Ein Leben mit den Schildkröten
Nortorf. Ein unscheinbares Einfamilienhaus in einer verkehrsberuhigten Zone am Rande Nortorfs - was auf den ersten Blick nach durchschnittlichem Familienidyll aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Paradies für gepanzerte Reptilien.
Seit mittlerweile einem Jahr haben die Naujoks eine Schildkrötenauffangstation in ihrem Heim. Derzeit bevölkern rund 30 Schildkröten Haus und Garten der Familie. Während sich die kleinste problemlos mit einer Handfläche zufrieden gibt, bringen die großen Land schildkröten bis zu sechzehn Kilo auf die Waage.
Für Karin Naujoks sind die Tiere eine Herzensangelegenheit. "Ich hatte schon immer Schildkröten", erzählt sie. "Und seit ich George habe, wurden es immer mehr." George ist eine Sporenschildkröte. Mit sechzehn Kilo Gewicht ist er eines der größten Tiere, die Karin Naujoks aufgenommen hat. "Andere Menschen haben einen Hund, wir haben George", sagt sie. "Er ist so etwas wie unser Maskottchen." Im Gegensatz zu vielen seiner Artgenossen im Hause Naujoks soll George allerdings nicht vermittelt werden. "Er gehört zur Familie", betont Karin Naujoks.
In der vergangenen Woche freute sie sich über einige Neuankömmlinge . "Ein vom Aussterben bedrohtes europäisches Sumpfschildkröten-Männchen kam zu uns. Das trifft sich sehr gut, denn von dieser Gattung haben wir schon ein Weibchen im Garten." Besonders für die Auffangstation sei außerdem die neue Köhlerschildkröte. "Die sind sehr selten." Der Tierschutzbund hatte das Tier vor falscher Haltung retten können. "Trotzdem hat sie einen kleinen Schaden davon getragen. Aber man sieht mit jedem Tag, dass es ihr besser geht", freut sich Karin Naujoks.
Die private Auffangstation für Schildkröten fordert der 44-Jährigen eine Menge Zeit und Arbeit ab. Neben dem täglichen Füttern und Versorgen der Tiere stehen auch viele organisatorische Angelegenheiten an. "So eine Auffangstation muss vom Veterinär- und Umweltamt abgesegnet sein", erklärt Karin Naujoks. "Das bedeutete für uns eine amtstierärztliche Abnahme, bevor wir überhaupt Tiere weitervermitteln durften. Dazu kommt eine genaue Buchführung." Ein Wochenende habe sie eigentlich nicht mehr. "Aber meine Familie zwingt mich, den Sonntag frei zu nehmen", lacht sie. Trotzdem habe sie den Schritt nie bereut. "Ich liebe das Leben mit den Tieren, und ich will, dass es weiter geht."
Karin Naujoks genießt einen sehr guten Ruf unter Schildkrötenliebhabern. "Wir haben Tiere aus Dresden, Berlin, Wiesbaden und vielen anderen Städten aus ganz Deutschland." Die Besitzer kämen oft angereist, um sich die Auffangstation näher anzusehen. Die Tierliebhaber schätzten die private Atmosphäre und Natürlichkeit der Auffangstation. "Keiner erwartet das", lacht Karin Naujoks. "Ich weiß nicht, womit die Leute rechnen, aber nicht mit einem normalen Wohnzimmer." Selbst der Tierpark Hagenbeck vermittelt Schildkröten an die Auffangstation im Haus der Naujoks weiter. "Außerdem arbeiten wir mit Tierheimen in Kiel, Schleswig und Hamburg zusammen." Einen besonderen Vertrauensbeweis erbrachte der Tierarzt der Familie: Als er umziehen musste, gab er seine Schildkröte der Auffangstation. "Das ehrt uns sehr."
Wichtig ist Karin Naujoks auch die psychologische Betreuung der Tierbesitzer. "Wer sein Haustier abgeben muss, der hat damit zu kämpfen", weiß sie aus eigener Erfahrung. "Ich möchte dafür sorgen, dass die Leute ein gutes Gefühl bei der Sache haben." Daher nehme sie sich für immer viel Zeit für die Besitzer. "Manche haben die Schildkröten schon seit 30 oder 40 Jahren, da fällt das Abgeben nicht leicht."
Das ganze Leben der Naujoks ist auf die Schildkröten ausgerichtet. "Ein solches Konzept ist nur mit Hilfe aller Mitglieder der Familie zu bewältigen", betont die Hausherrin. Im Garten des Hauses bietet ein Teich den Wasserschildkröten ein Zuhause, für die Land schildkröten hat die Nortorferin ein Gewächshaus mit zwei getrennten Abteilungen aufgebaut. Und auch das Gartenhäuschen ist mittlerweile fest in Schildkröten-Hand. Im Wohnzimmer der Familie stehen etliche Terrarien für Neuankömmlinge. "Wir hätten gern noch ein größeres Gewächshaus, um auch den schweren Landschildkröten dauerhaft im Garten einen Platz zu bieten", erzählt Karin Naujoks. "Aber da wir alles privat finanzieren müssen, ist das derzeit nicht möglich." So bringt die Mutter von fünf Kindern alle ihre tierischen Lieblinge jeden Morgen ins Freie und trägt sie abends zurück ins Wohnzimmer. "Das ist ein ungeheurer Aufwand. Leider fehlt es uns aber an Sponsoren."
Die Schildkröten sind nicht die einzigen Tiere, die sich im Haus der Familie finden. "Wir haben außerdem Vögel und Frösche", erzählt Karin Naujoks. Ganz neu sei auch ein Chamäleon. "Mein Sohn Veit hat ein solches Tier im Fernsehen gesehen." Der Siebenjährige war sofort begeistert. Jetzt schmückt ein Baum das Wohnzimmer der Familie, um dem exotischen Tier genug Freiraum bieten zu können. Einen Berufswunsch hat Veit, der jüngste Spross der Familie, auch schon: "Ich will mal Tierarzt werden."




