."
Viele? Vielleicht. Gleich neben Schnatz bekommt eine korpulentere Brunsbüttelerin einen Flyer über die Menschenkette in die Hand gedrückt. "Hier steht ja auch ein AKW", bekommt sie gesagt. "Ah ja, stimmt, habe ich schon mal gesehen. Und Menschenkette? Super." Sagt’s und steckt den Zettel achtlos ein. Die nächsten Stopps der Radtour:
Heute: Glückstadt, Auf dem Marktplatz "An der Kastanie", 9.30 Uhr
Morgen: Pinneberg, Auf dem Platz vor der Drostei, 12.15 Uhr
Donnerstag, 22. April: Hamburg, Mönckebergstraße vor dem Vattenfall-Kundenzentrum,12 Uhr
Freitag, 23. April: Hamburg-Bergedorf, Bergedorfer Markt, 12.15 Uhr.



