Datenskandal

"Die Spitze des Eisbergs wird größer"

18. August 2008 | 13:35 Uhr | Von shz.de

Datenschützer beklagen: "Praktisch jeder Mitarbeiter eines Callcenters kann personenbezogene Daten zu Geld machen." Dem müsse ein Riegel vorgeschoben werden. Foto: dpa

Erst waren es 17.000 Datensätze - jetzt sind es 130.000. Die Kieler Datenschützer haben eine neue CD mit Kontodaten erhalten. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert Datenprüfungen, ähnlich wie Steuerprüfungen.

"Der illegale Datenhandel und die illegale Datennutzung haben offensichtlich eine Dimension, die sich rechtschaffende Menschen bisher nicht vorstellen konnten", sagt Schleswig-Holsteins Datenschützer Thilo Weichert. Es ist bereits die dritte Daten-CD, die dem Datenschützer vorliegt. "Die Spitze des Eisbergs wird größer."

Der Skandal begann am 11. August: Die Verbraucherzentrale in Kiel erhielt einen Silberling mit 17.000 Kontodaten ahnungsloser SKL-Kunden. Die Daten wurden vermutlich aus Callcentern illegal weiter gereicht. Am 15. August die nächste CD - mit rund einer Million Datensätzen. Einige Informationen darin lassen sich auf die Firma Lotto Team in Köln zurückführen, teilt das Datenschutzzentrum (ULD) in Kiel mit. Heute tauchte die dritte CD auf. Darauf fanden sich Daten von Kunden mehrerer Lotteriegesellschaften, unter anderem der Norddeutschen- und Süddeutschen Klassenlotterie (NKL und SKL). Das ULD gibt an, den Datenträger von einer Frau aus Süddeutschland erhalten zu haben.

Mafiöse Strukturen für ein Milliardengeschäft

"Der Handel mit persönlichen Daten ist ein Milliardengeschäft, in dem es mafiöse Strukturen gibt", sagt Bernd Carstensen, stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Ohne dass etwas protokolliert wird, könne jeder Mitarbeiter Daten von Kunden speichern und zu geld machen. Carstensen fordert deshalb den Einsatz von Datenfahndern, die unangekündigte Kontrollen vornehmen. "Der Datenmissbrauch in der Wirtschaft ist eine gewaltige, neuartige Herausforderung, auf die der Rechtsstaat nur im großen Maßstab reagieren kann", so Carstensen. Rechtlich seien Prüfungen möglich, sie werden jedoch nicht ohne einen konkreten Anfangsverdacht gemacht. "Die Datenschützer kontrollieren regelmäßig in den Behörden, welche Daten zu welchem Zweck gespeichert werden und wohin sie gelangen", erläutert Carstensen. Auch in der Privatwirtschaft sollten solche Kontrollen eingeführt werden, ähnlich wie Steuerprüfungen. Den Handel mit personenbezogenen Daten im Gesetz nur zu verbieten, reiche nicht.

Im Kieler Datenschutzzentrum laufen indes seit Mittwoch die Telefone heiß. "Hunderte besorgter Menschen wollen wissen, ob ihr Name auf der zuerst gefundenen CD aufgeführt ist", heißt es in einer Pressemitteilung. Im Sinne einer raschen Aufklärung bitten die Datenschützer darum, vorläufig von Anfragen abzusehen.


 

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