Namens-Zensur

"Die Welt lacht über Husum"

08. April 2008 | 08:52 Uhr | Von Oliver Havlat, Hauke Mormann und Frank Höfer

Harte Zeiten für die Babys in Husum: Beim Namen wird nichts dem Zufall überlassen. Foto: dpa

"Oh je, ich heiße Andrea und mein zweites Kind heißt Merle - sind wir nun Mutter und Tochter oder Vater und Sohn?" - Viele shz.de-Leser können die strengen Regeln im Husumer Standesamt nicht verstehen. Auch die Kirche kann nur schmunzeln.

"Globalisierung heißt nicht, dass man global bekloppt werden muss", schreibt eine shz.de-Leserin. Eine andere Frau fragt spöttisch: "Cheyenne Savannah darf ich meine Tochter nennen - obwohl alle das für Automarken halten. Aber Merle und Ida sind verboten?"
Die Leserinnen regen sich über die sture Haltung der Husumer Standesbeamten auf. Denn in der Stormstadt wird längst nicht jeder Vorname für Neugeborene akzeptiert. Wie berichtet, durften die Eltern Sandra Fay und Markus Koch ihrem Kind nicht den alleinigen Namen Merle geben. Ihre neun Wochen alte Tochter heißt nun Merle Sophie. Auch Ida, Anne und Maria sind in Husum ohne Zusatz weiterer Namen verboten.

Ein Verbot für Maria - Aufregung in der Kirche? "Das ist einfach nur lustig", sagt Dirk Schulz, persönlicher Referent des Bischofs für Schleswig, Dr. Hans Christian Knuth. Er sagt zuversichtlich: "Versuchen Sie mal, Ihre Tochter so zu nennen. Wenn es Probleme gibt, helfen wir Ihnen." Allerdings weist auch Schulz auf die männliche Bedeutung der Maria hin: "Denken Sie an Klaus Maria Brandauer."

Standesamt handelt streng nach Vorschrift

Die Behörde an der Nordsee beruft sich auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs, wonach bei der Namenswahl alle Eltern gleich behandelt werden müssen. Als Konsequenz halten die Husumer Standesbeamten sich streng an das unter anderem vom Bundesverband der Standesbeamten herausgegebene "Internationale Handbuch der Vornamen". Darin gilt Merle im englischen Sprachraum als männlich. Auch eine Maria oder Anne ohne Zweitnamen könnte im Ausland mit einem Mann verwechselt werden. "Wir handeln nach einer Dienstanweisung", sagt Standesbeamter Harald Eckholdt. "Der Name muss das Geschlecht erkennen lassen, eindeutig und überall auf der Welt. Behörden, die aus dem Bauch heraus entscheiden, machen es falsch." Auch seine Kollegin Birthe Bohnert hält sich strikt an die Vornamens-Bibel. "Früher haben wir nur in Zweifelsfällen ins Buch gesehen, jetzt prüfen wir in jedem Fall." Seit August gebe es die entsprechende Richtlinie. Aus persönlicher Sicht sei der Name Merle auch für sie "natürlich eindeutig weiblich".

Mit ihrer strikten Merle- und Maria-Zensur stehen die Husumer im Norden ziemlich alleine da. In Heide oder Niebüll hätte Merle eine Chance, und auch die Ämter in den anderen Landesteilen gehen weniger streng vor. In Bad Oldesloe würde man Maria auch ohne Zweitnamen beurkunden. "Im Grundsatz halten wir uns ebenfalls an das Internationale Handbuch. Es gibt aber Namen, bei denen wir es vielleicht gar nicht erst aufschlagen würden, weil die Namen einfach weiblich klingen", sagt Standesbeamtin Petra Schultz. Auch bei Anne sei dies der Fall.

Eckernförder gestatten Merle, können Bedenken aber nachvollziehen

In Eckernförde werden Andrea, Maria und Anne ebenfalls ohne Beinamen zugelassen. "Da sind wir großzügiger als in Husum", sagt Gitta Jeß, die in ihren 25 Jahren als Standesbeamtin schon viele kuriose Namen auf den Tisch bekam. Im Fall "Merle" nimmt sie die Kollegen von der Westküste jedoch in Schutz. "Da würde ich die Eltern ebenfalls bitten, sich einen zweiten Namen auszusuchen. Merle allein könnte später zu Verwechslungen führen, zum Beispiel bei der Einberufung zum Wehrdienst."

Der Trend, so Gitta Jeß, gehe einerseits zu althergebrachten, deutschen Vornamen. Andererseits würden immer mehr Eltern mit Namen ins Amt kommen, die in Deutschland noch nie beurkundet wurden. "Viele Eltern holen sich Ideen aus dem Internet. Vor allem in Amerika ist ja viel mehr möglich als bei uns."

