"Gorch Fock"-Unglück
"Die Rettungsaktion ist zur Suchaktion geworden"
Die "Gorch Fock" unter Segeln auf der Kieler Förde. Dort war sie am 28. August zu ihrer Herbstreise ausgelaufen. Foto: dpa
Hubschrauber, Aufklärungsflugzeuge, ein Minensucher und zwei Schnellboote durchkämmen seit Sonnenaufgang die Nordsee, etwa 20 Kilometer vor Norderney. Dort war in der Nacht zu Donnerstag eine 18-jährige Offiziersanwärterin während ihrer Deckswache über Bord gegangen. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) hat ihre Beteiligung an der Suche Donnerstagabend um 20.30 Uhr eingestellt. In dem 17 Grad kalten Wasser könne ein Mensch fünf bis sieben Stunden überleben, schätzte DGzRS-Sprecher Andreas Lubkowitz.
"Das Wetter über dem Suchgebiet ist wolkig, aber beständig", sagt ein Marinesprecher am Morgen. Westwind mit etwa 20 Stundenkilometern lässt die Nordsee rund einen Meter hohe Wellen schlagen. Doch am Nachmittag werden Sturm und Regen erwartet. Auch wenn die Hoffnung zuletzt sterbe, bestehe für die junge Frau kaum noch eine Überlebenschance. "Aus der Rettungsaktion ist eine Suchaktion geworden", sagt Korvettenkapitän Arne Krüger vom Marine-Pressezentrum Glücksburg.
"Allen Seeleuten eine glückliche Heimkehr"
Auf der Homepage der "Gorch Fock" wird der Besucher mit einem ergreifenden Bild begrüßt: Segelschiffe liegen auf ruhiger See im Sonnenuntergang. Darunter die Zeilen: "Allen Seeleuten eine glückliche Heimkehr." Das Schiff ist Donnerstagabend um 21 Uhr in Wilhelmshaven eingelaufen. Dort werden die Crewmitglieder psychologisch betreut. Die Staatsanwaltschaft Kiel und die Polizei in Wilhelmshaven haben die Ermittlungen aufgenommen. "Wir haben ein sogenanntes Vorprüfungsverfahren eingeleitet", sagt der Kieler Oberstaatsanwalt Uwe Wick. "Wir prüfen, ob es möglicherweise einen Anfangsverdacht für Fahrlässigkeiten oder Straftaten gibt". Zurzeit werde die Besatzung befragt. "Wir versuchen, die Fakten zusammenzutragen und die Tatumstände aufzuklären", erklärt Wick. Wann das Segelschulschiff seine Reise fortsetzt, ist noch ungewiss.
Die Kadettin trug während ihrer Wache keine Schwimmweste. Korvettenkapitän Krüger: "Das wird nur bei Arbeiten außerhalb des Schiffes gemacht". Normalerweise soll ein Zaun um das Schiff herum die Besatzung vor Stürzen schützen. Warum die Kadettin trotzdem über Bord ging, muss in den Ermittlungen geklärt werden.
"Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben"
Die für heute geplanten Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der "Gorch Fock" in Hamburg sind abgesagt - ebenso Marinefeiern der kommenden Tage, wie der Marineball am Sonnabend in Flensburg.
Auf der "Gorch Fock"-Homepage schreibt die ehemalige Stammbesatzung: "Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben und unsere Gedanken und unsere Gebete sind zusammen mit denen der ganzen Besatzung bei dem verunglückten Mädchen in der kalten Nordsee."
Stichwort: "Gorch Fock"
Das Segelschulschiff der Marine wurde vor 50 Jahren auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut. Es lief am 23. August 1958 vom Stapel. Seitdem haben rund 14.000 Kadetten auf der "Gorch Fock" Seemannsknoten und Teamwork gelernt. Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 Lehrgangsteilnehmer. Auch Anwärter des Heeres und künftige Sanitätsoffiziere werden auf dem Marineschiff ausgebildet. Seit 2006 hat Kapitän zur See Norbert Schatz das Kommando über die "Gorch Fock", die als Botschafterin Deutschlands auf allen Weltmeeren gilt.
Das Schiff ist 89 Meter lang und 12 Meter breit; der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Vor ein paar Wochen noch wurde an Bord das Jubiläum gefeiert. Ein Video dazu sehen Sie hier.





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