Im Zweifel wird ein Namensgutachten erstellt

Im Zweifelsfall wendet sich die Standesbeamtin an die Namensberatungsstelle der Universität Leipzig. Dort wird ein Gutachten erstellt, das klärt, ob ein Vorname weiblich, männlich oder vielleicht nur eine verrückte Wortschöpfung ist.

Oder das Amt bekommt es mit der Justiz zu tun, wenn die Eltern nicht klein beigeben und ihren Anwalt in Marsch setzen. Bei "Spirulina" scheiterte eine solche Klage jüngst. Ein Elternpaar aus Kiel wollte ihre Tochter so nennen. Das Standesamt Eckernförde lehnte ab, und das Amtsgericht Kiel gab der Behörde Recht. Spirulina ist der Name eines Nahrungsergänzungsmittels aus Algen.


 

Leserkommentare

 
WESTERHOLM 07.04.2008 23:33
Die Welt lacht über Husum

Absurdistan - oder zurück ins Mittelalter ?
Aber Handbücher sind nun mal Handbücher und Vorschriften können wir nicht einfach mit Füßen treten - und Beamte dürfen das schon gar nicht. Also - ich selber bin in Husum zur Schule gegangen, hab' dort Abi gemacht und auch eine Mege Fun erlebt. Aber das war noch im vorigen Jahrtausend und die Welt hat sich halt geändert. Selbst wurde ich zwischenzeitlich wegen 5 EUR Parkgebühren von der Staatsanwaltschaft (nicht Husum) angeklagt - ein blow-up in Gang gesetzter Behörden-Apparat produzierte 'zig Kilo Papier und beschäftigte damit etliche treue Staatsdiener - wofür ? für Nichts. Ja, die Zeiten ändern sich - und wie hab' ich vor ein paar Tagen in einer Zeitung gelesen: Ach Deutschland !

GERDA MEYER-TRUELSEN 25917 LECK 08.04.2008 09:34
Die Welt lacht über Husum

Vor kurzem wurde berichtet von dem Husumer Mädchen, dass nicht allein Ida heissen darf, nun nicht Merle, und das alles nur nicht in Husum. Was soll das, haben die Standesbeamten nichts wichtigeres zu tun, als quer zu schießen? Müssen wieder Steuergelder rausgeschmissen werden, um eventl. teure Klagen zu tragen, man sollte vielleicht werdenden Eltern raten, vor einer Entbindung nachzufragen, ob der Name genehm ist, ansonsten den Entbindungsort wechseln, darüber freut sich sicher die Entbindungsabteilung Husum im KKH, diese wird dann sicher bald geschlossen wegen Unwirtschaftlichkeit. Ich denke, was machen denn diese Mädchen, die z.B. in Eckernförde geboren wurden, und z.B. eine Einberufung zur Bundeswehr bekommen? Sie schicken ihre Geburtsurkunde hin und der Irrtum ist erledigt, so es ihn überhaupt gibt. 0b wir ohne Zweitnamen als in Husum geborenes Mädchen in dem Rest der Welt gleich als Frau erkannt werden, ist ja wohl egal, die anderen " deutschen Idas oder Merles schaffen es ja scheinbar auch ganz gut. In jedem Teil der Welt klingen Namen eventuel so oder so, das ändert die Ignoranz der Husumer Standesbeamten aber auch nicht. Diesen Komentar können Sie veröffentlichen

MARLIES STRUPECK LENSAHN 15.10.2008 18:21
Die Welt lacht über Husum

Meine Tochter Merle ist nun schon fast 15 Jahre alt...auch wir brauchten damals für das Standesamt Oldenburg/H.schon einen 2 Namen.Wir haben den Namen Marie genommen....somit heißt sie nun Merle Marie.Das Standesamt Burg/F. erkannte nur den Namen Merle als weiblich an....ich denke es kommt einfach auf den Standesbeamten an ;-).

CARSTEN SÖRENSEN- 15.10.2008 23:14
Namensgebung in Husum

Husum und Nordfriesland ist anders!
Wäre die graue Stadt am Meer nicht durch Theodor Storm in seinen Novellen weltweit bekannt geworden, wäre die Posse der Husumer Standesbeamten die richtige Romanvorlage für einen Fernsehfilm der besonderen Art mit dem Titel: "Zurück in die Steinzeit" zum Tragen.
Liebe Mitarbeiter des Standesamtes, Sie werden noch weltberühmt..

ANNE-CONSTANZE 16.11.2008 18:56
Sagt mir bescheid!

Falls jemand weiß wo auf diesem Planeten "Anne" als männlicher Vorname fungiert möge man mir bitte bescheid sagen ^-^
Vielleicht darf ich auch nur so heißen weil mein Vater mit dem Standesbeamten befreundet war *lol* oder weil in in HH geboren wurde :D



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